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Tiefsendung

Das Spiel kannte Viridiana seit ihrer Kindheit. Abends, wenn sie zu Bett gegangen war, legte sie ihre geschlossenen Augen auf ihre Fäuste und betrachtete die flimmernden Bilder, die unter ihr vorbeizogen. Es waren Muster, selbstähnliche Fraktale, endlos in alle Richtungen. Da gab es ein Meer aus Obststeigen mit grünen Äpfeln zu sehen, dicht an dicht gestellt. Dann brach dieses Bild auf, und es gab eine Landschaft aus weiß gekachelten Badezimmern zu sehen, die nirgends endete, nicht in der Weite, nicht in der Höhe und Tiefe. Dann wieder tauchte Viridiana in die ewige Nacht des Weltalls, erleuchtet nur von blinkenden Sternen. Immer wieder gab es etwas Neues zu sehen, einige Bilder jedoch erschienen regelmäßig, vor allem eines, das Viridiana besonders gefiel. Es war ein unermeßlich weiter, lindgrüner Ballsaal. Der matte, langsam vorbeiziehende Saalboden war bedeckt mit prachtvollen Mustern aus feinen schwarzen Linien, geschwungen und zu Ornamenten geordnet, die sich immer wieder neu formten.
"Tiefsendung" nannte Viridiana die sich stetig wandelnden Bilder einer abgründigen Welt, die sie betrachten, aber nicht erreichen konnte.
Am meisten verlangte Viridiana danach, den gewaltigen lindgrünen Ballsaal betreten zu können. Bislang hatte sie nie jemanden dort unten gesehen, nur die feinen, verschlungenen schwarzen Linien und Ornamente. Viridiana wünschte sich, die Ornamente auf dem lindgrünen Boden in einer Zeichnung festhalten zu können. So oft sie es versucht hatte, es war doch nie gelungen.
Inzwischen gab es niemanden mehr, der Viridiana ins Bett schickte, bevor sie müde war. Hingegen schlief sie so wenig, daß sie abends nur müde ins Bett sank und einschlief, ehe sie sich daran erinnerte, daß sie schon lange nicht mehr die "Tiefsendung" angeschaut hatte.
In der Discothek "Fractal" gab es keine schwarzen Ornamente auf dem Tanzboden. Doch die Gäste in ihrer kunstvoll gestalteten, zumeist schwarzen Garderobe bildeten gemeinsam ein Muster, das man durchaus als Fraktal betrachten konnte. Viridiana trug ein Kleid aus starrer schwarzer Seide, mit Reifrock und Korsage. Um die Schultern legte sich eine Rüsche mit Onyxgehängen. Das Halsband aus schwarzem Samt trug vorn eine Verzierung aus Onyx. Die Arme steckten in langen schwarzen Satinhandschuhen, und der Haarschmuck aus schwarzem Satin war bestickt mit Onyxen. Durch das Spitzenmuster ihres schwarzen Sandelholzfächers beobachtete Viridiana die Menschen im "Fractal" und erinnerte sich an den grünen Ballsaal aus der "Tiefsendung".
"Kann es so einen Saal überhaupt geben?" fragte sie sich. "Darin sind doch Muster, die sich dauernd verändern, genau wie die Muster, die die Menschen hier bilden, weil sie auch alle immer in Bewegung sind. Leider kann niemand auf der Welt die 'Tiefsendung' filmen."
