In der Fremde

An einem Abend im Frühling machte Nora sich auf den Weg durch die Kleinstadt, die die Heimat ihrer Großmutter gewesen war. Die Großmutter hatte in einem Fachwerkhaus gewohnt, das mehr als hundert Jahre alt war. Durch ein hölzernes Tor seitlich des Gebäudes kam man in den Hof, der lange Zeit als Kohlenhof gedient hatte; davon zeugte noch ein Reklameschild:
"Der nächste Winter kommt bestimmt."
Der offizielle Eingang des Hauses befand sich vorne an der Straße, zu ebener Erde. Man mußte eine eiserne Klinke herunterdrücken, dann öffnete sich eine Flügeltür, und man stand in der gefliesten Eingangshalle. Im Haus roch es nach Bohnerwachs und Kirschbonbons. Unten wohnten die Vermieter, von denen Nora früher Kirschbonbons geschenkt bekommen hatte. Eine breite, leicht geschwungene Treppe mit einem wuchtigen gedrechselten Geländer führte in die obere Halle. Dort bestand der Boden aus breiten Holzdielen. Drei Wohnungstüren gab es hier, hinter einer lag die Wohnung der Großmutter. Und es gab eine Tür, hinter der begann eine steile, enge Stiege, die führte auf den Speicher, eine grau verstaubte, verwunschene Welt.
Die Großmutter hatte Möbel aus der Jugendstil-Zeit, mit Jacquard bespannte Sessel und hochlehnige Betten, auch einen Waschtisch mit einer grauweißen Marmorplatte. Nach dem Tod der Großmutter wurde ihre Wohnung nicht aufgelöst, denn sie gehörte Noras Familie, und man wollte die Wohnung als Unterkunft für Gäste nutzen.
Nora hatte ihre Großmutter in Erinnerung als ruhige, bescheidene Frau, die an das Leben keine großen Wünsche äußerte. Sie hatte ihren Mann früh verloren und redete kaum über ihn. Ihr Alltag bestand aus Handarbeiten, Einkaufen, Wäsche aufhängen, den Ölofen anzünden und dem sonntäglichen Nachmittagskaffee im Gemeindehaus. In ihrem Regal standen die Biografien berühmter Frauen - Politikerinnen, Schauspielerinnen, Sängerinnen. Die Großmutter las, wie sie gelebt und gedacht hatten, und das schien ihr zu genügen. Von eigenen Träumen und Plänen sagte sie nie etwas.
Wenn Nora bei der Großmutter zu Besuch war, spielte sie mit Porzellanpuppen und stellte sich eine finstere, dramatische Welt vor, in der Prinzessinnen hoch zu Roß mit Drachen kämpften und hübsche junge Prinzen retten mußten, die von einem bösen Geist gefangengehalten wurden.
Seit zwanzig Jahren war die Großmutter tot. Nora kam nur noch selten in die Kleinstadt. Diesen Sommer wollte sie in der Wohnung ihrer Großmutter verbringen, um nach einem Krankenhausaufenthalt Erholung in der Abgeschiedenheit zu finden. Ganz allein war sie hier nicht, denn in der Nachbarwohnung lebte ihre Cousine Julianne mit ihrer Familie.
Die Kirche sah immer noch so aus wie in Noras Kindheit, doch im Laufe der Jahre hatte sich das Stadtbild verändert. Der Bach war nicht mehr zu finden, der früher in seinem gemauerten Bett unter vielen kleinen Brücken und Stegen vor den Häusern entlanggeflossen war. Er hatte der Stadt einen besonderen Zauber verliehen und Nora staunen lassen. Inzwischen war der Bach verrohrt worden.
Die Konditorei gab es noch, in der Nora als Kind schneeweiße Baisers bekommen hatte. Den Schreibwarenladen gab es auch noch, wo Nora als Kind glitzernde Aufkleber von ihrem Taschengeld gekauft hatte. Die Magie dieser kleinen Dinge war nie ganz gewichen. Nora geriet immer noch ins Träumen, wenn sie an der Konditorei und dem Schreibwarenladen vorbeikam. Beim Weg über den Marktplatz sah sie die Kirmes vor sich, wo sie eine Kinderschere geschenkt bekommen hatte, als sie drei Jahre alt war. Und sooft ihr Blick beim Einkaufen auf die Waldmeister-Götterspeise fiel, dachte sie daran, wie sie in den Schulferien bei ihrer Großmutter mit Hingabe viele Packungen Götterspeise zubereitet hatte. Die Sahne wurde von Hand geschlagen, sie kam nicht aus der Sprühdose.
"Was macht diese Kleinigkeiten so magisch?" fragte sich Nora. "Es ist etwas Immaterielles, das von ihnen ausgeht. Sie erzählen Geschichten, die viel mehr bedeuten als die paar Groschen, für die sie gekauft wurden."
Nora ging zu den Spielplätzen, auf denen sie früher mit Julianne und deren Bruder Luc gespielt hatte. Die alten Geräte standen nicht mehr, nur eines noch, das Karussell mit dem Rad in der Mitte, an dem man drehen mußte, um es in Bewegung zu setzen. Es gab auch noch den weißen Turm neben einem der Spielplätze, zu dem Überland-Leitungen hinführten. Der Turm hatte für Nora etwas Mystisches, weil er Mauern hatte und ein Dach, aber kein Haus war, in dem Menschen wohnen konnten.
Nora folgte dem geschotterten Weg am Flußufer, der von Pappeln gesäumt war. Die hochaufragenden Bäume standen in einer Reihe wie Zinnsoldaten. Ihr Laub raschelte im Wind. Der Himmel war lichtgrau, das Grün der Blätter und Gräser wirkte bleich.
"Hier hat meine Großmutter dreizehn Jahre lang gelebt", dachte Nora. "Für uns war es ein Fest, wenn wir bei ihr zu Besuch waren. Wir durften fernsehen bis zum Sendeschluß und bekamen Süßigkeiten und Taschengeld. Wir durften mit den Sachen spielen, mit denen unsere Mütter und unsere Großmutter vor vielen Jahrzehnten gespielt haben. Da gab es die Porzellanpuppen und den eisernen Kasten, in dem die bemalten Bauklötze lagen, aus denen man eine Stadt bauen konnte. Es gab Fenster mit Folie als Glas. Es gab Säulen, Türen und sogar eine Uhr. Das alles genügte uns, wir fühlten uns glücklich, und meiner Großmutter schien es auch zu genügen. Sie wirkte nie gelangweilt oder traurig. Sie pflegte das Grab ihres Mannes und stellte nie etwas in Frage."






