Der Steinturm

Delerium - "Stone Tower" (Album)


März 2008: Verschüttete Irrwege.

Der matte Schein der Außenbeleuchtung brach sich im Rauhglas und glänzte auf dem Türrahmen aus Aluminium. Tains Schlüssel paßte zu allen Türen des Gebäudes, nur zu dieser einen Glastür paßte er nicht. Als Tain klingelte, hörte er von drinnen her den leisen Ton. Nichts rührte sich.
Tain wußte, daß niemand da war. Es konnte niemand da sein, nicht um diese Zeit.
Tagsüber kam regelmäßig jemand, um die Topfpflanzen zu gießen und Staub zu wischen. Staale hütete diese Räume; er gab sie an niemanden weiter, als wenn sie noch auf jemanden warteten, der zurückkommen sollte.
Tain setzte sich auf ein Geländer und zündete sich eine Zigarette an. Er wußte, daß er durch die Kameras beobachtet wurde. Ganz Lanwer wurde sorgsam überwacht. Aber durch Kameras würde man nicht erfahren können, was in ihm vorging. Man würde denken, daß er sich nur zum Rauchen hierher zurückzog.

Tain dachte an das Haus seiner Familie. Es stand abgelegen am Rande eines Weilers im Spessart, ein langgestreckter Bau mit mehreren Außentüren. Die Eltern hatten es gebaut, nachdem Tain zur Welt gekommen war, Anfang der siebziger Jahre. Die Mauern waren mit weißer Farbe gestrichen, die Fensterrahmen und Türen aus schwarzem Holz. Im Winter war das Gebäude kaum zu sehen in dem verschneiten Wald mit seinem Schwarz und Weiß. Auf den Treppenstufen lagen Kiefernnadeln, und es duftete nach Harz. Zwischen den kahlen Baumstämmen hing eisiger Nebel.
Tains Eltern, Ida und Theodore, hatten auch das Innere des Hauses in Schwarz und Weiß gehalten. Der Boden war im Schachbrettmuster gefliest. Im Schlafzimmer lag weißer Teppichboden. Alle Möbel waren schwarz oder weiß oder hatten abstrakte Designs in Schwarz und Weiß. Tain achtete darauf, daß dieses Gleichmaß nicht durchbrochen wurde, als er allein im Haus zurückblieb.
Seit seine Mutter gestorben war und sein Vater eine weit entfernt liegende Stelle angenommen hatte, war Tain selten zu Hause und brachte auch niemanden mit. Tains Verwandter Thara und dessen Mentee - Leen Dayna - waren damals nach langer Zeit die ersten Besucher, die diese Räume betraten.
"Fünf Jahre ist das her", sagte Leen. "Thara hat mir von Ida erzählt, aber ich kannte sie nicht."
"Wie geht es Theodore?" erkundigte sich Thara.
"Das weiß ich nicht so genau", entgegnete Tain. "Wenn er hier ist, bin ich meistens nicht da, und er ist nur selten hier, weil er auswärts arbeitet."
"Wohnt er hier gar nicht mehr?"
"Eher nicht."
Leen schaute durch die Fensterwand in das graue Tageslicht.
"Wie alt bist du?" fragte er Tain.
"Zwanzig. Und du?"
"Neunzehn."
"Was, und wieso nehmen die dich dann schon mit?" wunderte sich Tain.
"Das gehört zur Ausbildung."
"Was wollen sie mir verkaufen?" dachte Tain. "Sie fragen nach mir, aber weshalb? Was geht mein Schicksal sie an?"
"Du bist doch mit der Schule fertig", wandte Thara sich an Tain. "Was wirst du jetzt machen?"
"Das weiß ich noch nicht, aber mit Computern soll es zu tun haben."
"Dann bitte ich dich, Kommandant Dawyne anzurufen."
Thara legte eine Visitenkarte auf den schwarzen Eßtisch.
"Hier haben Ida und Theodore sich damals gestritten", dachte Tain.
"Weshalb haben sie sich gestritten?" fragte Leen.
"Wie?"
"Weshalb haben sie sich gestritten?"
"Woher weißt du, was ich gedacht habe?"
"Das hast du doch gesagt, nicht gedacht."
"Thara, habe ich das wirklich gesagt?"
"Ja, aber das ist doch jetzt nicht so wichtig", meinte Thara. "Dies hier ist wichtig ..."
Er zeigte auf die Visitenkarte.
Am nächsten Morgen lag die Visitenkarte immer noch dort, ein Stück durchsichtiges Plastik mit schwarzen Buchstaben darauf. Sie war in zwei Sprachen beschriftet; eine war Deutsch, die andere hatte Zeichen, die Tain nicht lesen konnte. Ida hatte selten in dieser Sprache geschrieben und sie Tain auch nicht gelehrt.
Thara und Leen brachten etwas in dieses Haus, das Tain nicht gewohnt war, ein Gefühl, das ihn mit sich ziehen wollte. Am Ende vermochte Tain den beiden nur nach Saroud zu folgen unter der Vorgabe, daß es sich um eine rein geschäftliche Angelegenheit handelte. Und geschäftlich blieb Tains Verhältnis zu Thara und Leen, auch zu seinem späteren Vorgesetzten Staale. Tain wollte vermeiden, Gefühle für andere Menschen zu entwickeln. Staales fürsorgliche Art wurde von Tain mit wachsamer Zurückhaltung zur Kenntnis genommen. Tain war bemüht, niemandem Vertrauen zu schenken.
Was Leen betraf, so begegnete Tain ihm über Jahre hinweg nur selten. Innerhalb der wenigen Augenblicke und der kurzen, belanglosen Unterhaltungen erfuhr Leen mehr von Tain, als Tain ihm mitteilen wollte. Das wurde Tain jedoch erst bewußt, als es zu spät war.
Man konnte die Ereignisse in der Transporteinheit als Falle betrachten, die das Schicksal für ihn aufgestellt hatte. Man konnte sie auch als Tains persönliches Versagen betrachten.
Tain warf sich vor, nicht reibungslos funktioniert zu haben. Er warf sich vor, keine Maschine zu sein. Maschinen konnten fehlerhaft arbeiten, ebenso wie Menschen, doch mit dem Unterschied, daß Maschinen nicht darunter litten.
Daß ausgerechnet Leen in der Transporteinheit war, als mit Tain das passierte, was man bei einer Maschine als "Versagen" bezeichnete, war in Tains Augen kein Zufall, sondern ein berechnendes Schicksal. Vielleicht war Leen sogar mit dem Schicksal im Bunde. Tain beschloß, Leen zu hassen. Der Haß sollte ihm dabei helfen, jedes Gefühl für sich und für andere zu verlieren, um unverletzbar zu werden.