Der Morgen war warm, obwohl der Himmel verhangen war und die Sonne noch nicht schien. Viridiana fuhr auf einer schmalen asphaltierten Straße durch ein Waldgebiet. Sie hatte diesen Weg gewählt, weil sie einem Stau auf der Autobahn entgehen wollte. Als sie am Straßenrand einen Parkplatz entdeckte, hielt sie dort und suchte ihren Fotoapparat heraus. Sie warf sich einen dünnen schwarzen Seidenschal über. Neben dem Parkplatz führte ein Kiesweg in den Wald hinein, der war mit einem hölzernen Geländer begrenzt und so sauber angelegt, daß Viridiana nicht anders konnte und dort entlanggehen mußte. Zu beiden Seiten des Kieswegs waren in gleichmäßigen Abständen halbhohe Bäume gepflanzt, die ihr Laub noch nicht trugen, dafür aber weiße Blüten, deren Blätter auf den Waldboden fielen wie feiner Schnee. Das Blütenmeer reichte, so weit das Auge schauen konnte, in die nebligen Tiefen des Waldes. Die Bäumen bildeten, vom Weg aus betrachtet, endlos lang erscheinende, schräg verlaufende Reihen. Viridiana versuchte, dieses selbstähnliche Muster in Bildern festzuhalten. In Nahaufnahmen rückte sie die Blüten weit nach vorn und machte Bilder im halben Gegenlicht, so daß die erste Tageshelligkeit durch die Blütenblätter hindurchschimmerte.






Der Kiesweg war lang und gerade. An seinem Ende tauchte eine Hecke aus dem Nebel auf. Viridiana kam näher und sah, daß der Weg um die Hecke herumführte. Dahinter befand sich eine Mauer mit einem eisernen Gittertor. Die Mauer war überrankt mit Efeu. Das Tor stand halb offen. Viridiana schaute, was dahinter sei, und sie erblickte eine Ruine, die ein Herrenhaus gewesen sein konnte. Ein Teil des Gebäudes stand noch, der vorderen Tür aber fehlte das Schloß. Die Reste der verfallenen Mauern waren, ebenso wie die Begrenzungsmauern, grün überrankt.
Viridiana betrachtete das Glockentürmchen auf dem Dachgiebel. Sie fragte sich, wozu es gedient hatte.
Die Ruine schien selten besucht zu werden. Viridiana sah keine Spuren von Trinkgelagen. Auch als sie hineinkam in einen steinernen Saal, war dort alles, als hätte man es vor langen Jahren zurückgelassen und nie mehr betreten.
Viridiana hatte ihren Film beinahe abfotografiert, als ihr ein Handschuh ins Auge fiel, der auf einem Sideboard lag. Der Handschuh war aus einem silbrigen Material gemacht und nicht eingestaubt. Viridiana zog ihren rechten Abendhandschuh aus und probierte den silbrigen Handschuh. Er paßte, als wäre er für sie gemacht. Wie sie ihn eben anhatte und ein wenig die Hand hob, erschien an der rückwärtigen Mauer des Saales ein großes Display in einer mattgrünen Farbe, die Viridiana an den Ballsaal in ihrer "Tiefsendung" erinnerte. Sie kam näher an das Display heran, und je nachdem, wie sie die Hand mit dem silbrigen Handschuh bewegte, erschienen und verschwanden schwarze Linien und Muster. Unversehens war Viridiana von diesen Mustern umgeben und hineingeraten in den Saal, den sie aus der "Tiefsendung" kannte. Was sie in der "Tiefsendung" nie hatte sehen können, waren die Seitenwände des Saales, und jetzt sah sie die Wände; sie waren mit lindgrünem Stoff bespannt. Auch die Saaldecke sah Viridiana zum ersten Mal. Sie trug Ornamente wie der Boden. Alles war in Bewegung, die Größe des Saales und die Höhe veränderten sich laufend, mal hatte der Saal eine eckige Form, mal bildete er ein Oval, mal war er himmelhoch, mal niedrig, so daß Viridiana beinahe die Decke berühren konnte.
Und zum ersten Mal sah Viridiana einen Menschen dort. Er hatte die Augen schwarz geschminkt und ließ sich schwarz gefärbte Ponysträhnen ins Gesicht hängen.
"Dich kenne ich aus dem 'Fractal'", sagte er.
"Das wundert mich nicht", entgegnete Viridiana. "Mich kennen immer alle, nur ich kann mir keine Gesichter merken. Wie heißt du denn?"
"Daro."
