Netvel: "Im Netz" - 41. Kapitel























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Am ersten Sonntag im September war ich bei Clarice, die ein Damenkränzchen gab. Drei Frauen waren da, die ich noch nicht kannte. Eine von ihnen ist früher ein Mann gewesen und war ganz gerührt, als Clarice sie zum Damenkränzchen einlud:
"Gehöre ich denn dazu?"
"Natürlich gehörst du dazu", versicherte Clarice.
Alle drei kennt Clarice vom BDSM-Stammtisch. Clarice hat den Sadomasochismus für sich entdeckt, und sie fühlt sich beim BDSM-Stammtisch verstanden und aufgehoben. Sie erzählte, sie sei "ambivalent" und spiele mal "oben" und mal "unten".
Eine der drei Damen erzählte, daß sie jemanden kennt, der Blitzer-Fotos auswertet. Besonders grotesk seien zwei kurz hintereinander aufgenommene Ampel-Blitzer-Fotos gewesen: das eine zeigte einen Motorradfahrer, das andere sein Motorrad. Der Motorradfahrer war gegen ein Hindernis gefahren und flog vor seinem Motorrad am Blitzer vorbei - und wurde geblitzt. Das Motorrad, das ihm folgte, wurde ebenfalls geblitzt. Der Fahrer soll überlebt haben, weil er im Gebüsch landete.
Constri berichtete, daß Ciril tot ist - das Ende einer traurigen Geschichte. Immer wieder soll Ciril versucht haben, sich umzubringen. Nun soll er aus einem Fenster im 11. Stock gesprungen sein und dabei ums Leben gekommen sein.
"Das war nur noch eine Frage der Zeit", meinte ich. "Nicht einmal, wenn man ihn für immer eingesperrt hätte, hätte man seinen Selbstmord verhindern können."
Ciril litt an Schizophrenie und Alkoholabhängigkeit, und er schien beides nicht wahrhaben zu wollen.
Ciril lebte als unruhiger Geist in HB. Er schuf düster-abstrakte Gemälde und düster-abstrakte Klanggemälde. Ciril und Rufus hatten zwei Industrial-Projekte, Stabat mors und Totale Etah Matrix. Ciril war ein Ausnahmekünstler. Unglücklicherweise war er so krank, daß es ihm nicht gelang, im Leben und in der Gesellschaft Halt zu finden.
Rafas neues Album "Chaos total" enthält in der limitierten Version eine DVD, auf der sich der Film "Out of body experience" befindet. Den Film hat Rafa im Jahr 2003 gemeinsam mit Sten gemacht, und ich finde ihn hervorragend und überraschend ehrlich. Rafa erzählt in surrealen Bildern die Geschichte seiner Flucht vor dem Leben und vor sich selbst. Die Flucht endet mit dem Tod - und dies ist, finde ich, bei Rafa sehr nah an der Wirklichkeit.
Rafa schreibt auf dem Titelblatt des CD-Booklets oben links "Chaos total ..." und unten rechts "... und dahinter Gott!".
Im Booklet zu "Chaos total" gibt es zahlreiche Texte mit den bekannten eskapistischen Reimen und Formulierungen ("Wir fliegen durch das All - tanz mit mir den Laserstrahl!", "Komm, steige zu mir ein, wir reisen durch die Zeit ...", "Doch für dich gibt es kein Zurück ...", "Fliege mit ihm durch Raum und Zeit! Am Rande der Unendlichkeit.", "Für einen Augenblick, doch es gibt kein Zurück.", "Du bist der Weg für meine Flucht aus dieser Welt.").
Rafa will als "Souvenir" nach seiner Flucht ins Weltall die ganze Menschheit mit einer Bombe vernichten:
"Dann schickst du die Bombe los ... und unser Spaß ist riesengroß!"
Warum ihm die Ermordung der gesamten Menschheit Spaß macht, erklärt er nicht.
Als wenn seine Mitmenschen nur Gegenstände und keine Persönlichkeiten wären, klagt Rafa:
"Ich bin allein auf dieser Welt, die sich noch dreht und doch versinkt."
Daß er selbst an seiner Einsamkeit einen wesentlichen Anteil haben könnte, auf einen solchen Gedanken scheint er nicht zu kommen.
Einsamkeit und Leere füllt Rafa mit anonymen "Du's" aus, anonymem Sex - und Fernsehen. Auch auf diesem Album thematisiert er den Fernsehapparat; er läßt den Monitor sprechen:
"Ich sauge dir die Kraft heraus. Ich bitte dich ... schalte mich aus!"
Den Frauen gegenüber äußert Rafa sich verächtlich:
"Denn jede Frau auf dieser Welt ist nicht mehr meiner Liebe wert."
Von seinen Mitmenschen fordert Rafa Anbetung:
"Bete mich an, schau hoch zu mir! Ich trage die Krone, ich bin das Alpha-Tier!"
Womit er seine Überlegenheit rechtfertigen will, erklärt er nicht.
Ans Ende des Booklets stellt Rafa eine Art Morddrohung:
"Mit dieser Sendung bekennen wir allen Korrekten unsere Loyalität und schicken die, die ohne Wissen die Schnauze aufreißen müssen, ins Jenseits!"
Wer nach Rafas Meinung ein "Korrekter" ist, läßt er im Dunkeln.
Im Booklet finden sich stilisierte, gestellt wirkende Fotos von den aktuellen Bandmitgliedern, außerdem Bilder von Fraktalen. Letztere finde ich ästhetisch. Unter anderem gibt es ein Bild namens "Apfelmännchen" und darunter eines namens "Mandelbrot", also nicht "Mandelbrot-Menge", sondern "Mandelbrot". Das erinnert mich an mein Backrezept "Apfelmännchen-Mandelbrot", das ich im letzten Winter online gestellt habe.
Auf dem Wackelbildchen-Cover von "Chaos total" steht rechts oben in einem runden Schild:

DEUTSCH, INTEGER, TANZBAR, ELEKTRISCH, WUNDERVOLL + DVD

"Integer" ist ein Lieblingswort von Rafa, doch was er darunter versteht, hat er bisher nicht erklärt.
Kippt man das Wackelbildchen-Cover, steht auf dem Schild:


Ein weiches Federkissen und doch hart wie ein Fass mit Nägeln, dessen Volumen Sie nie voll ausschöpfen werden!

Mit dem Nagelfaß, dessen Inhalt man nie voll ausschöpfen werde, meint Rafa vielleicht, daß "Chaos total" ein Geheimnis in sich birgt, das man nie vollständig enthüllen wird.
In "Chaos total" finde ich nichts Tiefsinniges, in Rafa dagegen schon. Doch unter den Menschen, die nicht nur seine Alben und seine Bühnenshows kennen, sondern auch ihn selbst, gibt es nur wenige, die sich ernsthaft mit ihm befassen wollen. Und das ist ihm vielleicht ganz recht. Vielleicht will er gar nicht, daß sein Nagelfaß jemals ausgeschöpft wird.
Im W.E-Forum fragte ein Fan:

Ich würde mal gerne in Erfahrung bringen, wie Ihr zu Euren Liedtexten kommt.
Ich meine, die sind nicht ohne und sehr interessant. Und das Gute daran, sie regen zum Mitdenken an.
Kommen die Themen von Euren Freunden? Bewegen die Euch selber, und kommt Ihr deshalb darauf?
... und seid Ihr auch offen, wenn welche hier aus dem Forum Themen vorschlagen würden?
MfG Ein Fan

Rafa antwortete:

Hallo!
Ich hoffe, dass mein Angesprochenheitsgefühl hier richtig ist.
Natürlich sind wir immer offen für alles!
Mit den Texten versuchen wir vielleicht auch, dem Hörer eine Art Informationsbeschaffung abzunehmen. Doch hatten wir bislang noch nie große Probleme mit den Texten, da das Texten eigentlich immer recht schnell von der Hand geht. Wir versuchen einfach sehr wenig Privates in die Texte einzubeziehen und wie ein Radiosender eine universelle Objektivität zu wahren.
So geht es in den Texten nicht unbedingt darum, was wir dort als Funke senden, sondern eher um das Pulverfaß des Hörers, in das er hoffentlich hineinfällt.
Sprich: Die Interpretation des Hörers ist immer richtig!
Mehr kann ich dazu eigentlich gar nicht sagen ;-)
Hochachtungsvoll
Honey / W.E

Wave ist von seiner Freundin Shannon verlassen worden. Er besuchte Tyra in SHG., anstatt zu dem Konzert von W.E zu fahren, das am vergangenen Freitag im "Mute" stattfand. Wave rief mich in der ersten Septemberwoche an und erzählte, eben sei Rafa ihm im W.E-Chatroom begegnet und habe ihn vorwurfsvoll gefragt, weshalb er nicht bei dem Konzert gewesen sei. Rafa erschien als "liz" im Chat - ein Kürzel, das mich an Tyras ehemaligen Decknamen "Lizanne" erinnerte. Wave mailte mir das Chatlog:

