Achtunddreißig

"Death is everywhere in life."
(SPK - "Auto Da Fe")


Cato war nur als Hologramm anwesend. Cyra konnte deshalb nie mit ihm frühstücken. Sie saß in einem elfenbeinfarbenen Unterkleid aus spitzenbesetzter Seide an einem Holztischchen, auf dem alles stand, was sie zum Frühstück mochte - Kakao mit Amaretto und Schlagsahne, Wheetabix, Sahnejoghurt und Kinderschokolade. Das Zimmer war fast leer; auf den groben Dielenbrettern standen außer dem Tisch mit vier Stühlen nur noch ein schwarzgraues Stahlbett und ein weiß lackierter Schrank mit Türen aus Peddigrohr-Flechtwerk. Das halbmondförmige Fensterchen über der Balkontür war gekippt.
"Es ist erst vier Uhr morgens und schon so hell und so warm", sagte Cyra zu Cato, dessen Hologramm ihr gegenüber auf einem Stuhl saß. "Du kannst die Wärme nicht fühlen. Aber du kannst die Morgenröte sehen da draußen."
"Also, ich muß dir heute endlich etwas erzählen ... das habe ich noch niemandem erzählt ..."
"Du darfst nicht vergessen, du bist Teil eines Forschungsprojekts", mahnte Cyra. "Du wirst beobachtet. Alles, was wir sagen und was wir tun, wird aufgezeichnet für die Studie über Hologramme ... zumindest immer dann, wenn wir uns begegnen."
"Es gibt für uns beide ein Privatleben, aber kein gemeinsames für uns", wußte Cato. "Aber das kümmert mich nicht. Ich muß das loswerden."
"Dann erzähle es ..."
"Ich war mal in einem Militärlager."
"Als Gefangener?"
"Nein, als Teilnehmer einer Schulung."
"Das hört sich harmlos an."
"Das war es auch ... eigentlich."
"Wo war denn das Militärlager?"
"In einer rechtsfreien Zone. Das ist eine Gegend, wo das Handy kein Netz hat."
"Eine Wüste?"
"Nein, eine schöne Gegend ... berauschend schön ... ein Wald am Hang, recht steil. Wenn es Mittag ist, leuchtet die Sonne durch die Lücken im Blätterdach auf das Laub am Boden ..."
"Wie gern würde ich wieder einmal einen Waldspaziergang machen."
"... und im Laub liegen Patronenhülsen ... und die Überreste von Handgranaten ..."
"Und manchmal auch eine Handgranate, die noch nicht losgegangen ist?" fragte Cyra. "Oder eine Schmetterlingsmine?"
"Jedenfalls sollte man in diesem Wald nicht spazierengehen."
"Und in dem Wald war das Militärlager."
"Zwischen den Bäumen stehen ein- bis dreigeschossige Betongebäude, verwinkelt und untereinander verbunden ... alle aus grobem grauem Beton; sie würden wie Bunker aussehen, wenn sie nicht so große Fenster hätten. Da waren die Schulungsteilnehmer untergebracht, eingeteilt in Gruppen von je vierzig Leuten. In dem Kurs ging es um Survival-Training, Rhetorik und Menschenführung. Im Rahmen des Survival-Trainings wurde auch der Umgang mit Waffen geübt."
"Warum hast du denn an dem Kurs teilgenommen?"
"Das liegt an meiner Ausbildung", erklärte Cato. "Ich hatte erfahren, daß ich wesentlich bessere Chancen habe, beruflich in eine gehobene Position zu kommen, wenn ich diesen Kurs mitmache."
"Und hat sich das bewahrheitet?"
"Die Bescheinigung habe ich, die kann mir von Nutzen sein."
"Wußtest du denn, was dich in dem Kurs erwartet?"
"Teilweise schon ... "
"Wenn du alles gewußt hättest, hättest du dann mitgemacht?" fragte Cyra.
Sie sah Catos Hologramm erschauern.
"Cato, wenn du mir Einzelheiten von diesem Kurs erzählst ... es könnte doch sein, daß die Aufzeichnungen an die Falschen geraten", gab Cyra zu bedenken. "Hör' lieber auf, wenn es gefährlich für dich wird."
"Gefahr liegt im Auge des Betrachters", meinte Cato. "Der eine fürchtet sich davor, sein Leben zu verlieren. Der andere fürchtet sich davor, sich selbst zu verlieren."
"Ich will dich nicht verlieren."
"Aber ich bin doch nur ein Hologramm."
Cyra schüttelte den Kopf.
"Wir haben uns schon umarmt", rief sie ihm ins Gedächtnis. "Das war auf diesem Kongreß ..."
"Warum haben wir uns da eigentlich umarmt?"
"Vor der Garderobe, da habe ich gesehen, wie zwei oder drei von deinen Bekannten dich umarmt haben, und da habe ich gedacht, was die können, kann ich schon lange."