"Ich heiße Viridiana."
"Das weiß ich."
"Ach ja, stimmt ja. Ach - wie bist du eigentlich hier hineingeraten?"
"Das ist so ... wenn du mich schon gekannt hättest, wäre dir vielleicht aufgefallen, daß ich lange nicht mehr im 'Fractal' war."
"Und wo warst du stattdessen?"
"Im Computerspiel. Hier."
"Bist du Tag und Nacht mit Computerspielen beschäftigt?"
"Na ja ..."
"Aber du mußt doch arbeiten."
"Delegation ist alles. Wozu gibt es E-Mails? Die Leute suchen nicht nach einem, wenn sie regelmäßig E-Mails bekommen. Sie wissen, zumindest ist man virtuell vorhanden."
"Und du bist wirklich nur noch virtuell vorhanden?"
"Das wirst du sehen, wenn du dich von mir zum Tanzen auffordern läßt."
"Na, dagegen habe ich nichts."
Zu einer Mischung aus Hymne und abstrakten Klängen schwebten Daro und Viridiana über die wirren Muster auf dem Boden.
"Mehr, mehr", sagte Viridiana, wenn Daro stehenbleiben wollte.
Schließlich blickte Daro auf seine Digitaluhr, eine Funkuhr mit übergroßen Ziffern.
"Du hast noch ... drei Minuten", stellte er fest. "Three minutes left. Nutze sie gut!"
"Also ... warum nur noch drei Minuten?"
"Deine Zeit hier im Computerspiel ist immer nur genau eine Viertelstunde."
"Und wie kann ich wieder hier hereinkommen?"
"Du mußt nur immer am Sonntagmorgen hier sein. Lege den silbernen Handschuh wieder dahin zurück, wo du ihn gefunden hast, dann wird er auch am nächsten Sonntag wieder dort liegen."
Der grüne Saal mit den schwarzen Ornamenten löst sich auf, und Viridiana stand allein in der Ruine. Auf dem grünen Display an der Mauer war zu lesen:
"transfer interrupted"
Vor dem Einschlafen schaute Viridiana die "Tiefsendung" und sah den grünen Saal unter sich vorbeiziehen, menschenleer.
Viridiana war erleichtert, als sie den silbrigen Handschuh wirklich nach einer Woche dort wiederfand, wo sie ihn hingelegt hatte. Sie tanzte in dem Ballsaal mit Daro, dann schaute er auf die Uhr und sagte:
"Three minutes left. Nutze sie gut!"
"Bist du freiwillig in diesem Computerspiel?"
"Erstmal eine andere Frage: Fürchtest du dich überhaupt nicht vor mir?"
"Warum denn das?"
"Na, weil du doch ganz allein mit mir hier bist."
"Das ist mir doch eigentlich ganz recht."
"Also ist es dir eigentlich auch ganz recht, daß ich in diesem Computerspiel bin?"
"Es kommt darauf an, ob du freiwillig hier bist und es verlassen kannst, wenn du willst ... ob du frei bist, zu tun, was du willst."
Daros Blick erinnerte Viridiana an einen Computer, der im Hintergrund Rechenoperationen durchführte.
"Warum bist ausgerechnet du zu mir gekommen?" erkundigte er sich.
"Eigentlich wollte ich nur die Ruine fotografieren."
"Welche Ruine?"
"Das ist doch die Ruine, durch die ich zu dir in das Computerspiel gelangen konnte."
"Wo ist die Ruine?"
"Etwas abseits der Autobahn."
"Und die wolltest du fotografieren."
"Die habe ich letzte Woche fotografiert, bis mein Film fast voll war. Dann habe ich den silbernen Handschuh gefunden, und ich habe den Fotoapparat auf ein Sideboard gelegt. Und als ich aus dem Computerspiel in die Ruine zurückgekehrt bin, lag der Fotoapparat immer noch da. Weißt du was? Nächstes Mal nehme ich ihn mit zu dir und fotografiere dich!"