⟨liz⟩ warum hast du dir das konzert am wochenende gar nicht angesehen?
⟨Wave⟩ wer ist da?
⟨liz⟩ Honey
⟨Wave⟩ Ah.
⟨Wave⟩ Ich war halt nicht da. Persönliche Gründe.
⟨Wave⟩ Und nun? Sprachlos?
⟨Wave⟩ Keine Äußerung mehr?
⟨liz⟩ bin etwas beschäftigt
⟨liz⟩ ja, was soll ich dazu sagen
⟨liz⟩ wir haben uns halt gewundert, dich erst zu sehen ... und dann, wenn es wichtig ist, halt nicht mehr
⟨Wave⟩ Habe ich den Leuten aber auch erklärt, warum und wo ich danach hingefahren bin.
⟨liz⟩ ;)
⟨liz⟩ und halt nicht ;)
⟨Wave⟩ Du warst zu beschäftigt.
⟨Wave⟩ Und ich wollte Dich nicht stören und das 5te Rad am Wagen spielen, wie ichs sonst immer hinbekomme.
⟨liz⟩ darum frage ich ja nun
⟨Wave⟩ Wollte einer bestimmten Person aus dem Weg gehen und eine andere Person, sagen wir, "etwas" glücklicher machen.
⟨liz⟩ aha
⟨liz⟩ nun gut
⟨Wave⟩ Hatte allerdings auch nicht gerade den Anschein, dass meine Abwesenheit falsch war.
⟨Wave⟩ Schade war nur, dass ich früh um 9 Uhr wieder aus SHG. wegfahren musste.
⟨liz⟩ da warst du ja ganz dicht am funkhaus dran ;)
⟨Wave⟩ ich weiß ...
⟨Wave⟩ War ich schon öfter
⟨Wave⟩ ...
⟨liz⟩ schon klar
⟨Wave⟩ Werd jetzt die nächsten Tage / Wochen mal bissl Zeug bei Ebay reinstellen.
⟨Wave⟩ Was sich so von W.E bei mir angesammelt hat ;)
⟨liz⟩ warum willst du das alles loswerden?
⟨Wave⟩ 1. Brauch ich Geld. Hab demnächst etwas Größeres vor.
⟨Wave⟩ 2. Wozu brauch ich "rare" Sachen? Hab keine Lust, hier einen "Elitehörer" zu spielen. Macht doch alles keinen Sinn
⟨Wave⟩ Das wären die Gründe eigentlich
⟨liz⟩ ich muss erstmal fort
⟨Wave⟩ na dann
⟨Wave⟩ schönen abend noch

Wave hat Rafa gleich in mehrfacher Weise gekränkt, und das schien auch beabsichtigt zu sein. Wave hat bei Rafas Geliebter Tyra übernachtet, anstatt zu Rafas Konzert zu gehen, und er verkauft W.E-Devotionalien. Wave scheint das als Ausgleich zu betrachten für seine eigenen Kränkungserfahrungen. Er fühlt sich von Rafa wenig beachtet, obwohl er ihn zeitweise glühend verehrt hat.
Berenice und ich unterhielten uns in E-Mails über Rafas "Commander L."-Hörspielreihe. Rafa scheint beim Aufnehmen dieser Science-Fiction-Hörspiele viel Spaß zu haben. Entweder sind sie absichtlich laienhaft gehalten ... oder unfreiwillig. Berenice meinte, falls sie sich jemals mit einem derartigen Machwerk blamieren wolle, hoffe sie, genügend Freunde zu haben, die sie davon abhielten. Die Hörspielreihe "Commander L." bedient sich bei Achtziger-Jahre-TV-Helden wie "Captain Future" und Kinder-Hörspielen, die Rafa noch immer konsumiert. Ob es sich bei "Commander L." um eine Parodie handelt oder um den Versuch, Hörspiele und TV-Serien nachzuahmen, bleibt unklar.
Berenice erzählte, in zwei Träumen habe Rafa sie gefragt, ob sie zu ihm zurückkommen wolle. Im ersten Traum sei auch Darienne vorgekommen, aber bedeutungslos gewesen.
Berenice erinnerte sich, wie Rafa mit ihr auf seinem berüchtigten Sofa Sex haben wollte, auf dem er sie unzählige Male betrogen hat. Sie habe sich keinen Reim darauf machen können, zumal oben das bequemere Bett stand. Jedenfalls habe sie Rafas Ansinnen abgelehnt.
Berenice erzählte, Rafa habe ihr immer verboten, mit anderen über ihn zu reden. Sie habe sich jedoch nicht daran gehalten.
Berenice erinnerte sich, wie Rafa vor ihr über mich herzog:

Wenn ich an all die Gruselgeschichten über Dich denke, die mir Rafa immer erzählt hat, muss ich hier wirklich lachen! Du warst Feindbild Nr. 1 - und ich hatte wirklich Angst vor Dir. Ich habe immer darauf geachtet, Dir keine Gelegenheit zu geben, mir eine Bierflasche auf den Kopf zu schlagen von hinten ... Rafa ist doch krank, mehr nicht.

Rafa wollte durch seine Unterstellungen vielleicht von seiner eigenen Gewalttätigkeit ablenken. Berenice schrieb über Rafas Gewalttätigkeit:

Rafa gesteht niemals Schuld ein - nie sagt er, tut mir leid, nimmt in den Arm und tröstet - und meint es so. Dass man irgendwann denkt, ja, ich bin schuld, kann ich mir denken. Er ist so hart, so fest überzeugt von sich, dass man zu zweifeln anfangen könnte. Rafa war in meinen Augen der Schuldige, ich habe immer gegen ihn rebelliert, habe trotz Schlägen und Tritten weiter gegen ihn gekämpft.
Alles, was Rafa getan hat, hat mich nicht wirklich berührt. Ich war unglücklich, ja. Aber er ist nie tief in mich gedrungen. Hätte ich aufgegeben, hätte ich meinen Stolz und mich aufgegeben, dann hätte er gewonnen. Aber ich habe bis zuletzt, wo er mir so egal war, an mir festgehalten, obwohl ich genau wusste, was das auslösen wird. Lieber habe ich seine Schläge und Worte ertragen, als dass ich mich und meine Meinung verleugnet hätte.
Darum kann ich mit ihm auch abschließen: er hat nie gewonnen. Er hat nie über mir gestanden und war mir überlegen, was er doch so krampfhaft versucht hat all die Jahre. Er war von Anfang an (meine damalige Mitbewohnerin hat es sofort erkannt) unterlegen, was ihn rasend gemacht hat, denn sein Leben ist ein einziger Wettkampf.

Ivco zeigte in einer E-Mail Verständnis dafür, daß ich über Rafa schreibe. Er fragte:

Aber muss es gleich die Veröffentlichung sein? Reicht nicht die Kreativität als solche, ohne Veröffentlichung? Und meinst Du, dass wirklich nur die "Allereingeweihtesten" wissen und verstehen, um wen es geht? Ich glaube, dass sich das ziemlich viele ausmalen können. Und ob alles stimmt, was Du publizierst, werden nur sehr wenige als richtig oder falsch beurteilen können. Viele werden Deine Schilderungen glauben, und das ist negativ für Rafa.

Ich schrieb:

Bei mir gehört zur Kunst immer das Publikum. Kunst bedeutet für mich Kontakt zum Publikum. Ich erschaffe ein Werk nicht, um es in der Schublade verschwinden zu lassen. Dadurch würde ich es - und mich mit - entwerten, und es würde nicht zu dem werden, als was es gedacht ist - Darstellung, nämlich von Emotionen, Erfahrungen, Erlebnissen ...
Hätte Rafa politische Macht, könnte ich mir vorstellen, daß er sie benutzen würde, um Gegner auszuschalten und sowohl die Pressefreiheit als auch die künstlerische Freiheit abzuschaffen. Rafa kann Kritik kaum verarbeiten, gleich wie sachlich sie ist. Das hängt mit seiner Selbstwertstörung zusammen.
In dem Roman "Im Netz" gibt es keine falschen Informationen über Rafa, also nichts, was ihm schaden könnte, nur die Wahrheit über ihn und sein Verhalten, für das allein er selbst verantwortlich ist.
Die Comics und ShortStories sind satirisch überzeichnet, das ist für jedermann erkennbar, und zwar durch die surrealistische Darstellung. Auch sehr naiven Naturen müßte klar sein, daß Rafa sich schwerlich in einen Frosch verwandeln dürfte, wenn man ihn an die Wand wirft. Außerdem sind diese frei erfundenen Kunstwerke übertragbar auf Hunderttausende narzißtisch gestörter Männer, die ihre Frauen drangsalieren. Es soll hier nicht ein einzelner Mensch verarbeitet werden, sondern ein Störungsbild, das in ähnlicher Form bei unzähligen anderen Menschen vorkommt. Es geht darum, denjenigen eine Stimme zu geben, die mit solchen Menschen ähnliche Erfahrungen machen wie ich.