Die Transporteinheit hatte Tains irdische Heimat als Ziel; sie sollte ihn zurückbringen in die Vergangenheit, wo er seine Zukunft zu finden hoffte. Saroud, die fremde Welt, hatte ihn glauben gemacht, hier all das finden zu können, wonach er auf Erden vergeblich gesucht hatte. Doch als das Fremdartige zum Alltag geworden war, erkannte er, daß es auch hier nichts anderes gab als eine Welt, in der sterbliche Wesen lebten, so recht und schlecht sie eben konnten. Schließlich wußte Tain nicht einmal mehr, wonach er eigentlich gesucht hatte. Es zog ihn wieder in die Heimat, nach L /. 7, wie sie auf Saroud genannt wurde. Die Reise endete für ihn jedoch auf halbem Weg. Staale veranlaßte eine Zwischenlandung auf einer Außenstation, von wo aus Tain nach Saroud zurückkehrte. Bei ihm waren Leen, Rega Mansfeld und der Android Sel Veey. Tain sah sich von Gestalten umgeben, die der Meinung waren, daß Tain ihre Hilfe brauchte. Auf Staales Geheiß war er ihnen ausgeliefert.
Tain sah sich von Staale verraten. Er sah sich auch von Leen und Rega verraten, mit denen ihn bislang fast so etwas wie eine Freundschaft verbunden hatte.
Staale schützte Tain nicht vor Leen und auch nicht vor Sel Veey. Bereits in der Transporteinheit durfte Leen entscheiden, wie mit Tain verfahren wurde. Sel Veey ging Leen zur Hand. Sel war in seinem Aussehen und seinem Verhalten einem Menschen täuschend ähnlich, doch war er nur ein höriges Kunstwesen, ein willenloses Werkzeug.
In der Transporteinheit gab es einen Raum namens beta/b. Tain hatte nur unscharfe Erinnerungen daran. Zuerst war der Raum eine Art Büro gewesen, wo Leen und Rega miteinander Kaffee tranken. Einige Stunden später hatte der Raum sein Gesicht verändert. Das Licht war heller, die Möbel waren an die Wände gerückt. Sel brachte Tain in die Mitte des Raumes und legte ihn auf einer Art Gestell ab, das vorher nicht dort gestanden hatte.
"Das ist doch nicht Raum beta/b", sagte Tain.
"Doch, da sind wir", sagte Sel.
"Dann bringst du mich sofort hier weg", verlangte Tain.
Er wollte sich aufrichten. Sels kalte gepolsterte Stahlarme legten sich um ihn.
"Willst du, daß das hier eskaliert?" fragte Tain. "Du kannst das haben."
Tain wußte nicht, ob es die Kopfschmerzen waren, die jede Bewegung erstarren ließen. Er konnte nur die Leute um sich herum betrachten und dabei zuschauen, was sie taten.
Tain fühlte sich nicht nur schuldig, weil er fehlerhaft funktioniert hatte. Er fühlte sich auch schuldig, weil er Leen und seinen Gehilfen unterlag. Diese Schuld konnte nur vernichtet werden, indem er selbst vernichtet wurde.
Der Gedanke, sich selbst zu vernichten, begleitete Tain in dem kommenden Wochen und Monaten, als er sich in einem Forschungszentrum auf Saroud befand, in Stellwerk-SalaRien. Er zog auch in Erwägung, Leen zu vernichten, doch konnte er sich nicht vorstellen, dadurch die Schuld loszuwerden.
Was Tain am meisten verabscheute, war die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde. Sie fragten nach seinen Wünschen. Er bekam Hilfe und Unterstützung, ohne darum zu bitten.
"Wenn sie arrogant und brutal wären, hätte ich wenigstens Respekt vor ihnen", dachte Tain.
Früher war er von Leen beeindruckt gewesen, weil er ihn für arrogant und oberflächlich gehalten hatte. Er hatte Leen als Vorbild betrachtet, denn er wünschte sich, selbst arrogant, oberflächlich und verantwortungslos zu sein. Diese Eigenschaften waren für ihn gleichbedeutend mit Unverletzbarkeit und damit Stärke.
Tain war sicher, daß es Leen nur darum ging, Tains Willen zu brechen. Er konnte sich Leens verbindliches, freundliches Verhalten nicht erklären. In seinen Augen machte Leen sich damit angreifbar und verscherzte sich den Respekt. Letztlich vermutete Tain, daß die Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit, mit der Leen ihm begegnete, dazu dienen sollte, Tain noch mehr zu vereinnahmen und noch mehr Macht und Kontrolle über ihn zu erlangen. Das war ein besonders hinterhältiges Konzept; Leen versuchte, durch seine Zuvorkommenheit Tains Vertrauen zu erschleichen, um ihm, wenn er sich darauf einließ, den Stachel ins Herz zu jagen.
Tain dachte an Skorpione, die ihr Opfer durch Gift lähmten. Das Gift hatte eine Wirkung, die das Opfer glauben machte, es sei in besten Händen, ihm könne nichts mehr geschehen.
Die Schuld, die Tain auf sich lud, wuchs mit jedem Tag, an dem er Leen über sich bestimmen ließ. Es mußte etwas geschehen.
Eines Morgens stellte Tain sich vor das Fensterbrett, als die Zeit herankam, um die Sel und die anderen sich einfinden mußten. Sie erschienen wie gewohnt.
"Tain, kommst du mit?" fragte Sel.
Tain schüttelte den Kopf.
"Wir kommen nachher wieder", sagte Sel und verließ mit den anderen das Zimmer.
Tains größter Feind war die Schwäche. Er konnte nur kurze Zeit vor dem Fenster stehenbleiben und mußte sich schon bald in einem Sessel ausruhen. Sooft Sel hereinkam, erhob sich Tain und stellte sich wieder vor das Fenster.
"Ich bleibe jetzt bei dir, bis du müde wirst", sagte Sel gegen Abend.
Er stellte sich neben Tain. Sel war ein Kunstwesen, das nicht atmete. Er stand so ruhig da wie ein Büroschrank oder eine Stahlbetonsäule.
Es wurde dunkel. Tain suchte Halt am Fensterbrett. Er fühlte die Schwäche in sich aufsteigen. Keinesfalls wollte er ihr nachgeben. Sel schwieg und wartete.
Wenig später schreckte Tain aus einem Dämmerschlaf hoch, in den er stehend gesunken war. Er fühlte Sels Stahlarme unter seinem Körper. Das Deckenlicht wurde hochgedreht. Tain sah Seera, Rega und Leen hereinkommen und auf das Bett zugehen.
"Das gilt nicht", rief Tain. "Ich bin noch nicht müde."
"Dann stehe wieder auf", sagte Leen.
Tain erhob sich. Der Fußboden kam ihm entgegen. Tain versuchte, sich abzustützen. Er fühlte, wie Sel nach ihm griff und einen Sturz verhinderte.
"Das gilt nicht", sagte Tain. "Das war nur, weil ihr nicht lange genug gewartet habt."
"Wir können jetzt nicht weitermachen", sagte Leen. "Das strengt dich zu sehr an."
"Laßt ihr mich für heute in Ruhe?"
"Gleich, wenn wir fertig sind."
"Ach, erst wollt ihr mich vergiften."
"Es ist sehr giftig", nickte Leen. "Und es ist die einzige Rettung."
"Ihr seid das. Ihr wollt verhindern, daß ich fliehen kann."

Tain verstand nicht, warum er nach diesen Erinnerungen suchte und sie weiterverfolgte. Er zog an seiner Zigarette und blickte auf die Betonplatten unter ihm.
"Es ist seltsam", dachte er, "wenn man etwas in Gedanken bewahren will, verläßt es einen und kehrt nie mehr so zurück, wie man es einst gehabt hat. Und wenn man etwas vergessen will und sich von etwas befreien will, dann ist es immer da, immer vor einem, und verläßt einen nie."