"Und dann ... konntest du mich nie mehr vergessen."
"Das hätte ich sowieso nicht gekonnt."
Cyra saß still da und blickte in Catos virtuelle Augen.
"Zwei Jahre ist es her", begann er zu erzählen. "Als ich in dem Militärlager ankam, wurde mir eine der Kursgruppen zugeteilt. In dieser Gruppe waren nur achtunddreißig Leute, nicht vierzig wie in den anderen. Ich vermute, daß zwei Leute abgesprungen waren und es deshalb nicht genau paßte. Ich bekam ein Kursprogramm, eine Art Stundenplan. In einem Stuhlkreis machten wir diese Kennenlern-Spiele ..."
"Oh je, du hast mein Mitgefühl."
"Da wurde ein gerußter Korken herumgegeben, und wer den Korken hatte, mußte seinen Namen nennen ... und die Gruppenzugehörigkeit. Wenn man sich versprach, wurde das Gesicht gerußt."
"Hast du dich retten können?"
"Diese Kennenlern-Spiele mußte ich nicht leiten, das machte Tami, die Praktikantin. Ich habe mir währenddessen die Katakomben der Betongebäude angesehen, weil ich mich für militärische und industrielle Bauwerke interessiere. Als ich wieder nach oben kam und durch eine Drahtglastür in den Gruppenraum geschaut habe, hatten alle Kursteilnehmer vollkommen rußgeschwärzte Gesichter."
"Nur du nicht."
"Das hat dem Schulungsleiter gar nicht gefallen, glaube ich."
"Hat der was gesagt?"
"Darüber nicht, nein. Er stand im Flur und hat den Kursteilnehmern zugesehen, wie sie in die Waschräume gelaufen sind und sich mit gequältem Kichern von dem Ruß befreit haben. Und dann ist sein Blick auf mich gefallen ... ein leerer Blick, der Blick einer Maske, ohne jeden Ausdruck ..."
"Hatte der Schulungsleiter auch Ruß im Gesicht?"
"Nein, und das war es wohl, was er als Anmaßung empfunden hat - daß ich es gewagt habe, mich mit ihm auf eine Stufe zu stellen."
"Und dann kam die Rache ..."
"Ich kann nicht einmal sagen, ob es Rache war oder einfach zu dem Kurs gehörte", meinte Cato. "Der Schulungsleiter bat mich am Spätnachmittag in sein Büro und setzte mir eine Tasse Kaffee vor."
"Das ist doch nett."
"Er war wirklich nett", erinnerte sich Cato. "Er hat mir eine Halbautomatische gegeben und mich gefragt, ob ich damit schon Erfahrung habe. Als ich das bestätigt habe, hat er gemeint, er freut sich, in mir einen besonders Kompetenten in seinem Kurs zu haben."
"Und dann, was wollte er?"
"Er hat mir mitgeteilt, ehe ich schlafen ging, sollte ich einen aus meiner Kursgruppe erschießen. Wer das war und wie ich das anstellte, sei egal. Ich könnte ihn unter einem Vorwand nach draußen locken und ihn vor mir hergehen lassen oder einfach alle Gruppenmitglieder auffordern, sich an eine Wand zu stellen; da könnte ich mir einen aussuchen."
"Hast du in deinem Leben schon jemanden erschossen?"
"Nein. Und mir ist bisher nie so deutlich geworden, daß ich das gar nicht über mich bringe. Der Schulungsleiter hat es mir so bestimmt aufgetragen, daß es sich wie ein Befehl anhörte. Ich mußte davon ausgehen, daß ich selbst liquidiert wurde, wenn ich es nicht tat. Mir war klar, daß ich niemanden erschießen würde. Mein Leben war so gut wie verwirkt. Das Einzige, was mich retten konnte, war, daß der Schulungsleiter am nächsten Morgen vergaß, die Leute in meiner Gruppe durchzuzählen ... oder daß er gar nicht wußte, daß in meiner Gruppe nur achtunddreißig Leute waren."
"Was sollte denn mit der Leiche passieren?"
"Die sollten wir einfach verschwinden lassen; der Schulungsleiter mag keine Toten anschauen, davon wird ihm schlecht."
"Hättest du fliehen können?"
"In der Gegend wäre ich nicht weit gekommen."
"Und ... hat der Schulungsleiter am Morgen die lebenden Kursteilnehmer durchgezählt?"
"Ja, und er hat sich zweimal verzählt ... die eifrige Sanina, die keine Ahnung hatte, daß ihr Leben auf dem Spiel stand, hat ihn darauf aufmerksam gemacht. Am Ende gab er sich damit zufrieden, daß er neununddreißig Leute gezählt hatte. Weil er tatsächlich glaubte, daß ursprünglich vierzig Leute in der Gruppe gewesen waren, reichte ihm das. Und Sanina, die glaubte, daß er mich mitgezählt hatte, war auch zufrieden."