Nora wollte heute nicht lange aufbleiben. Sie fühlte sich matt von dem langen Spaziergang und legte sich schon am frühen Abend in das Bett mit dem gehäkelten Überwurf, das im Gästezimmer stand. Mitten in der Nacht wurde sie wach. Das mattgelbe Licht der Natriumdampflampen schien durch die hellgrüne Jalousie. Nora zog die Jalousie ein Stück hoch und schaute zu dem großen Bürgerhaus gegenüber. Dieses Haus hatte eine Backsteinfassade, die mit Kalksteinblenden verziert war, und hohe Fenster mit Rundbögen. Die schwere, mit Schnitzwerk geschmückte Flügeltür war verschlossen gewesen, so lange Nora denken konnte; auch die Fensterläden waren stets geschlossen. Heute nacht jedoch war ein Türflügel aufgeklemmt, und die Fensterläden waren geöffnet. Über dem Portal stand in weiß leuchtender Neonschrift "Lost Souls". Durch die feinen, bestickten Stores sah man im goldenen Schein von Kronleuchtern Menschen herumgehen. In dem Haus schien das Leben erwacht zu sein. Nora hatte sich oft ausgemalt, wer in dem Hause wohnen mochte, wenn es nicht längst verlassen war. Jetzt schien sich dort ein Veranstaltungszentrum zu befinden.
"In dieser Kleinstadt?" wunderte sie sich. "In dieser verlassenen Ecke?"






Nora war voller Neugierde. Sie zog ein Tanzkleid an, das sie gekauft hatte, nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Sie hatte das Kleid mitgenommen, weil sie es so schön fand, nicht weil sie davon ausging, es zu brauchen. Das Kleid war schwarz und halb durchsichtig. Nora trug dazu ein schweres Korsett aus grauem Kunststoff.
In der Kühle der Nacht ging Nora den kurzen Weg zu dem fremden Haus. Auf einer Tafel im Eingangsbereich stand geschrieben:
"Heute alles umsonst."
"Vielleicht ist das zur Einweihung?" dachte Nora.
Die Leute in dem Saal mit den Kronleuchtern schienen guter Dinge zu sein. Als Nora hereinkam, schleppte ein Kahlköpfiger im Kettenhemd eine unbekleidete Schaufensterpuppe an ihr vorbei. Ein Junge band einem Mädchen die Schnürsenkel auf, das die schwarzbestrumpften Beine übereinandergeschlagen hatte. Vor einer blaßroten Gobelintapete hatte sich jemand auf einem Sofa schlafen gelegt.
Nora entdeckte eine Flasche Eiswein auf dem Buffet. Sie goß sich ein Glas halbvoll, drehte sich um, und da standen zwei Herren, die mit ihr anstießen.
"Auf uns", sagten sie alle.
"Wie kommt es, daß in dieser verlassenen Kleinstadt so eine Location aufmacht?" fragte Nora.
"Es ist doch genial, oder?" freute sich der eine, der Tarnmuster trug. "Das sind Ferien vom Ich!"
"Mir geht es richtig gut, seit ich keine Selbstmordgedanken mehr habe", erzählte der andere, der eine Garderobe trug, die aus Armee-Zeltplane zusammengenäht war.
"Kunststück", meinte der im Tarnmuster. "Umbringen kannst du dich sowieso nicht mehr."
"Habe ich auch nicht", betonte der in Zeltplane. "Ich bin ganz normal bei einem Verkehrsunfall zerlegt worden. Und dafür, daß der LKW-Fahrer eingeschlafen ist, kann ich nichts."
"Für so einen Unfall siehst du ganz schön heile aus", fand Nora.
"Wir sind hier alle heile", erklärte der im Tarnmuster. "Zumindest sehen wir so aus. Das ist so, wenn die Seele den Körper verläßt. Die Seele bleibt erhalten, den Körper gibt es neu."
"Ach, dann sind wir hier alle tot?" fragte Nora. "Warum sollte ich denn tot sein?"
"Wir können zum Rechner gehen. Über das 'Totenwache'-Portal kann man jeden Verstorbenen finden, da steht auch die Todesursache."
Sie gingen in einen kleinen, mit dunkelrotem Brokat bespannten Raum, eher eine Nische als ein Zimmer. Auf einem schwarzen, mit Schnörkeln verzierten Tisch stand der Rechner, daneben brannte ein dreiarmiger Leuchter. Nora setzte sich und ließ sich die URL geben.
Wie Nora erfuhr, war sie nachts um 0.23 Uhr gestorben. Eine Sepsis hatte sie umgebracht. Nach ihrer Erkrankung war das Abwehrsystem geschwächt, und innerhalb weniger Stunden war sie der Sepsis zum Opfer gefallen. Es war auch vermerkt, daß Julianne und Luc in den frühen Morgenstunden durch die Wohnung ihrer Großmutter gegangen waren und Nora gefunden hatten, als wenn eine Ahnung sie hingeschickt hätte.
Nora erging es wie in manchen Träumen: unglaublich scheinende Ereignisse verwunderten sie nicht. Nora hätte nicht anders erklären können, warum sie die Nachricht von ihrem Tod so unaufgeregt zu Kenntnis nahm.
"Es gibt auch ein Portal, das heißt 'Opfer-Kamera'", erzählte der mit der Kleidung aus Armee-Zeltplane. "Da kann man aus der Sicht des Opfers dabei zuschauen, wie es zu Tode gekommen ist. Da sieht man voll die irren Dinger ... Felstrümmer, die auf dich zustürzen, einen Abgrund, in den du fällst, einen Triebtäter mit Motorsäge ... das ist wie in einem schrägen Film."
"Und für jeden von uns gibt es einen Weg aus dem Jenseits", ergänzte der im Tarnmuster. "Über das 'Für immer dein'-Portal kann man eingeben, zu wem man im Traum Kontakt aufnehmen will, und wenn der schläft, kann man ihn im Traum anrufen oder besuchen. Und man kann mit Hilfe des 'Wiedergänger'-Programms als Geist durchs Dieseits reisen, aber man kann sich dann nicht ohne Weiteres bemerkbar machen."