Er sah die Gänge im Forschungszentrum vor sich, durch die er mehr getaumelt als gelaufen war. Er wollte fliehen, das war leicht zu erkennen, doch niemand versuchte, ihn zurückzuhalten. Türen öffneten sich, Mitarbeiter kamen heraus, die an ihm vorbeigingen, ohne ihn zu beachten. Tains Blick fiel auf eine Wanduhr. Gleich würde es soweit sein, gleich würden sie in sein Zimmer kommen und ihn dort nicht finden. Tain ging durch den Keller und entdeckte eine Panzertür, die weit offenstand.
"Wie können sie so unvorsichtig sein?" dachte er. "Am Ende ist das auch nur eine Falle."
An der Betonwand neben der Panzertür leuchteten die Ziffern einer Uhr. Eben war es soweit, sie mußten in sein Zimmer kommen. Tain ging in den Panzerraum und zog die Tür hinter sich zu. Drinnen brannte ein schwaches Deckenlicht. Tain kannte sich mit dieser Art von Panzerräumen aus, weil es auch in den Gebäuden des Raumflughafens Stellwerk, wo er lange gearbeitet hatte, solche Räume gab. Er tippte auf dem Display neben der Tür Befehle und Ziffern ein und erhielt die Meldung, daß die Tür sicher verschlossen war.
Tain ließ sich an der Stahlwand entlang auf den Boden sinken und betrachtete die matt spiegelnden Schränke gegenüber. Es mußte kühl sein hier drinnen, doch er fror nicht.
Leen meldete sich durch einen Lautsprecher:
"Tain, siehst du noch das Display neben der Tür? Ist das noch da?"
"Ja."
"Du mußt eine Ziffernfolge auf dem Display eintippen. Dann öffnet sich die Tür."
"Wegen euch habe ich mich doch hier eingeschlossen", gab Tain zurück. "Warum sollte ich jetzt die Tür wieder öffnen? Warum? Sagt mir nur einen Grund."
"Wenn du die Tür nicht mit dem Zahlencode öffnest, müssen wir die Alarmanlage ausschalten und dich mit schwerem Gerät herausholen. Das kann sehr belastend für dich werden."
"Aber ich will doch hierbleiben."
"Du wirst dich bald so vergiften, daß du die Zahlen nicht mehr eintippen kannst. Dann müssen wir den Panzerraum aufbrechen lassen, um dein Leben zu retten."
"Was soll mich denn vergiften?"
"In dem Panzerraum sind Chemikalien."
"Ach, das stimmt doch nicht, das ist doch nur ein Trick."
"Wir haben nicht viel Zeit. Laß' dir die Ziffernfolge diktieren."
"Lieber lasse ich mich vergiften."
"Tain, ist das Display noch da?"
"Warum sollte das weg sein?"
"Es verschwindet manchmal, dann kann man von innen nichts mehr eintippen."
"Du kannst doch von außen was eintippen."
"Das geht nicht, weil du eine Codesperre aktiviert hast."
"Dann programmiere die doch um."
"Das würde zu lange dauern."
Tain legte sich auf den Fußboden.
"Tain, ich will nicht, daß du taub wirst von dem Gerät, mit dem wir dich herausholen", fuhr Leen fort. "Das macht einen furchtbaren Lärm."
"Du kannst mir erzählen, was du willst."
"Tain, ich werde dir jetzt die Ziffernfolge sagen."
"Das kannst du gerne machen."
"Tain, dir geht es nicht gut."
"Ich habe mich nur für einen Augenblick hingelegt."
"Versuch', aufzustehen. Ich habe bescheidgesagt, daß wir den Panzerraum aufbrechen. Wenn du es schaffst, stehe jetzt auf und stelle dich vor das Display."
Tain schwieg.
"Stehst du vor dem Display?" fragte Leen.
Tain schwieg.
"Antworte, wenn du noch sprechen kannst", bat Leen.
Tain schwieg.
"Wir brechen in ein paar Minuten den Raum auf", kündigte Leen an. "Ich hoffe, daß es nicht zu spät ist. Ich sage dir jetzt die Ziffernfolge. Vielleicht schaffst du es, sie vorher noch einzugeben."
Er nannte eine Reihe von Ziffern. Tains Hände zitterten, als er sie auf das Display tippte. Nach der letzten Ziffer blinkte das Display, und die Panzertür schob sich zur Seite. Tain fiel in die Arme von Sel Veey, der ihm entgegentrat. Lautlos brachte Sel ihn fort.
Tain kam in dem Raum mit den Milchglasscheiben zu sich. Leen stand bei ihm, hielt seine Hand umschlossen und sagte nichts.
"Was wollt ihr?" fragte Tain. "Was ist hier los?"
"Wir müssen sichergehen, daß du keine Vergiftungserscheinungen hast", erklärte Sel.
"Was war denn das sonst vorhin?" fragte Tain.
"Das war das, weswegen du hier bist, in SalaRien."
"Ach ... ich weiß. Ihr wollt mich glauben machen, daß ich eure Hilfe nötig habe. Ich brauche aber keine Hilfe. Ich brauche niemanden."
"Zwei Stunden", sagte Leen. "Zwei Stunden sollten wir warten."
"Warum habt ihr diese Tür offengelassen?" begehrte Tain auf. "Das war eine unglaubliche ... das war eine Verantwortungslosigkeit von euch ... dafür wird man euch zur Rechenschaft ziehen."
"Das gesamte Institut ist ein Sicherheitsbereich", erklärte Leen. "Es ist nach außen gesichert. Innerhalb des Gebäudes wird gearbeitet. Du wirst noch mehr solcher Türen finden."
"Ich fasse es nicht ... das war am Ende noch Absicht ... daß ich da 'reingehen soll ... ich kann es nicht glauben ..."
"Du bist nicht unser Gefangener."
Tain fühlte sich von einem atemlosen Lachen geschüttelt.
"Ihr ...", sagte er, "ihr haltet mich nicht gefangen, nein."
"Du kannst gehen, wohin du willst."
"Leen, jetzt habe ich es verstanden - du bist geisteskrank."
"Sel und Casyle werden sich um dich kümmern. In zwei Stunden komme ich wieder."
Leen ging hinaus.
"Ich will rauchen", sagte Tain.
Casyle Sar, das flachsblonde Mädchen im grauen Kleid, blickte Tain aus großen Augen an.
"Du hast doch bestimmt Zigaretten", sagte Tain.
Casyle schüttelte den Kopf.
"Wenn ich es sage, dann hast du welche", bestimmte Tain. "Du bist doch ein Mensch und keine Puppe, oder? Ich dachte fast, du bist eine Puppe."
"Was willst du damit sagen?" erkundigte sich Casyle.
"Ich will beschreiben, was ich sehe", entgegnete Tain. "Ich sehe blonde Haare, ein Engelsgesicht und wunderschöne Augen."
"Warum erzählst du mir das?"
"Weil ich ein Lächeln in dein Gesicht zaubern will."
"Aber Puppen lächeln doch nicht, oder?"
"Eben. Und wenn du lächelst, weiß ich, daß du keine Puppe bist."
"Soweit ich weiß, gibt es im Institut keine Spielsachen außer den Computern."
"Sel, hast du Zigaretten?" fragte Tain.