"Und du hast es bis zum Ende in diesem Kurs ausgehalten."
"Es wäre aufgefallen, wenn ich abgebrochen hätte", meinte Cato. "Und aufzufallen hätte tödliche Folgen haben können ..."
"Lieber Gott, mach' mich stumm ... daß ich nicht nach Dachau komm' ... Lieber Gott, mach' mich blind ... daß ich alles herrlich find' ... So sieht Survival-Training wirklich aus, Cato. Das muß man können, um zu überleben: sich stumm und blind stellen."
"Manchmal muß man sogar lügen, um seinen Hals zu retten. Aber es muß auch eine Zeit und einen Ort für die Wahrheit geben."
"Stell' dir vor, du hättest als Hologramm an dem Kurs teilgenommen - dann hätte dir niemand etwas tun können."
"Stimmt ... und was dazukommt: ein Hologramm kann niemanden erschießen."
"Wenn ich es recht bedenke, ist man auch als Hologramm nicht sicher. Es gibt dich ja doch, und man kann auch aus der Ferne jemanden angreifen."
"Niemandem sollst du trauen, das habe ich gelernt", betonte Cato. "Auf die eigene Wahrnehmung ist ebensowenig Verlaß."
"Wo wir wieder bei dem Thema sind, Cato - wenn du noch einmal vor der Entscheidung stehen würdest, ob du zu dem Kurs in das Militärlager fährst, was würdest du tun?"
"Vor dieser Entscheidung wußte ich nicht, was mich erwartet. Ich hatte nicht die Möglichkeit, es herauszufinden. Mit jeder Entscheidung nimmt man Risiken in Kauf. Wer ohne Risiko leben will, muß auf das Leben verzichten."
"Und wenn du gewußt hättest, was dich erwartet?"
"Vielleicht war es besser, daß ich es nicht wußte. Hätte ich mich nicht für den Kurs entschieden, hätte ich die Leute nicht getroffen, die mir von dem Hologramm-Projekt erzählt haben. Du und ich, wir hätten uns dann, ganz nebenbei, auch nicht kennengelernt."
"Wie können Menschen mit einer dauernden Bedrohung leben?"
"Die meisten machen sich die Bedrohung nicht bewußt, wie meine Kursteilnehmer. Oder sie verdrängen sie."
"Wie können diejenigen mit der Bedrohung umgehen, die sie immer wahrnehmen und so, wie sie ist?"
"Da hilft dir nur noch die Phantasie."
"Wie hast du das denn gemacht?"
"Ich habe die Bedrohung von einzelnen Personen gelöst", erzählte Cato. "Es gab zwar Menschen, die mich hätten vernichten können und es vielleicht auch wollten. Aber ich habe versucht, mich nicht um diese Menschen zu kümmern, sondern die Bedrohung als Sache zu sehen ... sie zu versachlichen. Ich habe mir die Bedrohung als Mauer vorgestellt, über die ich klettern mußte ... ob ich das wollte oder nicht ... niemand fragte danach, ob ich das schaffen konnte, niemand war imstande, mir zu helfen ... alles hing nur von mir ab."
"Und die Mauer war besser zu bewältigen als feindselige Menschen."
"Auf jeden Fall."
"Bedrohung ... da denke ich an ein Gefängnis mit Stahltüren und Gittertreppen ... Wir gehen doch beide so gerne in Ruinen. Vielleicht kommt unsere Vorliebe für düstere Gemäuer, für Bunker und abbruchreife Hallen daher, daß wir bedrückende Gefühle in solche Bilder übersetzen? Ich fühle mich immer ganz leicht, frei und lebendig, wenn ich durch Fabrikruinen, verlassene Bunker und Katakomben gehe."








"Es müssen Gebäude sein, in denen man für sich ist", ergänzte Cato, "Gebäude, wo niemand oder fast niemand mehr hinkommt."
"Dann werden sie zur 'Cathedral of Death' ... um mit SPK zu sprechen. Was einen bedroht, findet sich erstarrt in brüchigen Mauern, in blinden, zerschlagenen Fenstern und rostigen Gittern."
"Cyra, du wolltest wissen, wie ich mit einer Bedrohung leben kann. Was ich wissen will, ist, wie du damit leben kannst, daß du mich immer nur als Hologramm hast."
"Du hast mich doch auch nie wirklich."
Catos Hologramm schaute zu Boden.
"Die Treue bekommt man geschenkt", sagte Cyra. "Sie ist einfach da. Es ist wie mit den Glockenblumen und den Vergißmeinnicht, sie sind einfach da."
"Du weißt doch gar nicht, ob ich dir treu bin."
"Das liegt bei dir."
Cato schien etwas entgegnen zu wollen, sagte aber nichts. Cyra streckte ihre Hand aus, Cato - zögerlich - die seine. Hand und Hologramm tauchten ineinander.












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