Im Saal begann ein Stück, das Nora kannte: "First Light" von ORPHX.
"So schlimm kann der Tod nicht sein", dachte sie und lief über den Parkettboden, mitten auf die Tanzfläche.
Der Rhythmus fegte alles hinweg, was an Bedenken oder Bedauern hätte entstehen können. Nora konnte wieder tanzen, sie hatte wieder die Kraft dazu. Sie ließ sich in den Rhythmus hineinfallen und zog über das Parkett eine endlose Linie aus Pirouetten. Nora hatte "First Light" schon im Leben als überirdisch empfunden. Es brachte sie in Kontakt mit einer Dimension, die sich jenseits der Erdenschwere befand.






Nach "First Light" begann "God is a DJ" von Faithless. Nora hörte jemanden schreien:
"Nein! Nein! Nein ..."
Nora lief zwischen lauter prachtvoll kostümierten Gestalten hindurch, bis sie endlich herausfand, woher das Schreien kam. Da stand vor einem hohen, goldgerahmten Wandspiegel ein Mann in einem schwarzen Mantel und schrie den Spiegel an:
"Nein ... nein ..."
"Sollen wir alle taub werden?" rief Nora. "Was ist denn los, in Gottes Namen?"
"Ich bin ich!" schrie der Mann. "Ich sehe aus wie ich!"
"Das ist doch wohl auch gut so", entgegnete Nora. "Laß dich anschauen ... he, ich kann doch nichts sehen, wenn du die Arme vorm Gesicht hast."
"Du sollst auch nichts sehen. Niemand soll etwas sehen. Und ich will auch nie wieder etwas sehen."
"Wie heißt du eigentlich?"
"Aron."
"Und was bringt dich hierher?"
"Ich wollte nicht mehr merken, daß ich ich bin. Und eines Tages ..."
"Ja?"
"Ich wollte mich nicht mehr merken", erklärte Aron. "Und da gibt es doch so Sachen, wenn man die nimmt, dann merkt man sich nicht mehr."
"Und davon hast du eines Tages zu viel genommen und bist daran gestorben."
"Das hast du gesagt."
"Jedenfalls bist du hier, und du bist du, und was ist daran Schlimmes?"
"Ich muß für immer ich bleiben, bis in alle Ewigkeit", klagte Aron und setzte sich auf eine Polsterbank. "Ich werde mich nie mehr los."
"Kannst du dich selbst nicht leiden?" fragte Nora und setzte sich dazu.
"Nein", erwiderte Aron, "ich mag mich nicht besonders."
"Warum denn nicht?"
"Ganz einfach - weil ich ich bin."
"Gibt es eine Erklärung dafür?"
"Nein, ich habe keine gefunden", sagte Aron nachdenklich. "Es ist aber so. Ich kann es mir nie recht machen, ich kann mir nie genügen. Was ich auch tue, was ich auch erreiche, was mir auch entgegengebracht wird, es führt nie dazu, daß ich es richtig finde, ich zu sein. Solange ich ich bin, bin ich falsch. Das ist wie ein Gesetz."
"Das ist nicht normal."
"Nein, ist es auch nicht", bestätigte Aron lebhaft und nahm einen Schluck aus einer Flasche Rotwein. "Ich - bin - nicht - normal."
"Meinst du, du hast deshalb keine Daseinsberechtigung?"
"Ich hatte nie eine Daseinsberechtigung", war Aron überzeugt. "Ich habe immer versucht, mich von mir zu lösen. Aber was ich auch getan habe, wie ich mich auch verändert habe - das war immer noch ich, der in diesem Körper steckte. Ich wurde mich einfach nicht los."
"Und jetzt?"
"Oh ...", sagte Aron und trank einen weiteren Schluck Rotwein, "es ist noch ärger als je zuvor. Ich habe so viel dafür getan, nicht mehr wie ich auszusehen, und hier - in diesem Saal - habe ich in den Spiegel geschaut und gesehen, daß es nichts - nichts geholfen hat. Ich sehe wieder aus wie ich, und ich kann nichts mehr daran ändern. Es ist ein unendlicher Alptraum."
"Ich schaue immerzu in den Spiegel. Ich kann es nicht lassen."
"Ich will auch immerzu in den Spiegel gucken", erzählte Aron. "Spiegel haben mich schon immer angezogen, aber dann, wenn ich hineingeschaut habe, bin ich jedesmal erschrocken und habe gedacht, entweder muß ich den Spiegel zerstören oder mich selbst."
"Ich will andauernd tanzen und mich herzeigen, in raffinierten Kleidern und Ballerina-Schuhen ... ich halte es mit Bauhaus: 'We love our audience.'"
"Ich muß auch immerzu tanzen, und immer vor Publikum."
"Nie auf der Tanzfläche?"
"Nein, das traue ich mich nicht."
"Auf die Tanzfläche will ich nie verzichten", sagte Nora leidenschaftlich. "Da gibt es Menschen, die mit einem den Rhythmus teilen und die Begeisterung. Es ist eine musikalische Meditation, ein Versinken im Rhythmus."
"Tanzen ... das tut man doch, um dafür bewundert zu werden."
"Das Tanzen ist mehr als Bewunderung", meinte Nora. "Es ist ein Wert für sich und durch nichts zu ersetzen. Bewunderung ist etwas, das nicht du erlebst, sondern die, die dich bewundern. Das erreicht dich nicht. Das Tanzen erreicht dich, und du erreichst dich darin."
"Ich habe für die Bewunderung gelebt."
"Du weißt, wie das ist, wenn man ein Video dreht?" fragte Nora. "Ich will immerzu Videos drehen und diese Pirouetten verewigen. Aber es sind und bleiben doch nur Filme. Und Filme sind nicht das Erlebnis, sie können es nie ganz erfassen. Wenn du ohne Kamera tanzt, bist du im Dialog mit dem Universum. Wenn du mit Kamera tanzt, bist du im Dialog mit der Kamera."
"In den Videos sieht es so beeindruckend aus ... die Gewänder flattern, die Bewegungen greifen ineinander ... und beim Drehen war alles so, als würde man Staub essen ..."
