Standbild

Tanha war hinter die Stadt gegangen, wo das Moor begann. Er wollte die Wege finden, von denen erzählt wurde, abseits der Bahnschienen. Eine schräggestellte Ampel leuchtete rot neben den Gleisen.
Hinter Birkenwäldern gab es verlassene Torfstichbecken, zwischen denen schmale, brüchige Pfade hindurchführten. Tanha betrachtete sein Spiegelbild im Wasser; da sah er, wie es sich veränderte, und es erschien eine Gestalt in einem rosenfarbenen Gewand, die sagte:
"Tyra heiße ich. Wo bist du? Ich weiß, daß jemand hier ist, aber ich kann dich nicht sehen."
"Ich bin Tanha."
"Kehr' um, Tanha, kehr' um, dieses Moor ist verwunschen. Wenn du in dieses Wasser schaust und mich erblickst, bist du verflucht."
In diesem Augenblick wurde Tanha verwandelt in schwarzen Stein. So fanden ihn die Bahnarbeiter im Moor. Man brachte ihn in die Stadt und stellte ihn auf einen Sockel, denn man glaubte, er sei eine Verheißung des Himmels.
Draußen am Hang, vor der Stadt, gab es einen verwilderten Garten, darin stand ein hoher Pfahl mit einem Querbalken, wie ein Kreuz. Man sagte, eine Wasserleitung sollte einst dort über Land geführt worden sein, von diesem Pfahl getragen. Davon war aber nichts mehr zu erkennen.
Der Garten lag still nach einem langen Regen. Das eiserne Tor hielt noch, der Zaun war aber gefallen und überrankt von Heckenrosen und Brombeeren. Im Nebelschleier schimmerte ein rosafarbenes Gewand an dem Kreuz, fein wie ein Lichtstrahl. Niemand wußte, wer es darüber gehängt hatte; es hing aber jeden Tag dort, und es zerriß nicht und wurde nicht schlecht. Es wagte auch niemand, danach zu greifen, denn man fürchtete einen bösen Zauber.
In der Dämmerung, wenn alle Farben verblaßten, ging ein Windhauch durch das Kleid, und es umschloß eine Gestalt, die von dem Pfahl ins Gras hinabstieg. Tyras Seele kehrte in jeder Abenddämmerung zurück, weil sie im Tod keine Ruhe finden konnte.
In der Stadt begegnete Tyra vielen Menschen. Sie wußten aber nicht, woher Tyra kam, und sie erkannten auch das Kleid aus dem Garten nicht wieder, denn an jedem Tag zeigte es sich anders an ihr.
Auf einem großen Platz sah Tyra das Standbild aus schwarzem Stein.
"Was ist das?" fragte sie ein fremdes Mädchen, das sich davor neigte.
"Es kommt aus dem Moor", antwortete das Mädchen. "Es ist unsere Verheißung."
Frühmorgens, wenn die Vögel in der Kälte ihre Lieder sangen, ging Tyra durch den Tau zu dem Pfahl, reckte die Arme in die Höhe und ließ sich wieder in ihre unsichtbaren Träume sinken.
An diesem Tag wurde in Tyras Traum das schwarze Standbild lebendig.
"Tyra, hörst du mich?" rief es. "Tyra, wo bist du? Tyra, ich kann dich nicht sehen!"
Nachts lief Tyra auf den Platz, wo das Bild aufgestellt war, und fand wieder nur toten Stein.
In einem Tanzlokal setzte sich Tyra zu ihren Bekannten auf eine Rundbank und fragte sie, ob jemand mehr über den Stein wüßte.
"Nicht mehr, als wir über dich wissen", antwortete einer. "Und über dich wissen wir nichts ... nur, daß du jede Nacht ein anderes roséfarbenes Kleid trägst, nichts trinkst und nichts ißt, dir niemanden auswählst und nirgends wohnst."
"Das ist ein Bann", sagte Tyra. "Und ich will wissen, ob auch ein Bann liegt über dem Stein."
"Willst du einen Stein rühren? Willst du ein Bild bewegen?"
"Es muß Leben darin sein. Ich höre es doch im Traum, wie es mich ruft."
"Das tote Standbild vermißt dich nicht."
"Wenn ich nur erfahren könnte, wer über mich den Bann gesprochen hat ... vielleicht kann ich auch den Bann lösen, der über dem Stein liegt."
"Kennst du den schwarzen Zug, der Nacht für Nacht ins Moor fährt?"
"Jede Nacht fährt einer dort hinein, es kommt aber nie einer zurück in die Stadt."
"Wenn du mit diesem Zug fährst, vielleicht wirst du dann sehen, wer es war."
Auf dem Bahnsteig sah Tyra den schwarzen Zug, der mit schwarzen stählernen Kästen beladen wurde. Der Zug hatte keine Fenster.
"Was ist in den Kästen?" fragte Tyra die Bahnarbeiter.
"Das wissen wir nicht", antworteten sie. "Es steht nur darauf, daß sie hier in diesen Zug müssen."
"Kann ich auch mit diesem Zug fahren?"
"Mit diesem Zug?"
Die Bahnarbeiter schauten sich fragend an.
Tyra fand einen Waggon mit Abteilen, gleichwohl fensterlos, und stieg ein. An der Wand neben der Tür leuchtete eine rote Schrift:
"Richtung /"
Unter dem Display mit der Schrift gab es Tasten. Tyra schrieb:
"Wie kann der Bann gelöst werden?"
- und drückte die "Return"-Taste.
Der Zug fuhr rasch ins Moor.
Als der Morgen heraufkam, war das schwarze Standbild fort, und Tanha erwachte auf dem Sockel.
"Ach, die haben das abgebaut", sagte jemand.
"Was?" fragte Tanha und schaute um sich.
"Bist du nicht von hier? Da war doch gestern noch dieser schwarze Stein ..."
Tanha verließ den Platz. Er versuchte, sich an das Moor zu erinnern; es war aber gerade, als wäre er nie dort gewesen.
In dem Garten erschien Tyras Kleid nicht mehr. Die Vögel sangen in der Kälte.






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