"Ruh' dich aus", bat Sel. "Es ist besser, wenn du dich ausruhst."
Leen kam mit Rega, Inir und Léry zurück.
"Danke, Casyle", sagte Leen. "Du mußt jetzt nicht dabeisein."
Tain hatte das Gefühl, unter Wasser zu schwimmen und nicht an die Oberfläche zu gelangen. Er nahm die Konturen seiner Umgebung verzerrt und undeutlich wahr. Geräusche und Worte schienen unwirklich und weit weg.
Tain entschloß sich, zu beweisen, daß es nicht seine eigene Entscheidung war, wohin er ging. Leen sollte ihm nichts mehr vormachen können.
Ein langer Flur im obersten Stockwerk endete mit einer Wand aus Glasbausteinen. Durch eine Tür gelangte man hinaus auf einen Balkon. Tain wunderte sich, daß die Tür nicht abgeschlossen war. Die offenstehende Tür zu dem Panzerraum ließ Tain noch als Falle hingehen, doch von hier oben konnte er seinem Leben so schnell und mit so großer Sicherheit ein Ende setzen, daß er das Verhalten von Leen und seinen Kollegen als schlichten Leichtsinn empfand.
"Wie lange es wohl dauert, bis sie hier heraufkommen?"ging Tain durch den Sinn.
Er trat hinaus in die frostkalte Luft und machte die Tür hinter sich zu. Er war sicher, daß sie ihn überwachten. Dennoch erstarrte er innerlich, als die Klinke sich bewegte und Sel in der Tür erschien.
"Kommst du mit?" fragte Sel.
"Wir sind hier im elften Stockwerk", entgegnete Tain. "Wenn ihr versucht, mich hier wegzuholen, springe ich."
"Leen, Seera und Rega sind gleich hier. Wir werden dich nicht lange allein lassen."
Sel schloß die Tür und ging. Tain umklammerte das Geländer und schaute in die Tiefe. Auf den Betonplatten unten im Hof würde er sich zu Tode stürzen, doch wenn er springen wollte, blieb ihm nicht viel Zeit.
Tain hatte das Gefühl, versagt zu haben, als die Balkontür sich wieder öffnete.
"Willst du springen?" fragte Leen. "Ich will dir diese Entscheidung überlassen. Ich will dich nicht daran hindern."
"Du wirst Schwierigkeiten kriegen", entgegnete Tain. "Dir wird man vorwerfen, daß du nicht genug auf mich aufgepaßt hast. Dir wird man meinen Tod vorwerfen. Das kann dich den Job kosten. Es kann sein, daß du nie wieder in deinem Beruf arbeiten darfst."
"Ja, das kann sein."
"Stört dich das gar nicht?"
"Es geht jetzt um dich, nicht um mich. Es geht um die Frage, ob du leben willst oder nicht."
"Aber mich beschäftigt das. Ich mache mir Sorgen um dich."
"Was ich wissen möchte, ist, ob du dich für das Leben oder dagegen enscheidest."
"Ist dir dein Leben denn gar nicht wichtig?"
"Im Augenblick ist mir deine Entscheidung wichtig."
"Ich habe gesagt, wenn mich einer anzurühren versucht, springe ich."
"Sel wird dich jetzt mitnehmen", kündigte Leen an. "Du kannst springen. Du hast die Wahl."
"Ihr laßt mich nicht."
"Wir lassen dich. Sel geht auf dich zu, und dir bleibt Zeit genug, um zu springen."
Sel ging langsam auf Tain zu, der reglos dastand und sich gegen das Geländer drängte. Tain empfand sich selbst wie eine fremde Person, auf die er keinen Einfluß hatte. Er verstand nicht, weshalb er bewegungslos auf Sel wartete, bis dieser seine Schultern umgriff.
"Kommst du mit?" fragte Sel.
"Warum fragst du mich das?" erwiderte Tain. "Das kann ich doch nicht entscheiden."
"Es ist sehr kalt heute, deshalb kannst du nicht so lange hier draußen bleiben", erklärte Leen. "Du hast nicht einmal einen Mantel an."
Leen, Seera und Rega machten Platz für Sel, der Tains ins Innere des Gebäudes zurückbrachte. Leen schloß die Balkontür und drehte den Schlüssel herum.
In dem Zimmer mit den Milchglasscheiben nahm Tain alle Kraft zusammen und versuchte, sich zu befreien.
"Jetzt bist du erleichtert", rief er, "weil du deinen Job behalten darfst. Aber wenn du so weitermachst, wirst du ihn verlieren. Staale wird dein verantwortungsloses Verhalten nicht ewig dulden."
Tain fühlte unendlichen Haß auf sich selbst, weil er nicht vom Balkon gesprungen war.
"Ich könnte jetzt tot sein", dachte er, "dann könnten sie mir nichts mehr tun."
Im zweiten Kellergeschoß gab es ein Lager, das war weitläufiger als der Gebäudekomplex; es reichte bis in die benachbarten Gebäude hinüber. Die stählernen Regale schienen himmelhoch, ganze Wände erhoben sich, gefüllt mit einförmigen grauen Plastikkartons und Gegenständen, die in Plastik verpackt waren. Die Regale standen eng beieinander. In dem Gewirr fanden sich nur Industrieroboter zurecht, die zwischen den Regalen hindurchhuschten und an Schienen hinauf- oder hinunterliefen. Die Roboter erkannten jedes Hindernis und wichen ihm aus, so daß sie für niemanden zur Gefahr wurden, der sich hier aufhielt.
Tain suchte die grauen Regalwände ab und entdeckte ein Werkzeug, einen spitzen Gegenstand aus Stahl; das war es, was er zu finden gehofft hatte. Tain beschloß, an Ort und Stelle zu handeln, damit ihn niemand an seinem Vorhaben hindern konnte. Er zog seine Jacke aus und öffnete die linke Manschette an seinem Hemd. Den Ärmel streifte er bis über den Ellenbogen hoch. In dem Regal hinter ihm schien etwas zu sein, an dem er sich verhakte. Er wollte sich umdrehen und nachschauen, was es war. Doch wie er sich auch wand, es gelang ihm nicht. Er hielt den stählernen Gegenstand in seiner Rechten und wollte ihn auf seinen linken Arm zubewegen. Dabei bemerkte er die Klauen, die seine Arme umgriffen. Sie sahen fast wie Menschenhände aus, waren aber die eines Androiden.
"Es stimmt nicht", rief Tain. "Ihr überlaßt mir nicht die Entscheidung. Ihr wollt mich sehr wohl daran hindern, zu sterben."
"Wir können es nicht - nicht auf Dauer", sagte Sel. "Wir können dich einige Male vor dem Tod bewahren, aber wenn du wirklich sterben willst, wirst du es auch schaffen."
Tain hörte Schritte, die sich näherten. Er versuchte aufs Neue, sich aus Sels Griff zu befreien. Sie würden ihn sehen, wie er dastand, mit aufgeknöpftem Ärmel und dem spitzen Gegenstand in der Rechten.
"Laß es fallen", bat Sel. "Laß es einfach los."
"Es ist alles, was ich noch habe", erwiderte Tain. "Mir gehört sonst nichts mehr, nicht einmal mein eigenes Leben."
"Laß es fallen", bat Sel. "Dann brauchen wir es dir nicht wegzunehmen."