"... in der Halle ist es kalt, der Boden ist gefährlich, die Kleider müssen immer neu gerichtet werden, damit sie sitzen ..."
"... und wenn alles stimmt, die Kulisse und die Technik, dann hängt es nur noch von mir ab ... ich weiß, ich kann die Schritte, aber es kommt mir so vor, als hätte ich alles vergessen ... und mir wird schlecht ..."
"... und das alles kann man auf den Videos nicht sehen, nicht ahnen."
"... und doch, es ist so aufregend, auch wenn es eine trockene Arbeit ist ..."
"... noch einmal und noch einmal wird dieselbe Einstellung wiederholt ... es ist nicht der einmalige Traum, der über dich rinnt und dich einhüllt, sondern es sind viele Teilchen, die mühsam zusammengesetzt werden müssen, damit die Illusion eines Traums entsteht."
"Wenn man das so betrachtet, habe ich in einer Scheinwelt gelebt", meinte Aron. "Aber ich war in der Scheinwelt zu Hause. In der wirklichen Welt war ich ein Fremder."
"Warum denn das?"
"Ich bin immer anders."
"Du auch?" staunte Nora. "Dann ist es doch gut, daß wir hier gelandet sind. Hier sind alle irgendwie anders."
"Ich falle immer und überall auf."
"Hier nicht."
"Das kann ich gar nicht glauben."
"Doch, schau' dich nur um ... hier wundert sich keiner über keinen."
"Ich habe es noch gar nicht gewagt, mich umzusehen."
"Wir befinden uns in einem Haufen von Individualisten, wo es keine Schande ist, kaputt zu sein. Hier gehst du unter, anstatt aufzufallen."
"Das kann ich mir nicht vorstellen."
"Du machst hier die Erfahrung, daß du nicht allein bist."
"Ich war immer alleine", erzählte Aron. "Ich war auch dann alleine, wenn ich unter Menschen war."
"Gemeinschaft ist oft nur eine Illusion. Das gilt für Vereine, für Ehen, für Betriebe ... denk' an die vielen Gruppenbilder von Hochzeiten, Betriebsfeiern, Vereinsfesten ..."
"Familienfotos."
"Nur weil die Leute gemeinsam auf dem Foto zu sehen sind, heißt das noch lange nicht, daß sie untereinander vertrauensvolle Beziehungen haben. Manche Menschen können jahrzehntelang nebeneinander herleben, ohne sich jemals wirklich zu begegnen."
"Und du meinst, daß es hier im 'Lost Souls' anders ist?"
"Zumindest kann man sich hier so zeigen, wie man wirklich ist, und das steht am Anfang jeder vertrauensvollen Beziehung."
"Vertrauen ... das ist für mich, wenn der Beifall mich umbrandet und ich darin versinken kann."
"Den Beifall bekommst nicht du, sondern dein Bühnen-Ich, deine Fassade."
"Dieses Gefühl, das Gefühl des Vertrauens, das habe ich nur, wenn das Publikum unermeßlich groß ist - unermeßlich viele Menschen, die in unermeßliche Raserei geraten."
"Kunst kann man auch im kleineren Kreis zelebrieren, wo die Leute die Kunst als das wahrnehmen, was sie ist, und den Künstler nicht mit einem Gott verwechseln."
"Aber ich will doch wie ein Gott sein: über den Menschen schweben, höher und höher ... so hoch es geht ..."
"Dann gerätst du nach draußen ins Weltall, und da ist es einsam", gab Nora zu bedenken. "Was hast du davon?"
"Ich will nicht nach draußen. Ich will gesehen werden. Ich will, daß ich für alle Menschen immer das Wichtigste bin, was es für sie gibt."
"Wie soll das denn gehen?" frage Nora. "Du kannst dich doch nicht milliardenmal vervielfältigen."
"Das muß ich doch nicht", meinte Aron. "Es genügt, wenn ich die anderen Menschen milliardenfach überrage."
"Dann bist du für sie nicht mehr erreichbar, und du kannst sie auch nicht mehr erreichen. Du bist einfach nur einsam, das ist alles, und was hast du davon?"
"Ich bin für alle immer anwesend."
"Aber nicht wirklich, nicht als Mensch. Und für dich ist auch keiner anwesend, weil du keinen mehr siehst."
"Ich sehe alle."
"Das könntest du nur, wenn du dich vervielfältigen würdest. Denn um einen Menschen kennenlernen und wahrnehmen zu können, brauchst du Zeit. Für jeden Menschen brauchst du Zeit. Und wenn du für jemanden das Wichtigste sein willst, was es auf der Welt gibt, brauchst du erst recht Zeit. Wenn du für sieben Milliarden Menschen ein Leben voller Zeit haben willst, müßte es dich milliardenfach geben."
"Dann bin ich doch gar nicht mehr einzigartig."
"Eben", bestätigte Nora. "Nur solange es dich ein einziges Mal gibt, bist du einzigartig. Und wenn es dich nur einmal gibt, kann du nur für eine begrenzte Zahl von Menschen erreichbar sein."
"Nach was streben wir denn?" fragte Aron. "In der Welt geht es doch darum, mehr zu sein als andere, mehr zu können, mehr zu erreichen, mehr zu gelten ..."
"Was ist das meiste? Was ist mehr als alles? Wie überragt man alle und alles? Darüber habe ich auch schon nachgedacht", erzählte Nora. "Wir Menschen sind nun einmal nicht dafür geschaffen, uns über alle und alles zu stellen. Wenn ein Mensch versucht, wie Gott zu sein, wird ihm das immer zum Verhängnis. Denn Gott gehört allen, und Gott kommt damit zurecht. Ein Mensch kommt nicht damit zurecht, wenn er allen gehört. Ein Mensch braucht Ruhe und Freiheit. Das ist wichtiger als Aufmerksamkeit und Bewunderung. Aber das wissen die Menschen nicht, die ein Übermaß an Aufmerksamkeit und Bewunderung haben wollen, weil sie das mit Liebe verwechseln. Sie verwechseln öffentliche Gefühle mit persönlichen Gefühlen. Liebe ist etwas Individuelles. Auf der Bühne ist man kein Individuum, sondern ein Objekt, ein Gegenstand der Aufmerksamkeit und Bewunderung. Liebe bedeutet Nähe. Auf der Bühne ist man allein und weit weg von allen."