"Und wenn ich nicht fotografiert werden will?"
"Warum denn nicht?"
"Ach, ich glaube, das geht gar nicht."
Daro zerfiel wie die Illusion eines Traums, und um Viridiana erschien wieder der Saal aus grauem Stein.
Am nächsten Sonntagmorgen hängte Viridiana ihren Fotoapparat über die Schulter, als sie das Computerspiel betrat.
"Wenn du mich fotografierst, laufe ich weg", sagte Daro.
"Dann fotografiere ich erstmal diesen grünen Saal", entschied Viridiana. "Den wollte ich schon immer fotografieren. Bis ich ein Foto davon in den Händen halte, werde ich nicht glauben, es jemals zu können."
Sie hatte ihren Film beinahe verbraucht, als ihr noch einige Aufnahmen von Daro gelangen. Daro hatte sich weggedreht, blickte sich aber einige Male verstohlen um und wurde dann von Viridiana fotografiert.
"So, und wenn das was geworden ist, bringe ich dir nächstes Mal die Abzüge mit", kündigte sie an. "Wie ist das ... kannst du hier überhaupt ... Gegenstände aufbewahren?"
"Nein, hier gibt es nur Daten. Alles ist digitalisiert."
"Ich auch?"
"Nein, du bist ein Gast."
"Aber du fühlst dich auch nicht an wie ein Datensatz."
Viridiana konnte in der folgenden Woche feststellen, daß es möglich war, Daro und den grünen Saal mit den schwarzen Ornamenten zu fotografieren. Sie scannte ihre liebsten Bilder ein und stellte sie auf ihrer Homepage online. Auch Fotos von den weiß blühenden Bäumen, den efeuüberrankten Mauerresten und der Ruine aus grauem Stein kamen dazu. Die Papierbilder steckte Viridiana in ein Fotoalbum, und dieses nahm sie mit zu Daro in das Computerspiel. Sie setzte sich mit Daro auf den Saalboden, wo schwarze Ornamente sich unter ihnen dauernd wandelten. Daro schien die Bilder, auf denen er selbst zu sehen war, nicht lange betrachten zu wollen. Eilig blätterte er weiter.
"Da siehst du doch so niedlich aus", meinte Viridiana.
"Ich sehe nicht niedlich aus", entgegnete Daro.
"Gefällst du dir denn gar nicht?" wollte Viridiana wissen.
"Also, ich bin wirklich froh, daß wir uns immer nur eine Viertelstunde lang begegnen", seufzte Daro. "Dann kannst du mich nicht länger als eine Viertelstunde lang ausfragen. Das hat was für sich."
"Ist dir meine Gesellschaft denn recht?"
"Wenn man bedenkt, daß sonst niemand den Weg hierher findet ... dann ist das schon eine ganz nette Abwechslung."
"Daro, willst du meine URL? Die Adresse von meiner Homepage?"
"Später. Später. Das wird mir jetzt alles schon wieder zuviel."
Am nächsten Sonntagmorgen ging Daro Viridiana lächelnd entgegen. Er schloß die Arme um sie, so fest, wie er konnte, dann unterbrach er sich:
"Jetzt hätte ich dich fast kaputtgemacht."
"Das hättest du nicht."
Wie sie sich umschlungen hielten und wie sie sich anschauten, beides erinnerte Viridiana an einen Datenaustausch. Die Daten wurden übertragen, ohne daß ein Wort gesprochen werden mußte.
"Manchmal denke ich, du bist ein Computer", sagte Daro schließlich. "Du bist so nüchtern, so berechnend, so abrufbar, so allzeit präsent."
"Computer haben ja nun gar keine Gefühle."
"Bei dir weiß man sowas auch nie."
Daro zerfiel in ihren Armen, und sie stand allein in dem grauen steinernen Saal.
Am nächsten Sonntagmorgen trug Daro einen schwarzen Umhang, den er mit beiden Händen zuhielt.
"Wovor willst du dich schützen?" fragte Viridiana.