"Ihr nehmt mir doch sowieso alles weg."
Léry und Seera kamen in den schmalen Gang zwischen den Regalen. Tain umklammerte den stählernen Gegenstand noch fester. Léry und Seera öffneten seine Hand, ergriffen das Werkzeug und gingen damit fort.
Das Tageslicht in Tains Zimmer wirkte nebliger als sonst, der Raum wirkte leerer und weiter.
"Sel, kannst du mich endlich in Ruhe lassen?" fragte Tain. "Ihr braucht mich doch nur in Ruhe zu lassen."
"Dann wirst du sterben", sagte Leen.
"Nein, dann lebe ich endlich wieder."
Leen schüttelte den Kopf.
"Du lügst", sagte Tain. "Du lügst mich nur an. Du willst nur die Macht über mich haben, das ist alles."
"Tain, versuche, dich nicht aufzuregen."
"Du hast mich belogen, verraten und verkauft."
"Tain, du darfst mich hassen. Aber rege dich nicht auf."
"Dann schicke diese Leute weg", verlangte Tain und zeigte auf die Gestalten, die um das Bett standen.
Außer Sel erkannte er Rega, Les und Seera.
"Schaffst du es ohne ihre Hilfe?" fragte Leen.
"Was soll ich schaffen?" fragte Tain.
"Ich erkläre dir, was wir jetzt machen."
"Das will ich nicht hören."
"Gib' mir deine Hand", bat Leen.
"Du hast gesagt, ich kann gehen, wohin ich will, und das werde ich jetzt tun."
"Gleich kannst du es tun, wenn wir fertig sind."
"Du hast mich angelogen, gib es wenigstens zu."
"Wir versuchen, dich vor dem Tod zu bewahren. Mehr können wir nicht, und mehr wollen wir nicht."
"Ach, es geht euch nur darum, daß ich überlebe", schloß Tain. "Um mich geht es euch gar nicht. Ihr wollt gewinnen, das ist alles."
"Ich will nicht von dir verlangen, daß du mir vertraust."
"Ich verstehe nicht, warum du von Vertrauen redest."
"Es kann sogar besser sein, wenn du mir mißtraust."
"Was?"
"Ich werde noch vieles tun, was nicht geeignet ist, dein Vertrauen zu wecken", erklärte Leen. "Du bist besser vorbereitet, wenn du bei deinem Mißtrauen bleibst."
"Findest du es gut, daß ich dich hasse?"
"Deinen Haß werte ich als Botschaft, als Mitteilung."
"Und was liest du in dieser Botschaft?"
"Darin lese ich ..."
"Halt, das war rhetorisch gemeint. Ich will nicht wissen, was für einen Unsinn du da herausliest."
Tain schaute zu Sel hinüber und dachte an Tintenfische und Würgeschlangen.
"Was ist das?" fragte Tain. "Wovor soll der Haß mich schützen?"
"Es ist in dir", antwortete Leen.
"Was ist in mir, daß ich mich davor schützen muß?"
"Es würde dich wahrscheinlich überfordern", sagte Leen. "Solange du mir Haß und Mißtrauen entgegenbringst, bist du sicher davor."
"Sicher wovor?"
"Haß zerstört und vergiftet. Aber wenn du ihn im Griff hast oder wenn jemand da ist, der ihn an deiner Stelle im Griff hat, kann er auch schützen."
"Sag' mir endlich, was du meinst."
"Das kann man nicht mit Worten beschreiben. Man kann es fühlen, aber Worte gibt es dafür nicht. Deshalb kann ich es dir nicht sagen."
"Versuch' es wenigstens."
"Draußen in der Geröllwüste gibt es einen Turm aus Bruchsteinmauern, der steht da schon seit Jahrhunderten. Wenn man in den Turm hineingeht und sich für immer dort einschließt, wird man sicher zugrundegehen. Aber niemand wird auf den Gedanken kommen, daß sich in dem Turm dort in der staubigen Wüste ein menschliches Wesen befindet. Man ist vor allem geschützt, nur vor dem Tod nicht. Man ist allein, nur einen Begleiter hat man, den wird man niemals los. Den nimmt man immer mit, wohin man auch geht."
"Wer soll das denn sein?"
"Tain, sag' mir bitte, was du fühlst."
"Haß. Abscheu."
"Das ist vielleicht auch besser so."
"Was meinst du damit? Ich verstehe dich nicht."
"Hinter dem Haß kann sich etwas verstecken, und das kann es sein, was dich vielleicht überfordert."
"Sag' mir, was es ist."
"Worte helfen dir nicht", meinte Leen. "Du müßtest es erfahren, sonst wird es dir nicht bewußt."
"Wie kann ich es erfahren?"
"Gib mir deine Hand."
"Das tue ich bestimmt nicht."
"Warum tust du es nicht?"
"Weil ich niemandem die Hand reiche, dem ich mißtraue."
"Dann höre mir zu, wenn ich dir sage, was wir jetzt machen."
"Das tue ich niemals."
"Warum nicht?"
"Weil ich das nicht wissen will."
"Warum willst du das nicht wissen?"
"Weil es sowieso nicht stimmt."
"Dein Mißtrauen schützt dich, das ist in Ordnung."
"Wovor schützt es mich?" fragte Tain aufgebracht. "Sag' mir endlich, wovor."
"Das kannst du erfahren, wenn du beobachtest, was du gleich tun wirst."
Die Ereignisse liefen ab wie ein Film, unveränderbar, vorbestimmt, vorhersagbar. Tain sah das Zimmer in einem staubigen, grauen Licht, getrübt von seiner eigenen Schuld. Tain sah sich überwältigt, ausgeliefert, und mit jedem Mal wuchs die Schuld, wenn es ihm nicht gelang, sich gegen Sel Veey und seine Gehilfen zu wehren. Jedes Wort, das er sagte oder hörte, jede Farbe, jede Form, die er sah, alles war eingestaubt von der Schuld.
"Kannst du erzählen, was passiert?" fragte Leen.
"Ich bin schuld an allem, was passiert", war Tain überzeugt, "und vernichten kann ich die Schuld nur, wenn ich mich selbst vernichte."
"Du bist an nichts schuld", versicherte Leen. "Du kannst dich nicht wehren. Du kommst nicht an gegen Sel Veey, und du würdest auch gegen den Tod nicht ankommen, wenn wir dir nicht helfen."
"Aber wenn es nicht die Schuld ist, was ist es dann?"
"Beobachte, was geschieht."
Leen griff nach einem Tablett, das wie zufällig auf ein Tischchen gestellt worden war. Tain kannte das Tablett. Leen brachte es jeden Tag mit in dieses Zimmer. Tain dachte an den Skorpion, der seine Opfer vergiftete. Tain wußte, daß es keinen Sinn hatte, sich gegen Sel zu wehren, und doch versuchte er es jeden Tag wieder.
"Sage mir, was geschieht", bat Leen.
"Da ist nichts", erwiderte Tain, "einfach nichts ... da ist alles leer ..."
"Bitte höre nicht auf, mir zu mißtrauen. Was dir hier widerfährt, kannst du nur ertragen, wenn du einen Feind hast, auf den du alles werfen kannst, was dich belastet."