"Allein und weit weg von allen war ich schon, bevor ich zum ersten Mal eine Bühne betreten habe", erzählte Aron. "Im Grunde hat sich für mich nie etwas verändert. Ich stand immer außerhalb von allen. Damit ich überhaupt wahrgenommen wurde und für die Menschen überhaupt eine Bedeutung hatte, nahm ich mir vor, das bedeutungsvollste Geschöpf zu werden, das jemals auf der Erde gewesen ist."
"Manche Leute sind neidisch", meinte Nora. "Sie können es nicht ertragen, wenn man ihnen etwas voraushat. Sie entwickeln eine Mischung aus Bewunderung und Ablehnung. Und solange sie eine formale Macht über dich haben, spielen sie sie aus."
"Ich habe mein Leben auf der Anklagebank verbracht", erinnerte sich Aron. "Ich hatte das Gefühl, nie richtig zu sein und es niemandem recht machen zu können."
"Ich wurde mit Vorwürfen erzogen", erzählte Nora. "Inzwischen weiß ich: Wenn man immer nur Vorwürfe zu hören bekommt, egal was man tut und wie man sich verhält, hat man daran meistens keine Schuld."
"Ich habe mich immer schuldig gefühlt - und überzählig, einfach fehl am Platz und nicht von dieser Welt."
"Man ist genialer Ausschuß. Man ist zu gut und gleichzeitig zu nichts gut. Man wird bewundert und ausgeschlossen. Man ist ein Alien, man gehört nie dazu. Alle finden einen toll, und keiner kann einen gebrauchen. Man muß eine Fassade errichten, um in der Gesellschaft zu überleben und sich verwirklichen zu können."
"Kennst du noch mehr solcher Aliens?" wollte Aron wissen.
"Aber sicher", antwortete Nora. "Einer von ihnen ist Cato, ein alter Bekannter von mir. Cato ist mit sich selbst nicht im Reinen und auch nicht mit seinem Dasein als Mensch."
"Bist du denn mit dir im Reinen?"
"Wenigstens versuche ich es."
"Trotz Fassade?"
"In meinem Leben habe ich einen Kompromiß gestaltet, bei dem ich mich nicht verleugnet habe und trotzdem von meiner Umwelt wenigstens in einem gewissen Rahmen als 'angepaßt' betrachtet wurde. Das hat mich viel Energie gekostet, es hat mir aber beruflichen Erfolg eingebracht."
"Für mich ist das nie möglich gewesen. Ich stand außerhalb der Gesellschaft, ich kannte es nicht anders, und die Gesellschaft kannte mich nur als Außenseiter. Für mich gab es keinen Weg in ein unauffälliges Leben, nicht einmal ansatzweise."
"Cato hat seinen Weg innerhalb der Gesellschaft selbst verbaut, denke ich", meinte Nora. "Er hat sich in der Öffentlichkeit zum Außenseiter gemacht - vielleicht weil er sich nicht vorstellen konnte, jemals in der Gesellschaft so aufgenommen zu werden, wie er ist. Er macht sich dadurch erst recht einsam. Er sagt, er haßt die Menschheit und will sie am liebsten vernichten. Zugleich will er, daß alle Menschen ihn bewundern. Er hat Wünsche, die sich gegenseitig ausschließen: er will sich absetzen von den Menschen, und zugleich will er den Mittelpunkt ihres Daseins bilden. Ich habe überlegt, wie das wohl aussehen sollte, wenn alles so wäre, wie Cato es sich wünscht. Es geht gar nicht. Es ist, als würde man gleichzeitig in entgegengesetzte Richtungen laufen. Es ist von vornherein unmöglich. Man kann nicht von den Menschen verehrt werden, wenn sie nicht mehr da sind."
"Was will Cato denn wirklich?" fragte Aron.
"Ich glaube, das weiß er nicht", meinte Nora. "Er sucht etwas, aber er scheint nicht zu wissen, was eigentlich."
"Vielleicht will er es gar nicht herausfinden?"
"Stimmt - das glaube ich auch. Denn wenn Cato herausfinden möchte, was er will, muß er über sich selbst nachdenken. Er ist aber mit sich nicht im Reinen, er lehnt sich ab und will so wenig wie möglich mit sich selbst zu tun haben ... ich meine, mit seinem Inneren, also mit dem, was er wirklich ist. Er will sich und die anderen von sich selbst ablenken. Er flüchtet sich hinter die Fassade und in die Sucht. Wer sich für die Sucht entscheidet, will den Rausch, nicht die Realität. Er will den Schein, nicht das Sein. Er glaubt, er ist mehr wert, wenn er ein scheinbarer Gott ist, als wenn er ein wirklicher Mensch ist. Aber wir Menschen können immer nur scheinbare Götter sein, weil wir als Menschen geschaffen wurden und es bleiben müssen. Wer sich selbst überlebensgroß inszeniert und sich über alle Menschen erhebt, verliert den Boden unter den Füßen und hat keinen Ort mehr, wo er hingehört."
"Was für eine Sucht hat Cato denn?" erkundigte sich Aron.
"Cato raucht sechzig Zigaretten am Tag", antwortete Nora. "Wir standen schon gemeinsam am Grab einer unserer Bekannten, die nur wenig älter war als wir und die an Lungenkrebs gestorben ist. Cato rauchte auch auf dem Friedhof. Ich würde ihm so gerne das Leben erhalten, aber ich kann ihn nicht vom Rauchen abbringen, was ich auch tue und was ich auch sage."
"Ist er ... ein eher starrsinniger Mensch?"
"Das kann man wohl sagen."
"Ach, dann hilft alles nichts", war Aron überzeugt. "Dann kann man nichts machen."
"Woher weißt du das so genau?" fragte Nora mit einem Lauern in der Stimme.
"Ach, ist nicht so wichtig", erwiderte Aron und zog sich einige Haarsträhnen ins Gesicht.