Azura erzählte in E-Mails von einem Freund namens Sidon. Er sei wohl in sie verliebt, sie wolle ihn aber nur als Freund. Sie werde ihren Lebensgefährten nicht für Sidon verlassen, obwohl Sidon ihr viel bedeute. Das habe Sidon gekränkt, so daß er sich zurückgezogen habe. Sidon sei untreu, das wisse sie von seinen bisherigen Beziehungen. Sie könne nicht auf ihn bauen. Vielleicht hat Sidon eine ähnliche Selbstwertstörung wie Rafa.
Azura erzählte von Teneriffa. Dort soll es viel Seltsames zu entdecken geben: Autowracks, die am Straßenrand malerisch vor sich hinrosten und allmählich von der Natur zurückerobert werden; verlassene Wohngebäude ohne Dach, wo alles stehen- und liegenbleibt; romantisch verfallende Steinhütten in den Bergen; Wanderwege in ehemaligen Wasserkanälen. So etwas Exotisches kenne ich bisher nicht.
Tron erkundigte sich am Telefon, wie es im "Mute" und bei der "Salix" gewesen sei. Ich berichtete, mir habe das W.E-Konzert im "Mute" zwar nicht sonderlich gefallen, doch könne ich mir kein objektives Urteil bilden, weil ich die Hintergründe zu gut kenne. Die "Salix" habe mir ebenso gut gefallen wie letztes Jahr.
Tron war erstaunt, als ich berichtete, daß Rafa Berenice mehr als eineinhalb Jahre lang durchgehend mit Tyra betrogen hat.
"Berenice hat mir gesagt, daß es ihr gut getan hat, sich mit Tyra auszusprechen", erzählte Tron, "aber wenn man das dazunimmt, bekommt das noch eine ganz andere Dimension und eine ganz andere Bedeutung."
Tron war auch von Rafa im Chatroom gefragt worden, weshalb er nicht beim W.E-Konzert im "Mute" gewesen sei. Rafa habe eifersüchtig gewirkt, als er erfuhr, daß Wave bei Tyra übernachtet hatte, anstatt im "Mute" zu erscheinen.
"Rafa ist eifersüchtig", seufzte ich. "Er hält sich mehrere Frauen auf einmal und ist eifersüchtig, wenn eine, die er nur als Geliebte benutzt, ihre eigenen Wege geht. So eine Unverschämtheit."
Tags darauf fand die zweite Foto-Session für die Foto-Lovestory "Heiligabend" statt. Vorher trafen wir uns zum Abendessen im "Departure". Die kleine Jeanne war wieder dabei; sie wurde in ein Hochstühlchen gesetzt. Auch Tyra war dieses Mal dabei. Ich erzählte von den Ereignissen im "Mute" und bei der "Salix". Tyra und Joujou vermuteten, daß Rafa allmählich die Fans davonlaufen.
"So schlecht, wie er sie behandelt, ist das auch kein Wunder", meinte ich. "Wenn ich an Wave denke ... der hat alles getan für W.E ... der hat Rafa verehrt ... und dann wird er von Rafa in unpersönlicher Weise abgefertigt und muß sich sogar Beleidigungen anhören."
Yara erzählte von dem Forum "Schwarzes SHG.". Rafa soll dort und auch in anderen Foren unter verschiedenen Pseudonymen aktiv sein. Im Forum "Schwarzes SHG." mußte er einiges einstecken. Er machte Werbung für sein neues Album und bekam Kritik zu hören, die er nicht weglöschen konnte, weil es sich nicht um sein eigenes Forum handelte.
Darienne soll ebenso wie Rafa im Forum "Schwarzes SHG." präsent sein. Tyra erkundigte sich bei Yara, ob sie Darienne kennt.
"Wir haben uns einen Ex-Freund geteilt", erzählte Yara. "Kennst du Dimo?"
"Ja."
"Mit dem war ich zusammen, bevor Darienne mit ihm zusammen war. So haben wir uns kennengelernt. Vorher wußte ich aber auch schon, wer sie war. Man kennt sie, man weiß: Das ist Darienne. Sie hat ihren Ruf. Jung ist sie und arrogant, das halten ihr die Leute vor. Das war auch schon so, bevor sie Rafa kennengelernt hat. Und seit sie mit Rafa zusammen ist, ist es noch schlimmer."
Durch ihr arrogantes Verhalten, kombiniert mit einem niedrigen Lebensalter und einer attraktiven Fassade, soll Darienne schon seit Jahren für Kontroversen sorgen.
"Die Jungs denken:
'Oh, die ist aber hübsch.'
Die Mädchen denken:
'Arrogante Schlampe.'
So ist das immer", schilderte Yara. "In MS. gab es mal eine Party, da kam Darienne hin, und da hatten die Leute, die sie nicht leiden können, überall in der Location Aufsteller mit Dariennes Fotos hingestellt. Die hatten welche von Dariennes Modelfotos kopiert und auf große Pappen geklebt und die da überall hingestellt."
"Das ist doch schmeichelhaft für Darienne", meinte Tyra, "wenn da überall Fotos von ihr stehen."
"Du mußt das Vorzeichen bedenken", wandte ich ein. "Du mußt bedenken, daß die Leute Darienne nicht leiden können und ihr einen Spiegel vorhalten wollten. Sie wollten ihr arrogantes, ichbezogenes Verhalten spiegeln. Das war für Darienne sicher sehr kränkend. Das war als Bloßstellung gemeint und hat auch so gewirkt."
Darienne soll mit vorgegebenem Amusement ihre Verletztheit überspielt haben.
"Es ist beeindruckend, was für Aggressionen Darienne in anderen Menschen weckt", meinte ich. "Irgendwo müssen diese Aggressionen herkommen. Die Aggressionen hat Darienne in sich, aber mit denen ist sie nicht auf die Welt gekommen. Wahrscheinlich liegt es an einem lieblosen Elternhaus."
Dazu konnte Yara etwas sagen:
"Darienne hatte immer Streß ... sie hatte zu Hause Streß, sie hatte mit den Fotografen Streß, die sie fotografiert haben ... immer war Streß. Wenn sie mit ihrer Mutter Streß hatte, hat sie gesagt, sie zieht aus. Da hat eines Tages die Mutter zu ihr gesagt:
'Wenn du gehen willst, dann geh jetzt.'
Und dann brauchte sie innerhalb von vierzehn Tagen eine Wohnung."
Darienne soll inzwischen niemanden mehr haben, mit dem sie sich aussprechen kann - insbesondere niemanden, mit dem sie sich über Rafa aussprechen kann.
"Aber das geht doch gar nicht, daß man mit niemandem reden kann, daß man gar keine Bezugsperson hat", sagte Tyra mitleidig.
"Rafa hat dafür gesorgt, daß Darienne sich noch mehr isoliert als je zuvor", meinte ich. "Er will ja nicht, daß sie mit irgendwem über ihre Beziehung spricht, und sie will für ihn die ideale, folgsame Freundin sein und hält sich daran. Also hat sie außer ihm überhaupt niemanden mehr, und er betrügt und mißhandelt sie."
Darienne soll gegenwärtig eine Friseurausbildung machen.
Joujou fühlt sich an ihrem Arbeitsplatz nicht wohl. Die Kollegen hätten festgestellt, daß sie mehr könne als die anderen, deshalb werde sie gemobbt.
"Das kenne ich", erzählte ich. "Das habe ich auch schon erlebt. Das ist schrecklich. Da arbeite ich lieber mit einem desorganisierten Haufen wie bei mir auf Station, als daß ich mit Mobbern arbeite."
Als ich Joujou von Ary-Janas Wunsch erzählte, sich mit ihr auszusprechen, wehrte Joujou ab:
"Nie traut die sich ins 'Roundhouse'! Das macht die nicht, weil die genau weiß, daß ich dann auf sie losgehe. Die erzählt nur, daß sie Sehnsucht nach mir hat und sich mit mir aussprechen will, die meint das nicht wirklich. Wenn es ihr wirklich um mich gehen würde, hätte sie mich nicht so oft im Stich gelassen."