Tain kam sich vor wie in einem Alptraum, aus dem er nicht erwachen konnte. Er wußte nicht mehr zu sagen, wer oder was sein Feind war, was er von wem halten sollte und was er von sich selbst halten sollte.
Tain ging noch immer gerne durch die Kellergeschosse des Forschungszentrums. Er suchte die entlegensten Winkel, die dunkelsten Ecken. Unter den Heizungsrohren hatte er den Verdacht, daß Gas ausströmte oder irgendein anderer, jedenfalls giftiger Stoff. Tain sank auf den Betonboden.
"Hier finden sie mich nicht", beruhigte er sich. "Jedenfalls nicht rechtzeitig."
Er lag auf dem Beton und stellte sich vor, wie er sich aus der Welt davonstahl, ganz allmählich, als würde er einschlafen.
Der Beton war kalt, und er schien immer härter und unbequemer zu werden. Tain wollte sich auf die Seite drehen. Er stellte fest, daß es ihm nicht gelang.
Zugleich schien hier unten die Luft dünner zu werden. Tain atmete tiefer und hatte doch das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen.
"Es kann nicht sein", dachte er. "Sie finden mich überall. Sie hätten mich längst finden müssen."
Im Schein der Notbeleuchtung sah er grau verhüllte Wesen auf sich zukommen.
"Ich kenne die nicht", dachte er. "Das sind Monster. Vielleicht bin ich schon tot, und das ist das Jenseits."
Er wollte sich unter den Rohren verstecken, konnte sich aber nicht mehr bewegen. Die verhüllten Wesen trugen ihn aus dem Kellerraum. In einem kleinen, hell erleuchteten Zimmer legten sie ihn auf eine Bank. Dann zogen sie die graue Schutzkleidung aus.
"Niemand wird dich einsperren", sagte Leen. "Du kannst dich immer wieder in gefährliche Situationen bringen, wenn du das willst. Wenn wir dich dem Leben zurückgeben wollen, müssen wir in Kauf nehmen, daß du dich in Gefahr bringst. Es gibt kein Leben ohne Gefahr."
"Gibt es denn keine Sicherheit?" fragte Tain. "Keinen Schutz?"
"Das hängt von deinem Willen ab."
"Aber ich bin euch doch ausgeliefert."
"Du glaubst, du bist uns ausgeliefert."
"Das bin ich ja auch. Ihr wollt über mich entscheiden. Ihr wollt alles entscheiden."
"Wir können nicht alles entscheiden."
"Wer ist denn mächtiger als ihr und mächtiger als ich?"
"Léry kann dir das erklären", meinte Leen. "Er zeichnet Figuren auf Papierbahnen, die aus einer fremden Kultur stammen. Jede Figur hat eine Bedeutung, und alle zusammen ergeben die Antwort auf deine Frage."
Léry ermutigte Tain, daß auch er solche Figuren zeichnen könnte. Es werde keine Regeln geben. Alles sollte nur so gezeichnet werden, wie es aus sich selbst heraus entstand.
"Wohin führt mich das?" fragte Tain, als Léry ihm einen Pinsel gab und die grauschwarze Farbe, mit der die Figuren gezeichnet wurden.
"Das führt dich zu einer Antwort", erklärte Léry. "Es ist wie bei einem Stempel, den man nur im Schwarzlicht sehen kann. Man kann die Farbe nicht direkt sichtbar machen, sondern nur, indem man etwas hinzugibt. Wenn du die Figuren zeichnest, gibst du etwas aus deinem Inneren hinzu, abseits von jedem Gedanken, jeder Berechnung. Dann kannst du in ihnen die Antwort entdecken."
"Und wer antwortet mir?"
"Wer ... oder was ... etwas in uns, etwas über uns, das wir nicht sehen können, und doch ist es da ... etwas, das sich nicht ergründen läßt, das wir nicht erfassen können, aber wir finden die Antwort nur, wenn wir etwas davon sichtbar und greifbar machen, wie in diesen Figuren."

Das erste Licht des Tages zog herauf. Tain stieg von dem Geländer und haschte nach der Zigarettenschachtel, die ihm auf die Betonplatten gefallen war. Er zündete sich eine neue Zigarette an. Wie unter Zwang suchte er weiter nach Erinnerungen.

Leens Tod lag sechs Jahre zurück. Tain staunte, als er nachrechnete und erkannte, wie lange es schon her war. Seine letzte Begegnung mit Leen hatte hier in der Nähe stattgefunden, in einem der Gebäude von Lanwer. Tain ging Leen in Lanwer aus dem Weg, doch eines Tages, vor beinahe sechs Jahren - es war Januar - fand er Leen in einem der Rechnerräume, über die interstellare Kontakte geführt wurden.
"Ich bin gleich wieder weg", entschuldigte sich Leen. "Ich will nur etwas nachsehen."
Tain ging langsam auf ihn zu. Leen saß auf einem Schreibtischstuhl und schaute auf einem der Monitore Listen mit Datenträgern durch.
"Du kannst mir niemals geben, was ich brauche", sagte Tain und legte sich die Hand vor den Mund, als wenn er es damit ungeschehen machen konnte.
"Das stimmt, das kann ich nicht", erwiderte Leen, ohne den Blick von dem Monitor abzuwenden.
"Wer kann es mir denn geben?" fragte Tain.
"Was meinst du denn, wer es kann?"
"Dich habe ich gefragt", begehrte Tain auf. "Du weißt doch sonst immer alles besser."
Leen ließ die Hände vom Schreibtisch sinken, wandte sich Tain zu und fragte:
"Was ist es denn, das du brauchst?"
"Das weiß ich nicht. Das habe ich nie gewußt. Das kann ich erst herausfinden, wenn ich es habe."
"Wem kannst du vertrauen?"
"Wenn ich jemandem vertrauen würde, könnte ich mich gleich umbringen."
"Willst du jemandem vertrauen können?"
"Von Vertrauen halte ich nichts."
"Willst du, daß dich jemand versteht?"
"Bloß nicht", wehrte Tain ab. "Wenn jemand über mich bescheidweiß, kann er sein Wissen gegen mich verwenden."
"Wie soll dann der Mensch sein, der dir geben kann, was du brauchst?"
"So wie du jedenfalls nicht. Aber du weißt doch alles über mich, tust zumindest so - du müßtest auch wissen, wie dieser Mensch sein soll."
"Das kannst nur du selbst wissen."
"Du warst schon immer zynisch und arrogant. Du weißt genau, daß ich es nicht weiß."
"Tain, wie geht es dir?"
"Du willst mich doch wieder nur aushorchen."
"Du mußt es mir nicht erzählen."
"Das werde ich auch nicht, aber vielleicht kannst du mir wenigstens meine Frage beantworten."
"Warum willst du die Antwort von mir haben?" erkundigte sich Leen.
"Weil ich immer noch die Hoffnung habe, daß zwischen all dem Schwachsinn, den du erzählst, auch mal was Vernünftiges dabei ist."
"Befürchtest du, daß es dir wieder so schlecht gehen könnte wie damals in der Raumfähre, bevor du nach Stellwerk-SalaRien gekommen bist?"
"Das kann ja mal sein, daß man Streß hat und dann auch irgendwie mal Kopfweh hat, das ist normal", sagte Tain vorsichtig. "Aber es kann ja auch sein, daß es etwas anderes ist."