Nora war es gewohnt, mit übermächtigen Monstern zu kämpfen. In ihren Alpträumen hatte sie einen mordgierigen Verfolger mit einer angespitzten Feile erstochen, eine Gruselgestalt mit einer ausgehängten Wohnungstür niedergeschlagen und einen haushohen Maschinenmenschen bezwungen, indem sie mit Worten und Gesten die Informationen auf seiner Festplatte durcheinanderbrachte. In der Wirklichkeit verteidigte Nora sich meistens indirekt, mit List und mit Manipulations- und Verwirrungstaktiken. Das Ergebnis war, daß die meisten Menschen nicht auf die Idee kamen, Nora anzugreifen, und wenn doch, verloren sie bald die Lust daran, weil sie den Eindruck bekamen, daß Nora weder ein lohnendes noch ein erfolgversprechendes Ziel war. Auf diese Weise hatte Nora es geschafft, hämische Bemerkungen zu ersticken und herrschsüchtige Vorgesetzte und herumstreunende Verfolger von sich abzulenken. Doch gegen den Starrsinn eines Menschen, der sich nicht helfen lassen wollte, kam sie nicht an.
"Wenn du dich mit Starrsinn auskennst", fragte Nora vorsichtig nach, "vielleicht kannst du mir sagen, an welchem Hebel man ansetzen kann, um den eingefahrenen Mechanismus zu durchbrechen?"
"Es gibt keinen Hebel", war Aron sicher. "Wenn Cato nichts ändern will, wird sich für ihn auch nichts ändern."
"Also wird er weiter vor sich selbst davonlaufen, auch wenn es ihn das Leben kostet."
"Er nimmt den Tod im Kauf, weil er ihm weniger schlimm erscheint als die Begegnung mit sich selbst. Du wirst Cato nie dazu bringen, sein wahres Ich anzuschauen, das Ich hinter der Fassade. Eher bringt er sich um."
"Jedesmal, wenn Cato mit seinem wahren Ich in Berührung kommt, weicht er zurück, als hätte er eine heiße Herdplatte angefaßt."
"Als Kind bin ich manchmal auch verbrannt worden", erinnerte sich Aron. "Aber nur ein bißchen."
"Ein bißchen?"
"Das war nur, damit ich mich gut entwickele."
"Und deshalb bist du verbrannt worden?"
"Nur ein bißchen", betonte Aron, "nicht daß du das falsch verstehst. Heute denke ich auch, so eine Art von Erziehung ist nicht günstig für ein Kind."
"Das ist keine Erziehung, das ist Mißhandlung", meinte Nora. "Das ist eine Straftat."
"Damals wurden so ziemlich alle Kinder körperlich gezüchtigt."
"Du meinst, sie wurden zusammengeschlagen."
"Na, manchmal gab es schon den einen oder anderen, der sah schlimm aus danach."
"Was haben die denn mit dir noch alles gemacht?"
"Ja ... also ..."
"Wurdest du auch zusammengeschlagen?" fragte Nora. "Wie Cato ... der wurde andauernd geschlagen, auch mit Gegenständen."
Aron trank einen Schluck Rotwein.
"Irgendwann muß es doch vorbei sein", sagte er und blickte die Gobelintapete an. "Irgendwann muß man doch damit abgeschlossen haben."
"Vielleicht ist es einfach zu oft passiert", vermutete Nora. "Es ist die Erfahrung des wiederkehrenden Grauens, die sich im Inneren eingräbt, so sehr, daß man sie nicht mehr verarbeiten kann. Es ist die Erfahrung der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins."
"Du wachst morgens auf und weißt, heute wird wieder etwas Furchtbares passieren", erzählte Aron. "Und du weißt, du kannst nichts dagegen tun. Niemand und nichts wird dich davor schützen. Es ist das Grausigste, was du dir vorstellen kannst, und es ist unabwendbar. Das Einzige, was du nie weißt, ist, ob du es dieses Mal überleben wirst."
"Für mich war es damals das alltägliche Grauen, jeden Tag zur Schule zu gehen."
"Für mich war es das Grauen, jeden Tag nach Hause zu kommen."
"Das ist schlimmer."
"Warum?"
"Weil du dich nirgends in Sicherheit bringen kannst."
"Doch, das kann man schon", wußte Aron, "in Ecken und Winkeln, wo einen keiner findet."
"Man kann sich nicht für immer verstecken."
"Nein, das kann man nicht."
"Und wenn du aus deinem Versteck herausgekommen bist ..."
"Reden wir nicht davon."
Aron setzte eine Sonnenbrille auf und schaute zur Saaldecke.
"Das Trauma stellt einen außerhalb der Gesellschaft", sagte Nora. "Man ist umringt von Menschen und gehört doch nicht dazu. Man weiß nicht, wo oben und unten ist. Man versucht, die Wirklichkeit für sich zu ordnen. Und wenn dann noch mehr Maßlosigkeiten hinzukommen, kann es sein, daß man endgültig im luftleeren Raum schwebt. Die Phantasie ist das Einzige, was einem hilft. Ich habe damals eine Welt erfunden, in der ich selbst über mein Schicksal bestimmt habe und anderen Menschen helfen konnte, die in Gefahr waren. Da hatte ich meine Ruhe und meine Freiheit. Da waren Menschen, mit denen habe ich mich ohne viele Worte verstanden."
"In meiner Phantasie war ich ein Übermensch und habe es allen gezeigt", erzählte Aron. "Ich wurde unangreifbar und habe alle niedergemacht, die auf mich losgegangen sind. Und ich habe anderen Menschen geholfen, die angegriffen wurden. Dann, in der Wirklichkeit, als ich endlich erwachsen war, habe ich mich als Übermensch inszeniert. Ich habe mir gesagt, wenn ich schon nirgends dazugehöre, erhebe ich mich halt über alle anderen, dann kann mir keiner mehr etwas tun."
"Und - konnte dir wirklich keiner mehr etwas tun?"
"Ich wurde nicht mehr zusammengeschlagen. Aber ich wurde verfolgt. Ich habe mein Leben damit verbracht, wegzurennen und mich zu verstecken. Ich war zum Abschuß freigegeben für jedermann. Dann gehst du allein durch die Dunkelheit und hoffst, daß dich keiner sieht, und zugleich hoffst du, daß dir jemand begegnet ... und du hoffst, daß er den Menschen in dir wahrnimmt und nicht deine Fassade. Aber je beeindruckender deine Fassade ist, desto weniger kannst du selbst dahinter wahrgenommen werden."
"Die Fassade gibt dir Freiheiten und Möglichkeiten und ist zugleich ein Gefängnis."