Einmal, als Joujou in der Schwangerschaft ihren Beistand gebraucht hätte, soll Ary-Jana ihr Fernbleiben mit einem Model-Fototermin entschuldigt haben. Angeblich habe ein bekannter Szene-Fotograf sie gebeten, für ihn zu modeln. In Wahrheit sei es aber so gewesen, daß Ary-Jana lange habe betteln müssen und sogar Geld dafür habe bezahlen müssen, daß er sie fotografierte.
Nach dem Essen im "Departure" fuhren wir zum "Keller". Tyra saß bei mir im Auto. Sie erzählte, daß Rafa sie wie gewohnt in Abständen von höchstens zwei Tagen anruft, mit Begründungen wie:
"Wollte nur mal hören, wie es dir so geht."
Inzwischen soll Rafa eine neue Geliebte halten, die Siora heißt, gerade volljährig ist und in SHG. wohnt.
"Irgendwann greift er zu Sechzehnjährigen", vermutete ich. "Da sind ihm Achtzehnjährige nicht mehr jung genug."
Tyra berichtete, vor einigen Tagen habe sie Rafa einen vier Seiten langen Brief geschrieben, am Computer. In diesem Brief habe sie sich von der Seele geschrieben, was sie belaste und was er ihr angetan habe. Allerdings habe sie zum Teil sich selbst die Schuld gegeben. Unter anderem stehe in dem Brief:
"Ich weiß nicht, ob ich dich noch liebe."
Sie mache sich selbst zum Vorwurf, Rafa nicht aus dem Kopf und aus dem Herzen zu kriegen. Und das liege auch an ihm, der sie nicht in Ruhe lasse und sie durcheinanderbringe. Sie äußere sich ihm gegenüber nicht eindeutig, sondern sage mal "hü" und mal "hott".
"Neulich war ich so betrunken, daß ich Rafa in einer SMS geschrieben habe, daß ich ihn liebe", erzählte Tyra. "Ich wußte nachher nichts mehr von der SMS. Rafa hat mich darauf angesprochen, nur so habe ich es erfahren."
Was den vier Seiten langen Brief betraf, so habe Rafa sie gleich angerufen, als er den Brief gelesen hatte, und sie zu sich eingeladen. Anstatt sich jedoch zu dem Brief zu äußern, habe er nur geschwiegen.
"Da habe ich auch etwas Besseres zu tun, als nur hier zu sitzen und zu schweigen", sagte Tyra schließlich. "Da kann ich auch wieder gehen."
Rafa machte eine Bemerkung, durch die Tyra sich veralbert fühlte, und sie hielt ihm das vor.
"Du kennst mich vier Jahre", entgegnete Rafa, "wir haben zusammen in der Kiste gelegen, und du mußt mich gut genug kennen, um zu wissen, daß ich das nicht so meine, wie ich das sage."
"Ich wünsche mir aber, daß du das sagst, was du wirklich meinst."
Als sie sich im "Keller" wiedertrafen und Rafa an ihr vorbeischritt, sagte Tyra:
"Tu nur so, als wenn du mich nicht siehst."
Rafa hielt inne und wollte mit ihr reden. Er behauptete, in seinem Leben sei alles in Ordnung.
"Ja, solange das Gesicht nach unten liegt", sagte Tyra und zeigte auf einen W.E-Flyer, der so gedreht war, daß Dariennes Gesicht nach unten lag, "solange ist alles in Ordnung."
"Das ist schon o.k.", meinte Rafa in Anspielung auf Darienne, die er laufend betrügt. "Im Moment bin ich total glücklich."
"Wie kannst du denn glücklich sein, wenn du nie weißt, wo dein Herz ist?"
"Was ist denn das für ein dummes Gesülze?"
Rafa wollte mit seinem Motorroller nach Hause fahren und fragte Tyra:
"Wie ist es nun, fährst du mit?"
Ihr war das recht, weil sie ungern allein nachts durch die Stadt geht. Also fuhr sie hinten auf dem Motorroller mit. Drinnen bei Tyra sagte Rafa:
"Ja, die kleine Tyra muß sich endlich mal in einen anderen verlieben. Der Rafa ist nicht der Richtige für sie."
Tyra wurde wütend und wies darauf hin, daß Rafa bei ihr ständig Annäherungsversuche macht und ihr keine Gelegenheit läßt, sich um sich selbst und um eine neue Liebe zu kümmern. Rafa schob die Verantwortung auf Tyra:
"Vielleicht schreibst du mir ja auch mal einen Brief, mit dem man etwas anfangen kann."
"Also, mit dem, was ich geschrieben habe, kann man ja wohl mehr anfangen als mit deinem Schweigen", entgegnete Tyra aufgebracht.
Rafa wich aus:
"Du mußt doch auch endlich mal glücklich sein."
"Ja, aber das werde ich nicht, wenn du mich nicht in Ruhe läßt."
"Schon gut, Haken hinter", sagte Rafa, der das Thema verlassen wollte.
"Überleg' dir gut, wieviel ich dir wert bin", mahnte Tyra. "Eines Tages werde ich nämlich nicht mehr da sein."
Rafa fragte unwirsch:
"Wie meinst'n das jetzt?"
"So, wie ich es sage."
"Psycholaber."
"Also überleg' es dir."
"Mh."
Mit routinierter Oberflächlichkeit kuschelte Rafa sich an Tyra, und sie schauten Videos. Schließlich fragte er:
"Holst du mir einen Döner?"
Sie holte ihm einen Döner. Er aß ihn und ging nach Hause.
Was die neue Geliebte namens Siora betrifft, soll Rafa sich widersprüchlich äußern. Mal soll er behaupten, von der wolle er nichts, mal soll er aber auch ein Verhältnis mit ihr andeuten.
"Eigentlich wissen wir gar nicht, ob er sich nach mir wieder eine Geliebte genommen hat", meinte Tyra.
"Doch, das hat er", entgegnete ich. "Als er dich neulich nach zwei Wochen Sendepause wieder zu sich eingeladen hat, hat er doch erzählt, daß er Darienne wieder betrogen hat, aber nur 'fast', denn er habe 'nur' geknutscht. Da hat er doch selbst zugegeben, daß er ihr wieder untreu geworden ist."
"Stimmt ... das hatte ich schon ganz vergessen. Wie gut, daß ich sowas vergesse."
"Und wie gut, daß ich alles aufschreibe."
"Warum macht er das?" fragte Tyra verständnislos. "Warum muß er immer mehrere Frauen haben?"
"Ihm geht es nicht um Liebe", war ich sicher. "Ihm geht es um das, was Soft Cell in 'Heat' so treffend beschreiben:
'You use human bodies like cigarettes,
you use them for ego, you use them for sex.'
Rafa benutzt die Frauen wie ein Suchtmittel, und sie haben für ihn auch denselben Stellenwert. Er zeigt ihnen gegenüber dasselbe Appetenzverhalten wie am Zigarettenautomaten. Seine Promiskuität ist ein Suchtverhalten. Und keine Sucht kann bestehen ohne die Lüge. Nur wer sich und andere belügt, kann eine Sucht beibehalten. Und gegen die Lüge hilft am besten die Wahrheit. Vielleicht ist die Wahrheit auch ein Mittel gegen die Sucht. Deshalb ist es mir auch so wichtig, die Wahrheit zu verbreiten und Rafas verlogene Fassade zu brechen."
"Aber hier geht es doch um sein Privatleben."
"Vor allem geht es darum, daß Rafa anderen Menschen schadet, und das macht mich wütend."
Tyra leidet sehr darunter, daß sie noch immer keine Arbeit hat. Ihr letztes Vorstellungsgespräch fand sie schrecklich. Besonders störte sie, daß der potentielle Arbeitgeber nur wissen wollte, ob sie Fragen hatte, anstatt selbst welche zu stellen.