"Das weiß ich nicht", entgegnete Daro. "Und du fragst schon wieder so viel."
"Willst du denn mal wieder in die Welt der Menschen zurückkehren?"
"Ich bin doch gar kein Mensch mehr. Ich bin nur noch ein virtuelles Wesen."
"Du bist ein Mensch, da bin ich mir ganz sicher."
"Du glaubst nur, daß ich ein Mensch wäre, weil du bei mir in dem Spiel bist."
"Gibt es denn einen Weg, dich wieder zu einem lebendigen Menschen zu machen?"
"Das war ich doch schon, und ich habe es verspielt", erzählte Daro. "Es lohnt sich nicht, mich aus meinem virtuellen Gefängnis zu befreien."
"Warum lohnt sich das nicht?"
"Für dich lohnt es sich nicht", warnte Daro. "Hier im Computerspiel kann ich auf dich zugehen und mich von meiner anderen Seite zeigen. Aber wenn ich ins Leben zurückkehren würde, wäre ich wieder ein gemeiner und verächtlicher Mensch."
"Bist du da so sicher?"
"Ja, deswegen bin ich ja verflucht worden."
"Denkst du nicht, daß die Zeit im Computerspiel etwas in dir verändert hat?"
"Das Spiel hält mich von meinen Untaten ab und täuscht vor, daß ich ein anständiger Mensch geworden wäre. Aber in mir kann sich nichts mehr verändern."
"Was macht dich darin so sicher?"
"Ich bin ein Süchtiger. Ich gebe immer der Sucht den Vorzug und mißachte die Menschen. Ich verdiene es gar nicht, unter den Menschen zu leben."
"Wonach bist du denn süchtig?"
"Ich bin süchtig danach, zu zerstören. Ich zerstöre meine Gesundheit, ich zerstöre Vertrauen, ich zerstöre Beziehungen ..."
"Willst du denn nichts daran ändern?"
"Die Frage ist sinnlos. Ich kann gar nichts verändern, selbst wenn ich es wollte."
"Wie könnte man dich denn in die Welt zurückholen?"
"Das bekommst du nicht heraus."
"Warum bist du da so sicher?"
"Du mußt nicht nur ein Password wissen, du mußt einen ganzen Satz kennen, und den findest du nicht heraus."
"Kennst du den Satz denn?"
"Nein."
"Wer hat dich denn in diesem Computerspiel gefangengesetzt?"
"Das weiß ich nicht."
"Aber das es ein Fluch ist, das weißt du."
"Was kann es denn anderes sein als ein Fluch?"
"Wer hat dir denn gesagt, daß man einen ganzen Satz kennen muß, um dich hier herauszuholen?"
"Die Spielregeln kann ich mir anschauen."
Auf einen Wink von Daro erschien an der grün bespannten Wand des Saales ein Display, auf dem war zu lesen:
"Aber wer den Satz aufsagen kann, der mich erlöst, der hat das Spiel beendet."
Die Viertelstunde war im Augenblick herum, und Viridiana stand in der Ruine.
"Aber wer den Satz aufsagen kann, der mich erlöst, der hat das Spiel beendet", wiederholte sie.
Sie machte sich bewußt, daß sie ohne Hinweise, wie der Satz lauten könnte, die Lösung nicht herausfinden würde. Und doch überlegte sie von nun an Tag für Tag, was sie sagen mußte, um das Spiel zu beenden.
Am nächsten Sonntagmorgen regnete es, dennoch war es sehr warm. Viridiana trug eine tief ausgeschnittene Corsage mit Spitzenkante, hatte kein Tuch um die Schultern gelegt und fror nicht. Die in gleichmäßigen Abständen gepflanzten halbhohen Bäume zu beiden Seiten des Schotterweges trugen mittlerweile dichtes Laub, und Viridianas Blick verlor sich zwischen den Stämmen in einer endlosen grünen Weite. Das Rauschen des Regens erinnerte sie an das Weiße Rauschen eines Radios mit herausgedrehtem Sender.