"Es ist eine ausweglose Lage", meinte Aron. "Viele Menschen kümmern sich um dich, aber keiner kann dir helfen, einfach weil es nichts gibt, das dir helfen könnte."
"Eine Fassade schreckt ab", meinte Nora. "Wenn man sich selbst überhöht, schreckt man andere Menschen ab. Man läßt nicht mehr zu, daß die anderen Menschen einen erreichen. Die Wahrnehmung verändert sich. Man läuft Gefahr, die anderen Menschen zu entwerten und sich in Überheblichkeit zu verlieren."
"Es bringt mich um den Verstand, wenn ich daran denke, was ich anderen Menschen angetan habe - den Menschen, die ich liebe und die mich lieben", seufzte Aron. "Ja, es gab Menschen, denen ich wirklich etwas bedeutet habe. Es kam vor, daß ich nachts in ihrer Mitte gelegen habe, und sie schliefen alle, nur ich war wach. Sie fühlten sich geborgen, und ich fühlte mich allein. Ich war umringt von Menschen, die sich um mich kümmerten, aber ihre Liebe konnte mich nicht erreichen. Sie haben mir unendlich viel Zuwendung geschenkt, doch es hat nie gereicht, um das Gefühl der Einsamkeit von mir zu nehmen. Ich war so ungerecht; ich konnte die Geschenke nicht würdigen, die das Schicksal für mich hatte. Die Menschen, die mich liebten, mußten ohnmächtig dabei zusehen, wie ich mich zugrundegerichtet habe. Ach, ich habe sie so geliebt und am Ende doch nur an mich selbst gedacht. Und jetzt stehe ich da mit meiner Schuld und weiß nicht, wohin damit."
Er verbarg sein Gesicht in den Händen.
"Entschuldige", sagte er, "ich schlage immer die Hände vors Gesicht, wenn ich nicht weiß, was ich tun soll; das ist so eine Angewohnheit von mir. Vielleicht hat das damit zu tun, daß ich nicht will, daß jemand sieht, was in mir vorgeht, wenn ich nicht mehr weiterweiß."
"Wenn du willst, gehen wir zum Rechner und machen uns auf den Weg zu den Leuten, die wir im Leben zurückgelassen haben", schlug Nora vor.

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Nora sah Cato schlafend auf seinem Bett liegen. Weiße und bunte Lichterketten tauchten das Zimmer in einen verträumten Glanz. Im CD-Player lief "L'Estate" von Vivaldi als Endlosschleife.
"Es ist eine Stimmung wie in einem Aufbahrungsraum", dachte Nora. "Cato wird nicht mehr lange leben, und ich kann nur dabei zuschauen, wie er sich selbst vernichtet."
Um das Bett herum standen volle Aschenbecher, das Laken hatte Brandlöcher. Asche lag auf dem Boden und auf dem Nachttisch.
"Und bald liegt auch Asche in der Urne", dachte Nora, "Catos Asche. Aber der Wille eines Menschen ist sein Himmelreich. Das kann man nicht ändern."
Cato schlug die Augen auf und sagte:
"Auch du kannst daran nichts ändern. Tut mir leid für dich, aber ich werde mein Leben auch weiterhin genießen. Und dazu gehören Zigaretten."
Cato riß an einer Zigarettenschachtel herum, weil sie nicht gleich eine Zigarette freigeben wollte, und mit zitternden Händen steckte er sich die endlich hervorgezerrte Zigarette an.
"Genuß ist das nicht", urteilte Nora. "Das ist Sucht."
"Und wenn", entgegnete Cato lächelnd, ließ sich aufs Bett zurücksinken und saugte den Rauch in sich hinein. "Es ist doch nicht deine Sucht, sondern meine, und ich kann so süchtig sein, wie ich will - das betrifft dich eh nicht."
"Es betrifft mich sehr wohl", widersprach Nora. "Mir wurde das Schicksal zuteil, dich zu lieben, und aufgrunddessen liegt mir etwas an dir und deinem Leben."
"Was willst du denn damit? Dein Leben ist doch vorbei."
"Deines aber nicht, und um dich geht es mir."
"Um mich?" staunte Cato. "Also, wenn es dir wirklich um mich gehen würde, müßtest du froh sein, wenn ich sterbe, dann wäre ich auch im Jenseits, wie du."
"Das will ich ja gerade verhindern."
"Ach, du willst gar nicht vereint sein mit mir?"
"Nicht um einen solchen Preis."
"Warum muß es ich sein?" fragte Cato verstört. "Such' dir doch unter deinen Toten mal einen, der richtig Karriere gemacht hat, nicht so jemanden wie mich, der alle paar Jahre mal für eine Woche in den Charts ist. Wie wär's denn ... mit Vivaldi?"
"In meinem Leben habe ich nur dich geliebt, und bisher hat sich daran nichts geändert."
"Ha, erzähl' mir nichts", winkte Cato ab. "Du willst irgendeinen Gott abschleppen, gib es zu. Mindestens muß es Jesus sein. Dir ist doch nichts genug."
"Cato, warum geht es mir dann um dich?"
"Weil ich für dich erreichbarer bin als der eine oder andere Gott ... ich meine, erreichbarer war, solange du noch gelebt hast. Aber weil viele Götter schon tot sind, kannst du dir im Jenseits was Schickeres besorgen als mich."
"Ach, und du meinst, außer Geltungssucht gibt es für mich kein Kriterium."
"Du stehst doch immer nur vor dem Spiegel", höhnte Cato, "da ist es doch naheliegend, daß du dich andauernd in irgendwelchen Göttern spiegeln willst. Dir geht es immer nur um dein Ego."
"Man soll seinen Nächsten lieben wie sich selbst", meinte Nora. "Und ich denke, du hast für dich selbst nicht viel übrig."
"Wie kommst du darauf?"
"Du zerstörst dich mit den Zigaretten."
"Du hast nie geraucht und bist viel eher tot als ich", gab Cato zurück. "Das Schicksal entscheidet, wann wir sterben, das hat nichts mit dem Rauchen zu tun. Es gibt so viele Leute, die steinalt werden, obwohl sie rauchen."
"Rauchen ist wie Russisches Roulette", entgegnete Nora. "Und man muß schon lebensmüde sein, wenn man Russisches Roulette spielt."
"Und wenn ... es braucht dich eh nicht zu kümmern. Wir beide haben nichts miteinander zu tun. Wenn ich meine Memoiren schreiben würde, würdest du nicht darin vorkommen."