"Das machen sie immer so", meinte ich, "weil sie es sich damit schön einfach machen können."
"Aber was soll man als Bewerber fragen? Die müßten einen doch eigentlich etwas fragen."
"Das ist es ja."
"Ich hatte schon alles Wesentliche erzählt, und ich habe nur gesagt, daß mir jetzt keine Fragen mehr einfallen."
"Natürlich nicht, woher auch? Die müßten sich Fragen überlegen, die sie den Bewerbern stellen."
"Unprofessionell ist das", seufzte Tyra. "Das geht doch nicht, daß man so unprofessionell arbeitet."
"Du würdest wahrscheinlich durchdrehen bei dem Team, mit dem ich arbeite", meinte ich. "Ich kann dir sagen, es geht fast überall unprofessionell zu. Das ist die Normalität."
Wir kamen alle gleichzeitig in der Altstadt von SHG. auf dem großen Parkplatz an und gingen im Gänsemarsch in den "Keller", beladen mit Fotoausrüstung und Requisiten. Unten saß Ceno an der Theke und wurde von uns begrüßt. Im hinteren Saal saßen einige Gäste an den Tischen und konnten bei unserer Foto-Session zuschauen. Es waren vorwiegend Teenager in Gothic-Gewändern. Wirtin Bibian zeigte uns die Steckdosen und brachte auch noch einen Dreifachstecker und ein Verlängerungskabel her. Die Abwechslung schien sie zu freuen. Sie wollte sich aber immer noch nicht auf eine neue Tanzparty im "Keller" einlassen.
Wir stellten Merles Plastik-Tannenbaum im hinteren Bereich des Gewölbes auf ein mit Pannesamt verhülltes Brett. Das Brett deckte den Kohlentrog ab, in dem sich bei Tanzveranstaltungen das DJ-Pult befindet. Die Lichterkette mit den goldenen Kerzlein funktionierte. Drei Scheinwerfer positionierte ich, die billigen Baustellen-Scheinwerfer, die Constri und ich seit zwanzig Jahren verwenden. Nun spielten die Darsteller den zweiten Teil der Foto-Lovestory. Tyra griff in die Regie ein, und das war mir sehr recht, konnte doch nur sie erklären, wie sie sich das Script, das sie verfaßt hatte, optisch vorstellte. So wurde die Foto-Lovestory ein echtes Gemeinschaftswerk.
Es gelang, alle Fotos zu machen, ehe Joujous Tochter Jeanne unruhig wurde und so müde, daß sie nach Hause mußte. Joujou, Marvel, Jeanne und Yara fuhren heim. Tyra und ich blieben noch und trugen die Requisiten und das Foto-Zubehör zum Auto. Wir saßen danach noch ein Weilchen unten im Kellergewölbe, bis Tyra sagte:
"Ich ertrage das hier nicht. Es hängt zuviel dran. Ich werde immer wieder erinnert. Davon wird mir schlecht."
Überdies begegnete ihr an der Theke im Schankraum Rafas neue Geliebte Siora. Tyra wollte mir Siora zeigen, doch da war sie gerade gegangen.
Ceno und einem seiner Bekannten erzählte ich in groben Zügen den Inhalt der Foto-Lovestory, ohne dabei Rafas Namen zu erwähnen. Tyra wand sich und schien zu glauben, ich würde den beiden jetzt lauter Details über Rafas Machenschaften berichten.
Als Tyra und ich den "Keller" verließen, hatte Tyra es sehr eilig und ging voran. Ich raffte meine Sachen zusammen und folgte ihr. Draußen fand ich sie im Gespräch mit Siora, die hinkte und teilnahmsvoll von Tyra gefragt wurde, was ihr zugestoßen sei. Siora erzählte von einem kleinen Unfall mit ihrem Motorrad, während wir gemeinsam auf den Parkplatz zugingen. Siora wirkte auf mich kindlich, offen, ahnungslos und wohlerzogen. Sie erzählte, daß sie noch bei ihren Eltern wohnte, wie die meisten Achtzehnjährigen. Ihr dunkles Haar war zu einem braven Zopf geflochten, ihr Gesicht ungeschminkt. Sie trug eine Motorradjacke.
"Daß Rafa es nötig hat, sich an solchen Kindern zu vergreifen", dachte ich wütend. "Der nutzt die Naivität von Teenagern eiskalt aus. Denen kann er noch vormachen, sie hätten mit ihm das große Los gezogen."
Nachdem Siora sich verabschiedet hatte, äußerte Tyra die Befürchtung, ich hätte Ceno und seinem Kumpel lauter Details über Rafa erzählt. Ich erklärte, daß dem keineswegs so war.
"Über Rafa habe ich kein Wort gesagt", versicherte ich. "Ich habe nur andeutungsweise erzählt, was in der Foto-Lovestory passiert."
"Oh, ich hatte schon Panik. Der Typ, mit dem Ceno sich unterhalten hat, war nämlich der beste Freund von Siora."
"Was in der Foto-Lovestory passiert, ist nichts anderes als das, was in Hunderten von Filmen und Romanen passiert", gab ich zu bedenken. "Casanovas wie Rafa gibt es überall, das ist nichts Besonderes."
"Aber Rafa hat hier echt seinen Ruf weg", betonte Tyra. "In SHG. ist der hammer-unbeliebt. Wenn er in den 'Keller' kommt, ist der 'Keller' leer."
"Was - echt? Alle Leute gehen, wenn Rafa in den 'Keller' kommt?"
"So fünf, sechs Leute gehen dann. Er kommt ja immer erst spät in den 'Keller', und dann sind auch nicht viele mehr da. Und die gehen fast alle."
Tyra fühlt sich Rafa augenscheinlich noch immer verpflichtet. Sie ordnet sich seinem Begriff von "Loyalität" unter. "Loyalität" bedeutet anscheinend für Rafa, daß er tun kann, was ihm beliebt, und seine Getreuen - Fan, Kumpan, Freundin oder Geliebte - haben sein Verhalten mitzutragen und ihn zu decken.
Wir gingen in das Bistro "Quest" am Markt. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem Brautmoden-Geschäft vorbei.
"Ach, ich will so gerne heiraten", seufzte Tyra und betrachtete die Kleider.
Ihr gefiel besonders ein strahlend rotes Kleid mit großem Decolleté.
"Fürs Heiraten braucht man erstmal den richtigen Mann", sagte ich.
"Und den erstmal finden", sagte Tyra.
Im "Quest" bestellten wir Heißgetränke, und ich schilderte Tyra die Handlung eines Spielfilms namens "Die Täuschung" nach Link, der vor Kurzem im Fernsehen gelaufen ist. In dem Film verläßt sich eine Frau jahrelang auf ihr vermeintliches Familienidyll. Als ihr Mann von einem Tag zum anderen verschwindet, entdeckt sie seine finsteren Machenschaften, zu denen auch ein Doppelleben gehört. Wie raffiniert verschachtelt die Handlung ist, wurde mir erst beim Erzählen bewußt. Tyra war begeistert. Auch sie erzählte die Handlung eines Films, in dem eine Frau dem Doppelleben ihres Mannes auf die Spur kommt.
Als wir durch die Altstadt zurück zum Parkplatz gingen, zeigte Tyra auf die Rathausmauer.
"Da bei der Laterne hat Rafa mich zum ersten Mal geküßt", erinnerte sie sich. "Und jetzt fällt mir erst der Schaukasten auf, der daneben hängt: 'Verein für Leibesübungen'! Ich habe an die große Liebe geglaubt, und für Rafa war ich nur eine Leibesübung."
Im Forum "Schwarzes SHG." verwendet Rafa unter anderem den Nickname "Susi". Er lieferte sich einen wüsten Schlagabtausch mit anderen Forum-Teilnehmern. Man bezeichnete sich gegenseitig als "Idioten" oder "Pubertierende" und verwendete Gossenwörter. Rafa aka "Susi" schrieb:

Vorab sollte man den Puberrierenden mal denn Sinn des Wortes "Loyalität" erklären.

Ich schrieb als "Fractal":

Es heißt "Pubertierenden", nicht "Puberrierenden". Was übrigens dein eigenes Reifungsniveau angeht ... dazu sag ich hier gar nichts. Und was deinen Begriff von Loyalität angeht, dazu sag ich hier auch nichts.

Rafa schrieb eine Reihe vulgärer Schimpfwörter, dann "etc." und am Schluß:

NEIN DANKE!
Das ist dann nicht so mein Wortschatz.

Ich schrieb:

Doch, Schatz, das ist dein Wortschatz. Das kann man auch einem gewissen Interview entnehmen ...

Rafa hat in einem aktuellen W.E-Interview einige Vulgärausdrücke verwendet.
Ich fuhr fort:

Ach, da fällt mir noch was ein zum Thema "Kunst und Kultur" und "Commander L.": Es heißt "galaktisch" nicht "galagtisch". Aber das nur nebenbei.

Rafa hat diesen Rechtschreibfehler auf der "Commander L."-Website nie korrigiert.
Am Freitag waren Sylvie und ich im "Nachtbarhaus", wo es eine Travestie-Show gab. Mein Highlight war Carla mit "La Habanera". Carla erschien - wie 2004 im "Alcantara" - in einem mit rot leuchtenden Lämpchen garnierten Kostüm. An dem Mieder sind rote Stoffbahnen befestigt, mit denen Carla herumwirbelte, so daß die dünnen Beine in ganzer Länge zu sehen waren.
Ein weiteres Highlight des heutigen Abends war Grace B. - klein, zierlich, lebendig, mit brasilianischem Charme und einer preisgekrönten Mimik. Das Beste vom Besten war die Show, in der Grace B. seine Mutter imitierte. Vor einem rabenschwarzen Vorhang, auf einer leeren schwarzen Bühne erschien Grace B. in einem schwarzen Kostümchen, das bestand aus einem Jäckchen mit Schößchen und einem knielangen Rock mit angesetztem Reifröckchen, das an einen Lampenschirm erinnerte. Vollends albern wurde das Kostüm durch die gelbweißen Filzmargeriten, die den Ausschnitt und den Rocksaum zierten und an dünnen Fäden am Schößchen baumelten. Auf dem Kopf trug Grace eine schwarzgelockte Perücke im Stil der auftoupierten Beton-Frisuren der sechziger Jahre. Die Show handelte davon, wie eine Frau mittleren Alters ihrem Mann - oder ihren Kindern - oder ihrer ganzen Familie eine Szene machte. Grace sang playback zu einem trockenen, monotonen Hiphop-Rhythmus. Der Gesang war eigentlich keiner, sondern Heulen und Gejammer. Das Geheule und Gezeter im Hiphop-Rhythmus inszenierte Grace mit unerreichbarer Dramatik. Seine Gesichtsmuskulatur schien sich regelrecht zu verknoten. Der Applaus war entsprechend. Das Publikum heulte mit Grace um die Wette, aber vor Lachen.
Nach der Show kamen die Travestie-Künstler ins Publikum, wo sie mit den Gästen zusammensaßen und plauderten. Carla aka Karel erzählte, er freue sich über sein Studium im Fach Marketing Management. Er meinte, es sei immer schwer, etwas zu verkaufen, ob es sich nun um Kunst handelte oder um etwas anderes.
Karel erzählte, "La Habanera" habe er wieder aufgeführt, weil er die Show schon länger nicht gezeigt habe und sich überlegt habe, die könne man ja mal wieder hervorholen.
"Ich frage mich, was mich so besonders an 'La Habanera' fasziniert", sagte ich zu Karel. "Vielleicht liegt es daran, daß 'La Habanera' immer genau auf der Kippe ist, zwischen Mensch und Maschine, Natur und Technik, Mann und Frau, Orient und Okzident ... immer genau dazwischen."
"Ja", nickte Karel.
Kurz vor zwei Uhr nachts holte ich Tyra ab, um mit ihr zum "Roundhouse" zu fahren. Auf der Fahrt nach BI. unterhielten wir uns darüber, daß Rafa behauptet, Lügen zu hassen.
"Ausgerechnet der", meinte ich. "Er lügt doch selbst dauernd."
"Das habe ich auch zu ihm gesagt", erzählte Tyra. "Ich habe zu ihm gesagt, daß er Lügen haßt, daß er aber in seinem Privatleben andauernd lügt."
"Und was hat er dazu gesagt?"
"Er hat gesagt:
'Das kriegt doch eh keiner mit.'
Wie immer hat er sich schön 'rausgeredet ..."
"Wenn ich mich mit ihm unterhalten könnte, würde ich ihm unendlich viele Fragen stellen. Ich würde ihn fragen, was er empfindet, wenn er seine Freundinnen schlägt."
"Eher 'tritt' als 'schlägt'", berichtigte Tyra. "Er gebraucht sein Hände nur selten. Das hat mir Berenice erzählt. Er tritt mehr, als daß er schlägt."
"Das ist besonders feige", meinte ich. "Wenn man mit den Schuhsohlen tritt, verletzt man sich selbst weniger, als wenn man mit den Händen schlägt. Und man verletzt das Opfer wesentlich mehr."
Tyra berichtete, daß Wave sie wieder einmal angerufen hat. Er war gerade bei einem W.E-Konzert in L. Rafa hatte ihn wie gewohnt mit einem "Hallo, Wave" abgefertigt.
Tyra hatte etwas Neues über Sam gehört:
"Sam sitzt wieder. Deshalb kann man ihn auch nicht mehr erreichen."
"Hat er seine Bewährungsauflagen nicht erfüllt?"
"Der sitzt, weil da etwas Neues war, eine neue Straftat. Er hat auf der Straße einer alten Dame die Handtasche weggerissen."
"Sowas Feiges!" rief ich entrüstet. "Bin ich froh, daß sie ihn erwischt haben!"
"Er hat ja behauptet, das sei gar nicht wahr."
"Typisch, der lügt doch wie gedruckt."
"Er hat behauptet, die Handtasche sei der alten Dame aus der Hand gefallen, und er habe sie aufgehoben und ihr nachtragen wollen."
"Oh Gott, eine bescheuertere Ausrede habe ich selten gehört."
"Weshalb sagt man eigentlich 'lügt wie gedruckt'?"
"Das weiß ich auch nicht. Ich kann es mir nur vorstellen: Wenn man etwas druckt, ist es klar und deutlich zu lesen. Wenn jemand skrupellos lügt, redet er klar und deutlich, ohne Stammeln und Stottern. Vielleicht hat es damit etwas zu tun."
Kurz vor drei Uhr nachts kamen wir zum "Roundhouse". Ary-Jana hatte sich tatsächlich nicht hingetraut. Also wurde es wieder nichts mit der Aussprache zwischen Joujou und Ary-Jana.
Für Joujou, Yara und Marvel hatte ich die Fotos von Marvels dreißigstem Geburtstag mitgebracht. Marvel spielte wieder ein hinreißend tanzbares Programm mit abgründigen industriellen Rhythmen und dahinfließenden Sounds.
Auf der Heimfahrt gab Tyra mir ein Kaugummi und erzählte, das Kaugummi, das sie vorhin zu kauen versucht habe, habe sie immer noch an die eklige Masse in ihren Alpträumen erinnert, und sie habe es nur kurz kauen können.
Als wir SHG. erreichten, schaute ich nach links und stellte fest:
"Hier ist 'McGlutamat'. Hier hast du immer für Rafa Essen geholt."
"Mit dem Fahrrad", ergänzte Tyra. "Transportiere mal mit dem Fahrrad zwei Spezial-Menüs und zwei große Colas im Becher. Da mußt du aber balancieren."
"Die Colas hätte ich wahrscheinlich hier nebenan bei der Tanke als Flaschen mit Schraubverschluß gekauft, dann hätte ich die nicht balancieren müssen."
"Die gehörten aber zu dem Menü dazu, die gab es dann billiger, deshalb habe ich die im Becher genommen."
"Oh je, und dann hast du dich damit abgestrampelt."
"Damals habe ich das gerne getan", betonte Tyra. "Mir hat das nichts ausgemacht."
"Ja, weil du gedacht hast, daß du gebraucht wirst", deutete ich. "Dabei hat Rafa dich nur benutzt. Du hast gedacht, daß er dich wertschätzt. Dabei hat er dich nur emotional ausgebeutet."
"Ich habe mich schon öfter gefragt, was er in der Zeit gemacht hat, wenn ich Essen geholt habe", überlegte Tyra. "Vielleicht hat er dann Berenice angerufen und ihr erzählt:
'Hier ist alles o.k.'
Er macht sowas, wenn er Schuldgefühle hat. Wenn ich bei ihm war, holt er sich ja auch immer gleich Darienne her."
Tyra erzählte, sie habe vorhin wieder eine Panikattacke gehabt. Sie versuchte, diesen Zustand zu beschreiben:
"Das ist so ähnlich, wie wenn man verliebt ist, aber im negativen Sinn, so daß es weh tut. Dann denke ich:
'Alles im Leben hat seine Zeit. Warum kann meine Zeit nicht jetzt gekommen sein? Warum kann nicht endlich Schluß sein?'
Ich hatte echt schon wieder keinen Bock mehr ..."
Tron schickte mir den Soundtrack des Science-Fiction-Films "Forbidden Planet" aus dem Jahr 1956 auf CD und schrieb in einem Briefchen, er wolle mir endlich wieder einmal etwas Gutes tun. Ich würde schräge Sachen gern mögen, und das hier sei schräg. Ich dankte Tron sogleich in einer SMS. Tron rief an und meinte, es sei doch beachtlich, daß es damals, in den fünfziger Jahren, schon möglich gewesen sei, diese seltsamen Sounds zu kreieren, obwohl es damals noch keine Synthesizer gab.
Tron und ich unterhielten uns über unsere Arbeit. Tron kontrolliert die Steuermodule für Autos, die in seiner Firma hergestellt werden. In einer Oberklasse-Limousine sollen sich mittlerweile ungefähr sechzehn Computer befinden. Und je mehr Computer sich in einem Auto befinden, desto höher ist naturgemäß die Fehleranfälligkeit.
"Früher hatten wir ein gutmütiges System und kompetente, erfahrene Mitarbeiter mit Festverträgen", erzählte Tron. "Heute haben wir ein bösartiges System und angelernte, unerfahrene Mitarbeiter mit Zeitverträgen."
"So ähnlich ist es bei mir auch", konnte ich erzählen. "Da rennt man nur herum und kontrolliert, weil sonst alles Mögliche nicht klappt. Die Geschäftsführung wirft eingearbeitete Leute 'raus und verschleudert Ressourcen, nur um vordergründig Kosten zu sparen."
Ich erzählte Tron, daß Rafa schon wieder eine neue Geliebte hat, mit der er Darienne betrügt.
"Früher warst du der Buhmann", gestand Tron. "Ich dachte, wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was Hetty erzählt ... und jetzt ist es fast das Doppelte."
Tron erkundigte sich, wie Tyra und Berenice in Kontakt gekommen sind. Ich erzählte, daß ich den Kontakt hergestellt habe. Dadurch ist ans Licht gekommen, daß Rafa die beiden Frauen jahrelang gegeneinander ausgespielt hat.
Tron tat es leid, daß er Tyra gegenüber voreingenommen war.
"Damals war Berenice auf einmal weg, und stattdessen stand Tyra auf der Bühne und war genauso blond, und sie sollte nun Berenice ersetzen", erinnerte er sich.
"Rafa hat Tyra immer verleugnet, obwohl er damals, als Berenice ging, schon fast zwei Jahre lang mit Tyra etwas hatte", erzählte ich. "Und als Berenice weg war, mußte Tyra herhalten und auf die Bühne. Sie war furchtbar schüchtern und wurde hinter den Kulissen immer wieder von Rafa angeschrien und beleidigt."
Tron will Tyra gerne persönlich kennenlernen. Ort und Zeit fanden wir vorerst dafür noch nicht.
Rafa hat das Gästebuch seiner "Nachtkuss"-Seite wieder online gestellt, was mich sehr überrascht hat. Erklärt hat Rafa dieses durch einen versöhnlichen Satz am Kopfende:

Der Ballast schreit ja nach Korrespondenz ;)

Eine "kl. Freundin" (wohl Darienne) hat kommentiert:

Niedlich ^ ^ Mehr gibts dazu nich zu sagen ;)

Ich hatte mehr dazu zu sagen. Unter "guten morgen" - passend zur Tageszeit - schrieb ich:

Na gut, also wünschst du dir doch einmal wieder einige Neckereien.

Unter "miau mio" schrieb ich gleich danach:

"Ballast" ist bei dir ein beliebtes Wort, ebenso wie "Geschmeiß" (stammen beide übrigens aus dem Nazi-Jargon). Hast du eine sachliche Definition dafür? (Ich meine, eine Definition ohne Phrasen wie "Menschen, die ihr Gehirn nicht benutzen" etc. etc.)