"Ja, das kann manchmal sein."
"Und wie unterscheide ich das?"
"Es ist anders als das, was man gewohnt ist", erklärte Leen. "Damals in der Raumfähre ist mir das aufgefallen. Dein Blick war anders, deine Haltung ..."
"Und wenn ich es nicht merke, wer merkt es dann?"
"Gibt es jemanden, von dem du willst, daß er es merkt?"
"Eigentlich will ich das nicht. Ich will es nur selber merken."
"Und wer soll dir helfen, wenn du dir nicht helfen kannst?"
"Das konnte ich mir doch schon damals nicht aussuchen", winkte Tain ab. "Ich will nur wissen: Wer wird über mich bestimmen?"
"Mit mir mußt du niemals wieder etwas zu tun haben."
"Ach, und wenn wieder sowas passiert wie damals?" fragte Tain betont kühl. "Und Staale dich beauftragt, über mich zu bestimmen? Und du mich glauben machen willst, ich würde deine Hilfe brauchen?"
"Das wird nicht mehr passieren."
"Woher willst du denn das wissen?"
"Staale würde das nicht gestatten", erzählte Leen. "Eigentlich soll ich auch schon nicht mehr arbeiten."
"Du tust es aber doch."
"Nur noch stundenweise. Ich wollte nicht aufhören."
"Weshalb sollst du nicht mehr arbeiten?"
"Ich habe nicht mehr viel Zeit, und es besteht die Hoffnung, daß mir mehr Zeit bleibt, wenn ich nicht mehr arbeite."
"Und du tust es doch."
"Ja, ich will nicht aufhören. Sonst habe ich das Gefühl, ich höre auf zu leben."
"Das ist doch ein Widerspruch", fand Tain. "Du verkürzt dein Leben, um zu leben? Was für ein Unsinn."
"Es kommt auch darauf an, wie man lebt, nicht nur auf die Dauer des Lebens."
"Und wenn sowas doch wieder vorkommt, wie damals in der Fähre, wen läßt Staale dann über mich bestimmen?"
"Das weiß ich nicht."
"Du weißt immer alles, warum das gerade nicht?"
"Das kann ich nicht wissen."
"Belüg' mich nicht", verlangte Tain.
Leen erwiderte nichts. Er griff nach einem Stapel CD-Rohlinge.
"Also, wie ist das?" fragte Tain und wurde unruhig. "Wen würde Staale über mich bestimmen lassen, wenn du nicht mehr da wärst?"
"Was empfindest du, wenn du mir gegenüberstehst?"
"Was soll die Frage?"
"Sie kann dir helfen, die Antwort zu finden."
"Also ... wenn ich dir gegenüberstehe ... empfinde ich Haß."
"Gibt es jemanden, den du noch mehr haßt als mich?"
"Das weiß ich nicht."
"Kannst du dich erinnern, außer mir jemanden gehaßt zu haben?" fragte Leen.
"Da ist ein leeres Feld", sagte Tain nachdenklich. "Da ist einfach nichts."
"Gibt es jemanden, an den du auf keinen Fall denken willst?"
"Das weiß ich nicht."
"Wenn du einem Menschen begegnest, für den du Haß empfindest, dem du zutiefst mißtraust, an den du nicht denken willst und der ein Gefühl der Leere in dir auslöst, dann könnte es der Mensch sein, nach dem du suchst."
"Warum ausgerechnet so jemand?"
"Weil niemand anders dein Inneres erreichen könnte, weil niemand anders deine Gefühle erwecken würde und weil niemand anders je bereit wäre, sich bedingungslos und bis in alle Ewigkeit um dich zu kümmern."
"Das ist doch ein nie endender Alptraum, was du beschreibst."
"Du wirst durch ein Inferno gehen müssen, wenn du finden willst, was du suchst."
"Warum? Warum bist du da so sicher?"
"Das Inferno ist in dir selbst; du merkst es nur nicht, weil du dich davor schützen kannst. Wenn du aber zu dir kommen willst und eine Verbindung zu einem anderen Menschen aufnehmen willst, dann ist es unvermeidlich, dann wirst du das Inferno erleben."
"Erleben, aber nicht überleben ..."
"Du magst mir nicht glauben, aber dadurch wirst du erst anfangen, zu leben."
"Leben! Was heißt für dich Leben ... wenn ich dich angucke ... dir bleiben nur noch ein paar Jahre, und du redest von Leben ... du kannst doch wirklich nicht ganz echt sein. Vielleicht habe ich mich geirrt, und nicht Sel Veey ist der Android, sondern du bist es."
"Wer soll sich denn nach deinem Wunsch und Willen um dich kümmern, wenn es nicht zu vermeiden ist?" fragte Leen. "Wen sollte Staale denn auswählen?"
"Das weiß ich nicht, aber was ist mit Sel Veey?"
"Sel wird andere Aufgaben übernehmen. Du weißt, daß diese Maschine sich nicht mehr so verhält, wie du es gewohnt bist."
"Dann weiß ich es nicht, aber ... was ist mit dir eigentlich? Warum soll dir nur noch so wenig Zeit bleiben? Du hast damals etwas von fünf Jahren gesagt ..."
"Das werden keine fünf Jahre mehr sein."
"Da bist du dir sicher."
"Ja, ganz sicher."
Tain nahm unbrauchbar gewordene CD-Rohlinge aus dem Papierkorb und zerbrach sie. Die Scherben verstreute er auf dem Fußboden. Dann holte er seine Zigarettenschachtel hervor und ging auf den Balkon.
Leen beendete seine Arbeit am Rechner. Tain wollte den Balkon hinunter zum Treppenflur gehen. Er verstand nicht, weshalb er stattdessen in das Büro zurückkehrte und Leen zusah, der Datenträger beschriftete.
"Wenn es keine fünf Jahre mehr sind", fragte Tain, "wie lange ist es dann?"
"Ach ... ein paar Monate vielleicht? Oder ein paar Wochen? Ich weiß es nicht."
"Das kann doch gar nicht stimmen. Du würdest doch sonst nicht so ungerührt darüber sprechen."
"Tain, du mußt mir nicht glauben."
Leen fuhr fort, Datenträger zu beschriften. Tain fühlte sich trotz seiner inneren Hektik bis zur Bewegungslosigkeit erstarren.
"Nie wieder", schwor er sich, "nie wieder werde ich irgendeinen Gedanken und irgendein Gefühl an irgendein Wesen verschwenden."
Tain wollte den Raum verlassen, konnte sich aber nicht von der Stelle rühren. Etwas Unsichtbares hielt ihn und wollte nicht, daß er fortging.
"Sag' mir ...", wandte er sich an Leen, "sag' mir nur einen einzigen Grund, warum ich dir vertrauen sollte."
"Es gibt keinen Grund, mir zu vertrauen."
"Ach ... du hast immer versucht, mich dazu zu bringen, dir zu vertrauen, und jetzt sagst du, es gibt keinen Grund dafür?"
"Vertrauen hat keinen Grund", meinte Leen. "Es entsteht, oder es entsteht nicht."
"Wozu ist Vertrauen eigentlich gut?"
"Wir können nicht alles allein, wir müssen etwas abgeben an jemanden, dem wir vertrauen. Wir müssen anderen etwas anvertrauen."
"Und wie entsteht Vertrauen?"