"Ich werde es mir nicht nehmen lassen, dich in deinen Träumen zu besuchen."
"Meine Träume schreibe ich bestimmt nicht auf, die erscheinen nie in den Memoiren. Träume bedeuten nichts."
"Mir kommt es nicht auf die Memoiren an", betonte Nora. "Ich muß nicht als die Frau deines Lebens in die Geschichte eingehen. Was die Leute über dich und mich denken, ist nachrangig. Entscheidend ist, was zwischen uns tatsächlich passiert."
"Nichts passiert zwischen uns ... nichts ... nichts."
"Wenn man herkömmliche Beziehungsmaßstäbe anlegt, hast du recht."
"Nora, warum tust du dir das an?" fragte Cato mit einem gequälten Ausdruck in der Stimme. "Warum tust du dir nicht mal etwas Gutes?"
"Das tue ich doch, und nur das."
"Tu doch einfach mal, was du willst."
"Das tue ich gerade."
"Aber du hast doch gar nichts davon."
"Ich kann nur die eine Hälfte unserer Beziehung gestalten", erklärte Nora. "Die andere Hälfte muß von dir kommen."
"Das wird nie geschehen."
Nora stand auf und ging zu Catos Bett.
"Nein!" rief er und wehrte sie mit beiden Händen ab.
"Was fühlst du, wenn ich hier stehe?" wollte sie wissen.
"Du bringst mich um", klagte er.
"Wie denn das?" erkundigte sie sich.
"Du nimmst mir alle Lebenskraft weg", warf er ihr vor.
"Wie soll ich das können?" fragte sie. "Ich stehe hier doch nur."
"Du willst immer alles über mich wissen und dich um mich kümmern und mich retten ... Das ist doch schlimmer als Zyankali."
"Warum?"
"Niemand soll wissen, wer ich bin", sagte Cato leidenschaftlich. "Niemand soll sich um mich kümmern. Ich gehe niemanden etwas an."
"Ich bin mir sicher, daß du jemanden brauchst, der für dich da ist", sagte Nora bestimmt, "auch wenn du das nicht so siehst."
"Ach, du hast nichts mehr dagegen, wenn ich eine Freundin habe?"
"Also - du willst keinen haben, der sich um dich kümmert, und gleichzeitig willst du eine Freundin haben ... wie paßt das denn zusammen?"
"Meine Freundinnen geben sich auch mit meinem Hologramm zufrieden", erklärte Cato. "Von denen habe ich nichts zu befürchten. Die durchschauen mich nicht und versuchen es auch gar nicht."
"Wenn du gar nicht selbst mit denen zusammen bist, sondern nur dein Hologramm, was hast du dann von deinen Freundinnen?"
"Es gibt doch viele Sachen, die man mit einer Freundin machen kann, ohne gleich alles über sich zu erzählen", sagte Cato mit einem angedeuteten Lächeln. "Das kannst du dir natürlich nicht vorstellen. Was willst du eigentlich? Willst du, daß ich ins Kloster gehe, bis ich sterbe? Sei ehrlich!"
"Ich kann nicht über dein Leben bestimmen, Cato."
"Du willst das aber gerne, was?"
"Ich wünsche mir, mit dir zusammen zu sein, aber ein Wunsch, der nicht umsetzbar ist, ist sinnlos."
"Du hoffst vielleicht, wenn ich tot bin, daß wir im Jenseits dann ... Nein, auf keinen Fall, das sage ich dir gleich."
"Ich hätte auch nicht damit gerechnet, Cato."

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Nora und Aron trafen sich auf der Polsterbank im "Lost Souls" wieder.
"Im Traum habe ich sie alle besucht, die ich im Stich gelassen habe", erzählte Aron. "Ich habe sie gebeten, mir zu verzeihen. Aber sie haben mir gar keine Vorwürfe gemacht. Sie haben gesagt, ich habe ihnen alles gegeben, was ich geben konnte ... und das wäre doch das Wichtigste auf der Welt."
Aron schluchzte in ein Gobelin-Kissen, das er vor sein Gesicht hielt.
"Das ist doch furchtbar", meinte er, "wie kann ich mich so gehen lassen ... es ergibt doch gar keinen Sinn."
"Du hast nicht auf der Anklagebank gesessen, im Gegenteil ... sie haben dich so angenommen, wie du bist, und sie wollten dich nicht anders", deutete Nora. "Dieses Gefühl ist ungewohnt für dich, das kann einen Menschen schon aus der Fassung bringen."
"Sie haben mich gar nicht verurteilt. Sie haben sich so gefreut, mich zu sehen ... so unendlich gefreut ..."
"Wenn du dich für eine Sache oder einen Menschen abmühst und all deine Kraft aufwendest ohne die Hoffnung, daß du jemals belohnt wirst, dann kannst du in diesem Zustand lange leben und dich daran gewöhnen", meinte Nora. "Du tust, was du willst, nur weil du es willst, nicht weil du glaubst, eines Tages dafür belohnt oder wertgeschätzt zu werden. Erst wenn gegen jedes Erwarten Lob und Wertschätzung über dich hereinbrechen, gerätst du aus der Fassung, weil du darauf nicht vorbereitet bist. Das würde jedem so gehen, glaube ich. Jedenfalls - von mir kann ich mit Bestimmtheit sagen, daß es mir so gehen würde."
Sie saßen nebeneinander im goldenen Licht der Kronleuchter und schwiegen.
Der DJ spielte "Bring on the dying" von Aslan Faction, ein melancholisches Elektro-Stück, ein Clubhit, zu dem die Leute wie von selbst auf die Tanzfläche gingen. Auch Nora mischte sich unter die Tanzenden. Nach einer Weile entdeckte sie Aron in der Menge, der darauf achtete, nicht aufzufallen und sich nicht abzuheben. Er hatte den Kragen seines Mantels hochgeschlagen, seine Sonnenbrille aufgesetzt und Haarsträhnen vors Gesicht gehängt.
"Soviel Mühe hätte er sich gar nicht zu geben brauchen", dachte Nora.
Die Menschen waren versunken in der Musik. Sie blickten kaum nach rechts und links, und wenn sie es taten, schien es sie nicht zu kümmern, wen sie sahen.

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