Rafa hat die Galerie auf der "Nachtkuss"-Seite erweitert. Man sieht noch mehr Fotos aus Rafas Kindheit. Rafas Vater posiert mit mehreren Autos und ähnelt dabei ziemlich seinem Sohn Rafa, wie er jetzt aussieht. Auf einem Bild posiert Rafas Vater vor einem Auto, während er sich eine Zigarette anzündet ... eine von den vielen, die ihn wahrscheinlich das Leben gekostet haben, ebenso wie die Zigaretten Rafa wahrscheinlich das Leben kosten werden. Die Autos gehörten wohl alle Rafas Vater; die Fotos stammen aus verschiedenen Jahren, und die Nummernschilder tragen alle das damals gültige Kennzeichen von Rafas Heimatstadt. Vor einem Auto steht Rafas Vater mit beiden Söhnen. Sie tragen Sommerkleidung. Die Sonne scheint. Im Hintergrund ist das Meer zu sehen. Toto ist schon halbwüchsig, Rafa ist ein Kleinkind von etwa vier Jahren. Der Vater steht lächelnd hinter Rafa und umgreift seine Schultern. Rafa umfaßt mit seiner Rechten des Vaters Hand und schmieg sich vertrauensvoll an ihn, ebenfalls lächelnd. Toto steht daneben, sein Lächeln ist nur angedeutet. Das Auto ist ein gelber Mercedes, wie wir ihn früher auch hatten.
Es dürfte Rafa sehr kränken, daß er sich kein Auto leisten kann. In einem Interview schrieb er stolz von einem "Mercedes-Tacho". Gemeint war wohl der Sprinter, den er sich für seine Auftritte zu leihen pflegt.
Auf einem Foto in der "Nachtkuss"-Galerie sieht man Rafa und seinen Vater an einem sonnigen Sommertag vor einem jahrhundertealten Bruchsteingebäude. Der etwa zwölfjährige Rafa trägt ein "Perry Rhodan"-T-Shirt und eine ausgefranste Jeans-Bermuda. Rafa geht an seinem Vater vorbei, der vor einer Holztür steht. Rafas Blick ist seltsam traurig. Vater und Sohn schauen in verschiedene Richtungen. Im Hintergrund sieht man einen jungen Erwachsenen in einer geöffneten Tür, der einen gegabelten Ast in den Händen hält und auf diesen Ast blickt. Zu dem Erwachsenen schaut der Vater hin. Vielleicht ist es Toto. Rafa schaut auf den Weg vor sich.
Das Bild ist eine Zufallsaufnahme, es wirkt in keiner Weise posiert. Eine tiefere Symbolik scheint sich darin zu verbergen.
Am Sonntagvormittag waren Constri, Gesa, Asra und ich beim Gottesdienst zur Feier unserer Silbernen Konfirmation in der Kirche in Awb. Gesa kennen wir seit 33 Jahren, Asra kennen wir seit 29 Jahren. Beide sind mit Constri zur Schule gegangen. Eigentlich hätte ich schon ein Jahr vorher Silberne Konfirmation gehabt, es wurden aber zwei Jahrgänge zusammengefaßt. Nach dem Gottesdienst ging es in ein Restaurant am neuen Friedhof. Ich erkannte mehrere ehemalige Mitschüler wieder; die meisten von ihnen hatte ich als harmlos in Erinnerung. Einzige Ausnahme war eine Mitschülerin namens Envia, die bereits im zarten Alter von sieben Jahren imstande war, lautstarke Läster- und Haß-Tiraden zu erzeugen und diese raumgreifend zu verbreiten. Heute war Envia nicht mehr so unscheinbar wie früher, sondern geschickt lackiert und raffiniert gekleidet. Lautstark war sie noch immer. Sie trug Fröhlichkeit zur Schau. Ich ignorierte sie vollständig, was nicht schwer war, da ich mich in angeregten Gesprächen befand. Ich frage mich, welche Formen der Dissozialität schon im Kindesalter nachweisbar sind.
Rafa scheint sich nach Korrespondenz zu sehnen. Auch seine Kontaktfreudigkeit im Forum "Schwarzes SHG." überraschte mich. Er stritt mit anderen Forum-Mitgliedern herum und bezeichnete sie als "Idioten", die von "Loyalität" keinen Begriff hätten. Ein Mitglied warf ihm vor:

Ich kenne mindestens 10 Leute, die Du behandelt hast wie den letzten Dreck! Leute, die mit Dir gemeinsam gearbeitet haben! Leute, die mit Dir ihre Leidenschaft zur Musik geteilt haben!
Deine Leidenschaft scheint hinsichtlich diverser Auskünfte allenfalls Dein EGO zu sein!
Was Du hier ja erneut wundervoll unter Beweis stellst!
Man sollte doch auch eigentlich froh sein, wenn man bemerkt, dass die eigene Band polarisiert?! Sonst würd doch keiner drüber reden!
Oh ... ganz vergessen ...
loyal= gesetzlich, redlich, treu gesinnt

Mitte September mailte Wave mir ein Chatlog, das unter anderem davon handelte, daß sowohl Tron als auch er selbst im W.E-Forum gesperrt sind:

(16:04:35) (Rafa-Honey) wieso gibst du Tron deine Zugangsdaten für das Forum? oder was hat es damit auf sich?
(16:05:02) (Wave) Ich Tron?
(16:05:06) (Wave) Ist mir nicht bewusst
(16:05:59) (Wave) Außerdem: Wieso sollte ich ihm Zugangsdaten für "Wave" geben, wenn der User eh gesperrt ist?
(16:08:55) (Rafa-Honey) das frage ich mich auch
(16:09:40) (Wave) Siehste, ergibt keinen Sinn.
(16:09:56) (Rafa-Honey) naja, wir sprechen hier ja nicht vom Sinn
(16:10:33) (Wave) Ja, aber wieso soll ich ihm Daten geben für einen Nutzer, mit dem ich selber nicht mal ins Forum komme?
(16:11:08) (Rafa-Honey) woher soll ich wissen, warum menschen irgendwas machen oder nicht????
(16:11:21) (Rafa-Honey) hier gehts nicht um das warum ;)
(16:11:32) (Wave) Um was denn dann?
(16:12:07) (Rafa-Honey) na, ob du ihm die daten nun gegeben hast oder nicht
(16:12:28) (Wave) Nein, wieso sollte ich, ich bin doch gesperrt und weiß mein aktuelles Passwort nicht mal mehr :)
(16:12:42) (Rafa-Honey) mehr wollte ich doch gar nicht wissen
(16:15:45) (Wave) Freut mich, immer wieder andere glücklich zu machen.

Kurz darauf lief eine heftige Diskussion zwischen Rafa und Chatter Hellhound. Wieder ging es um Sperrungen von Forum-Mitgliedern.

[16:48] ⟨Hellhound⟩ ich muss in diesem zusammenhang mal die frage stellen, was der sender eigentlich für hörer möchte: ständige ja-sager oder selbstständig denkende menschen
[16:58] ⟨Hellhound⟩ aber anscheinend darf hier ein gewisser Herr lieber seine Minderwertigkeitskomplexe ausleben und weiter Hörer und User vergraulen
[16:58] ⟨Rafa-Honey⟩ gut, fangen wir mal vorne an
[16:58] ⟨Rafa-Honey⟩ was war das mit der "drecksf..."?
[16:59] ⟨Rafa-Honey⟩ wer hat das gesagt?
[16:59] ⟨Hellhound⟩ das kam nicht von mir
[16:59] ⟨Rafa-Honey⟩ von wem?
[16:59] ⟨Hellhound⟩ weiß ich nicht, da war ich gar nicht im channel
[16:59] ⟨Rafa-Honey⟩ moment
[17:00] ⟨Rafa-Honey⟩ gut
[17:00] ⟨Rafa-Honey⟩ wo ist denn dein hauptproblem?
[17:01] ⟨Rafa-Honey⟩ dass sich deiner meinung nach Icon & Mayjana
[17:01] ⟨Rafa-Honey⟩ etwas zu doll "aufspielen" oder noch was?
[17:01] ⟨Rafa-Honey⟩ ???
[17:01] ⟨Hellhound⟩ dass die beiden mit der Meinung anderer nicht klar kommen, speziell Mayjana Beleidigungen verteilt, aber dann mit der Antwort nicht klarkommt
[17:02] ⟨Rafa-Honey⟩ verstehe
[17:02] ⟨Hellhound⟩ und dass der Herr Icon dann meint, alle zu verwarnen und zu sperren etc.
[17:02] ⟨Rafa-Honey⟩ bekommt man das wieder in den griff, deiner meinung nach?
[17:03] ⟨Hellhound⟩ wenn er mal seine brille absetzt und erkennt, dass seine tolle mayjana nur die antworten bekommt, die sie selbst verteilt, vielleicht
[17:04] ⟨Rafa-Honey⟩ dass mayjana hier manchmal dinge ablässt, die man sehr gut falsch verstehen kann, ist mir auch klar
[17:04] ⟨Hellhound⟩ das war eine verwarnung, und ich hab den ganzen spass in meiner mailbox, auf die ich nicht zugreifen kann
[17:16] ⟨Rafa-Honey⟩ du musst hier etwas objektiver sein
[17:16] ⟨Hellhound⟩ wo bin ich dies denn nicht?
[17:16] ⟨Rafa-Honey⟩ wir sprechen hier von einem forum und einem chat und nicht von einer egoplattform
[17:17] ⟨Hellhound⟩ ja, ich weiss
[17:17] ⟨Hellhound⟩ und warum wird das icon nicht mal gesagt?
17:17] ⟨Rafa-Honey⟩ du musst beides ja nicht konsumieren, wenn es dir nicht passt, oder halt dein eigenes forum mit 1000 usern aufmachen
[17:17] ⟨Rafa-Honey⟩ es ist schon schwer genug für mich und kostet mich auch eine menge geld
[17:17] ⟨Hellhound⟩ wieviele der 1000 user sind denn aktiv?
[17:18] ⟨Rafa-Honey⟩ ist doch sch...egal, wie viele da aktiv sind
[17:18] ⟨Rafa-Honey⟩ wenn die immer so eine sch... lesen müssen, wäre ich auch nicht so aktiv
[17:18] ⟨Hellhound⟩ das sind alles dinge, die ich verstehe, und umso mehr müsstest du daran interessiert sein, dass ein moderator/administrator nicht die leute rausschmeisst, weil er ein problem mit ihnen hat
[17:19] ⟨Rafa-Honey⟩ so ... ihr habt mir schon tenebris vergrault
[17:19] ⟨Rafa-Honey⟩ das hat mich 600 euro gekostet
[17:19] ⟨Rafa-Honey⟩ dann doom
[17:19] ⟨Rafa-Honey⟩ und jetzt hat icon auch keinen bock mehr
[17:19] ⟨Hellhound⟩ ich hatte mich mit doom ausgesprochen, also wirf mir das mal nicht vor
[17:19] ⟨Rafa-Honey⟩ haltet also endlich mal den mund und gut ist, oder was meinst du?
[17:20] ⟨Rafa-Honey⟩ ich bin hier nicht persönlich
[17:20] ⟨Rafa-Honey⟩ du gehörst halt auch etwas zur betroffenen gruppe
[17:20] ⟨Rafa-Honey⟩ du, wave, tron ...
[17:20] ⟨Hellhound⟩ icon hat am anfang ja auch alles ok gemacht, das sprech ich ihm doch gar nicht ab. aber ihm fehlt mittlerweile die objektivtät
[17:20] ⟨Rafa-Honey⟩ wer hat denn mehr objektivität?
[17:21] ⟨Rafa-Honey⟩ du kannst das gerne machen, wenn du meinst, besser zu sein, aber ich habe hier sonst keinen
[17:21] ⟨Hellhound⟩ so, wie er es mal tat, persönliches von forum und channel zu trennen
[17:21] ⟨Rafa-Honey⟩ der sich mit diesem ganzen sch... rumprügeln möchte
[17:22] ⟨Rafa-Honey⟩ warum kannst du dich nicht einfach wieder mit icon und mayjana vertragen, am besten jetzt, und wenn die beiden da nicht einsichtig sind, bekommen die was von mir aufs maul ;)
[17:22] ⟨Rafa-Honey⟩ es geht um ein wichtiges forum & chat!!!!
[17:23] ⟨Hellhound⟩ mit mayjana werd ich nicht mehr warm. und darum gehts mir auch nicht, ich will ja keinen persönlichen streit, nur muss icon einfach mal wieder beides trennen
[17:23] ⟨Hellhound⟩ nur darum gehts mir
[17:24] ⟨Hellhound⟩ ist doch dumm, wenn keine vernünftigen diskussionen mehr aufkommen im forum, weil die leute schiss haben, bei ihrer meinung gesperrt zu werden
[17:24] ⟨Rafa-Honey⟩ komm, dann reich den beiden doch einfach erstmal die hand, lass alles gut sein, und bei weiterem kann man dann endlich mal alles besser nachvollziehen
[17:24] ⟨Rafa-Honey⟩ natürlich ist das alles hier nicht sehr einfach
[17:24] ⟨Rafa-Honey⟩ aber 1000 user auf der einen und 3-4 streithähne auf der anderen seite
[17:25] ⟨Hellhound⟩ dann muss mich erstmal jemand entsperren
[17:25] ⟨Rafa-Honey⟩ wie meinst du das?
[17:26] ⟨Hellhound⟩ wie soll ich mit icon und mayjana wohl reden, wenn ich im channel gebannt bin und auch im forum?