"Es ist seltsam, daß ich mich nie fürchte, hier allein entlangzugehen", dachte Viridiana. "Es ist immer, als wäre ich hier zu Hause."
Neben der hölzernen Eingangstür des halbverfallenen Gemäuers blühten weiße Kletterrosen. In der regenschweren Luft verteilte sich ihr Duft weithin.
"Hier werde ich wohl nie mit Daro entlanggehen können", dachte Viridiana.
In dem grauen steinernen Saal stellte sie ihren Schirm ab und griff nach dem silbrigen Handschuh.
"Etwas naß sind meine Schuhe geworden", sagte sie, als Daro ihr in dem grünen Saal entgegenkam.
"In der digitalen Welt bedeutet das nichts", erklärte er. "Siehst du, sie sind schon wieder trocken. Hier verschwinden die Spuren des Alltags, hier ist alles rein, auch das Herz der Sünder."
Viridiana hatte eine Videokamera mitgebracht und filmte den grünen Saal. Auch Daro wurde gefilmt, er lief aber einige hundert Meter weit weg und näherte sich erst wieder, als Viridiana die Kamera ausgeschaltet hatte. Viridiana legte Daro die Hände auf die Schultern und lächelte. Er sah sie mit einem seltsam traurigen Blick an, den sie noch nicht von ihm kannte.
"Es ist eine böse Macht, der er sich ergeben hat", ging ihr durch den Sinn.
Daro sagte nichts mehr und rührte sich auch nicht. Er ließ es sich gefallen, daß Viridiana ihm umarmte und streichelte, und er erwiderte ihre Küsse.
Nachdem die Illusion des Computerspiels erloschen war, lehnte Viridiana sich in der Ruine an ein Fensterbrett und schaute in den verwilderten Garten hinaus. Die Regentropfen glitzerten auf den Efeuranken.
"Erlöse uns von dem Bösen", sagte Viridiana.
Über sich hörte sie einen Glockenton, der von dem Türmlein auf dem Dach zu kommen schien. Sie blickte um sich und sah das große Display noch an der Mauer leuchten, doch stand dort nicht mehr "transfer interrupted", sondern "game over".
Viridiana fiel ein, daß Daro das "Fractal" kannte. Wenn er in die Welt zurückgekehrt war, würde er vielleicht am kommenden Samstag dorthin gehen.
Vor dem Einschlafen schaute Viridiana die "Tiefsendung" und sah den grünen Saal unter sich vorbeiziehen, menschenleer. Für Viridiana gab es den Saal immer noch.
Die Videoaufnahmen von dem grünen Saal ähnelten der "Tiefsendung" sehr, doch wirkten sie nicht so echt und dreidimensional. Dafür erschien Daro in dem Film.
Als Viridiana am Samstagabend ins "Fractal" kam, sah sie Daro in der Nähe einer Theke auf einem Barhocker sitzen. In seinen Armen hielt er ein Mädchen im schwarzen Lackkleid, das grüne Krepplocken trug. Daro küßte das Mädchen ausgedehnt. Als er Viridiana entdeckte, faßte er das grünhaarige Mädchen um die Taille und schob sie an die Theke.
"Bestell' uns was zum Trinken", wies er sie an. "Zwei Bier, eins für dich und eins für mich."
Viridiana ging langsam auf Daro zu. Das grünhaarige Mädchen kicherte ein wenig, musterte Viridiana mit einem prüfenden Blick und folgte schließlich Daros Aufforderung.
"Wie geht's?" fragte Daro und lächelte.
"Darauf kann ich nichts antworten", sagte Viridiana.
"He, jedem geht es immer irgendwie", gab Daro zurück. "Also, ich frage dich: 'Wie geht's dir?'"
"Dir scheint es jedenfalls gut zu gehen."
"Ich genieße das Leben", sagte Daro und zündete sich eine Zigarette an. "Das Leben ist leicht und einfach."


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