"Durch die Hoffnung, daß es nicht mißbraucht wird. Durch die Gewißheit, jemanden zu lieben. Durch den Glauben, daß einem geholfen wird."
"Wem vertraust du denn, Leen?"
"Das Leben ist eine Wüste, durch die ich auch dann noch vertrauensvoll gehe, wenn niemand und nichts mehr da ist."
"Aber woher willst du das Vertrauen dann noch nehmen?"
"Es ist in mir. Ich weiß nicht, woher ich es habe, aber es ist in mir."
In Gedanken sah Tain eine staubige Geröllwüste vor sich und einen Turm aus Bruchsteinmauern.
"Hast du den Steinturm mal gesehen?" erkundigte sich Tain. "Ich meine den Turm in der Geröllwüste."
"Ja, da gab es einen in der Nähe des 'Departure', wo ich mich immer mit Lilly getroffen habe, damals, vor sieben Jahren. Als Lilly tot dalag auf den Dielenbrettern des 'Departure', wollte ich mich in dem Steinturm einschließen und niemals mehr herauskommen."
"Und dann?"
"Lilly zuliebe habe ich es nicht getan. Sie hätte es nicht gewollt. Sie ist tot, und doch hat sie mich immer begleitet, bis zum heutigen Tag."
"Das gibt es doch gar nicht."
"Hoffentlich gelingt es dir eines Tages, auf den Haß zu verzichten und herauszukommen aus dem Steinturm."
"Auch wenn das Leben nur eine Geröllwüste ist?"
"Auch dann."
"Ich weiß nicht, was mir mein Leben bedeutet. Manchmal denke ich, ich will einfach nur sterben."
"Man sollte nicht sterben, ohne gelebt zu haben."
"Leben, das tue ich", sagte Tain mit Bestimmtheit, "ich lebe, ich genieße das Leben."
"Wie?"
"Ich habe Frauen, ich rauche, ich nehme Drogen, wenn mir danach ist, ich feiere Parties und spiele am Computer, ich zocke - also, ich genieße mein Leben wirklich."
"Das klingt für mich eher nach dem Versuch, das Leben wegzuwerfen."
"Woher willst du das denn wissen?" fragte Tain gereizt. "Du weißt doch gar nicht, wie das ist mit haufenweise Frauen und Drogen und so ..."
"Wenn es dir damit so gut geht, dann frage ich mich, was es noch geben soll, nach dem du suchst."
"Das weiß ich auch nicht."
"Woran merkst du denn, daß du etwas suchst?"
"Diese Leere. Diese Wüste in mir."
"Du selbst mußt entscheiden, was du willst - die Leere oder das Inferno."
"Kennst du das Inferno?" fragte Tain. "Weißt du, wie es sich anfühlt?"
"Es soll umso furchtbarer sein, je mehr ein Mensch sich versündigt hat."
"Ach, und weil du ohne jede Sünde bist, kannst du nichts davon wissen ... natürlich. Das ist wieder so ein grauenvoller Unsinn, den du erzählst. Ich kann nicht begreifen, warum ich hier stehenbleibe, anstatt wegzugehen ... einfach wegzugehen ..."
"Es ist deine Entscheidung."
"Wofür soll ich mich entscheiden?" drängte Tain. "Sag' mir, wofür soll ich mich entscheiden?"
"Die Entscheidung kann ich dir nicht abnehmen."
"Du kannst alles. Du weißt alles und kannst alles."
"Du selbst mußt dein Leben gestalten. Niemand kann dir das abnehmen."
"Aber ich finde mich doch gar nicht. Ich sehe mich nicht. Ich bin gar nicht da."
"Erinnerst du dich an die Figuren, die Léry zeichnet?" fragte Leen. "Du kannst dich selber in ihnen finden, wenn du sie zeichnest. Dann wird auch das Unsichtbare sichtbar."
Leen gab Tain ein Blatt aus dem Drucker und einen Bleistift. Tain begann, eine Figur zu zeichnen. Er sah die Gestalt vor sich, grauschwarz auf dem weißen Papier, und aus dem schemenhaften Gesicht blickte ihn eine seltsame Traurigkeit an, die er nicht zu deuten wußte. Als wenn ein Blitz durch ihn gefahren wäre, warf Tain den Stift hin und verließ das Büro. Er fiel beinahe über die Treppenstufen. Draußen griff er mit zitternden Händen nach einer Zigarette.
"Nie wieder", beschwor er sich. "Nie, nie wieder."

Mehr als sechs Jahre lag das nun zurück. Tain hatte Wort gehalten. Er hatte alles von sich gestoßen, was das Inferno hätte entfachen können. Sein Leben verlief in ruhigen Bahnen, zwar nicht äußerlich, doch in seinem Inneren herrschte Stille. Die Mauern des Steinturms waren verläßlich.
Tains Zigaretten waren alle. Er holte sich eine neue Schachtel aus seinem Büro im Hauptgebäude und ging im mattroten Licht der aufgehenden Frühlingssonne zurück in den Winkel, wo sich die verschlossene Aluminiumtür befand, auf deren Rauhglas nun das Tageslicht glitzerte. Die Lampe über der Tür war abgeschaltet worden, ebenso die Wegbeleuchtung. Tain setzte sich wieder auf das Geländer und rauchte weiter. Er sah weiß blühende Kirschbäume, die ihm vorher nicht aufgefallen waren. Er spürte die Kälte der Morgenluft.
"Was suche ich hier eigentlich?" dachte Tain. "Was zieht mich hier immer wieder hin?"
Früher hatte sich Leens Büro hinter der Aluminiumtür mit dem Rauhglas befunden. Nach Leens Tod hatte Staale die Räume beinahe so erhalten lassen, wie sie zuletzt gewesen waren.
Tain zündete sich eine neue Zigarette an. Beinahe fiel ihm das Feuerzeug auf den Gehweg, als die Rauhglastür von innen geöffnet wurde.
"Was willst du hier?" rief Tain, außer sich vor Entsetzen. "Wer hat dir den Schlüssel gegeben?"
Katharin stand reglos in der Tür und betrachtete den Schlüssel in ihrer Hand.
"Sag' bloß nicht, du hast ihn von Staale", rief Tain.
"Ich habe ...", wollte sie antworten.
"Du hast ihn gestohlen, ja?" fauchte Tain.
"Das Zimmer wird mein Büro", sagte Katharin mit bemühter Langsamkeit, Deutlichkeit und Sachlichkeit.
"Du wirst sterben durch meine Hand", sagte Tain. "Ich werde dich erwürgen, sobald ich Lust dazu habe. Du bist eine Verräterin."
"Warum?"
"Hau' ab, verschwinde bloß!" rief Tain. "Ich hasse dich, ich hasse dich!"
Katharin zuckte mit den Schultern und ging davon. Ihre Absätze klangen hart auf den Betonplatten. Tain betrachtete Katharins schimmernde graue Jacke, ihre schmale Taille und ihren langen Rock aus grobem grauem Stoff, der trotz der femininen Silhouette etwas Martialisches an sich hatte mit seinen Schnallen, Schlaufen und Besätzen.
"Was will die hier?" dachte Tain, während er sich eine weitere Zigarette anzündete, denn die vorherige war ihm aus der Hand gefallen. "Ich hasse sie, ich hasse sie!"

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