Im öffentlichen Chat derweil:

[17:28] * Wave möchte sich bei Mayjana und Icon jetzt mal öffentlich entschuldigen. Tut mir leid :)
[17:28] ⟨Mayjana⟩ für?
[17:29] ⟨Wave⟩ Mich. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
[17:36] ⟨Rafa-Honey⟩ @Mayjana: ich hoffe zu gott, dass dir genauso viel an chat und forum liegt wie mir
[17:36] ⟨Mayjana⟩ was hab ich damit zu tun?
[17:36] ⟨Mayjana⟩ ist das meins? bin ich verantwortlich? hab ich sonderrechte?
[17:37] ⟨Argonit⟩ nein, hast du nicht ... auch wenn das ständig gesagt wird.
[17:37] ⟨Mayjana⟩ eben
[17:37] ⟨Mayjana⟩ und wenn honey soviel daran liegt, dann soll er seinen admin mal besser behandeln
[17:37] ⟨Artemis⟩ Habt euch doch wieder lieb.
[17:37] ⟨Argonit⟩ Und wenn etwas von dir gelöscht wird, dann sehen die das nicht ...
[17:37] ⟨Rafa-Honey⟩ wen behandel ich denn nun schon wieder schlecht?
[17:37] ⟨Argonit⟩ Wenn aber etwas von Wave, Hellhound oder Tron gelöscht wird ...
[17:37] ⟨Argonit⟩ dann
[17:37] ⟨Argonit⟩ dann geht es im ICQ wieder los
[17:37] ⟨Argonit⟩ etc.
[17:38] ⟨Argonit⟩ dann hast DU die Sonderrechte
[17:38] ⟨Wave⟩ Hatte ich nie behauptet
[17:38] ⟨Wave⟩ Aber schon wenn einem immer was angedichtet wird.

Wie um jede Bereitschaft zur Kontaktaufnahme ungeschehen zu machen, äußerte Rafa seinen Haß auf mich in einer E-Mail an Icon. Icon leitete diese E-Mail an mich weiter. Sie lautete:

Schmeiss bitte das Mitglied "Moonsoon" raus, das ist Hetty, und da soll man schon konsequent sein!
Vielen Dank und beste Grüße
Honey / W.E

Icon schrieb dazu an mich:

Du hast noch einen anderen Namen im Forum, oder? Ich werde nun "Moonsoon" sperren, hoffe jedoch, dass man trotzdem wieder was von dir liest. Vielleicht so, dass andere nicht mitbekommen, wer du bist. ;)

Tron schrieb:

Wave, meine Wenigkeit und Hellhound sind auch gesperrt.
Aber wir alle haben sicherlich noch alte "Ersatzuser" ;)

An Icon schrieb ich:

Irgendwie tut Rafa mir ja leid, er ist auch Opfer (von beiden Eltern verprügelt worden etc.), aber eben ein Opfer, das zum Täter geworden ist.
Du hast es in deiner Rolle auch nicht gerade leicht. Du kennst Rafas moralische Verfehlungen, zugleich willst du ihm ein treuer Kamerad sein. Da kann man zum Januskopf werden.

Wave schrieb:

Ich bin im Moment der Sandsack für alles und jeden (inklusive Rafa).
Hast du schon gesehen, ich habe meine W.E-Vinylplatten bei Ebay reingestellt. Ich schließ jetzt mit W.E ab, mir langt das alles so dermaßen.
Im Übrigen wurde es auch im öffentlichen Chat von Icon publik gemacht, dass Rafa dich sperren will.

Berenice kommentierte:

Ja ja, immer noch Rafas Masche: was mir nicht passt, verprügel ich oder sperre ich oder oder oder.

Über Rafas Forderung, mit niemand anderem über ihre Beziehung mit Rafa zu sprechen, schrieb Berenice:

Was war der sauer, wenn ich über ihn geredet habe mit meinen Freunden, die ich nun mal hatte / habe. Aber er war Teil MEINES Lebens, über das ich reden wollte. Er hat sich damit nie abgefunden und hat es mir immer untersagt, mit dem Argument, er ginge die anderen Leute gar nichts an! Aber die haben sich überhaupt nicht für ihn interessiert ;)

Ich schrieb:

Rafa denkt nur in den Kategorien "oben" und "unten", "Sieger" und "Verlierer". Für ihn gibt es kein "miteinander" und "füreinander".

Berenice schrieb:

Ganz genau getroffen!!!!!!!!!!!!!!!! Wie arm. Armer, armer Rafa - da könnte man doch direkt Mitleid bekommen. Etwas nur der Sache zuliebe zu tun, ist für ihn unvorstellbar!!!

In Rafas "Nachtkuss"-Gästebuch schrieb ich als "Fractal":

Guck in den Spiegel, kehre vor deiner Tür. Vieles von dem, was die Leute gegen dich aufbringt, hast du selbst verschuldet.

Mitte September fuhren Carl und ich nach HE., um meine beiden Katzen abzuholen. Die Tierchen waren neun Wochen alt. Marielle und ihr Sohn hatten sich entschieden, den Kater mit den weißen Ohren zu behalten, so daß für mich die Kätzinnen blieben. Die Katze mit den schwarz umrandeten Augen ist die Vorwitzige, Verwöhnte. Sie erhielt den Namen "Domino". Die Katze mit den weiß umrandeten Augen ist schüchterner und zieht sich gerne in dunkle Ecken und unter Schränke zurück. Sie erhielt den Namen "Bastet". Ehe wir die Kätzinnen in die Transportbox setzten, schleckte die Katzenmutter sorgsam alle drei Katzenkinder ab. Carl und ich fuhren mit den Kleinen in die rot leuchtende Abendsonne. Bei mir daheim rollten sich die Kätzchen so zusammen, daß sie miteinander ein "Yin und Yang"-Symbol ergaben. Ich machte viele Fotos von ihnen. Wenn sie schnurren und ich jedes Tierchen an ein Ohr halte, höre ich stereo.
Jede Katze hat ihre eigenen Laute und ihre eigene Sprache. Domino äußert sich gerne mit Obertönen und einem fordernden "Miau". Bastet ist schweigsamer. Sie miaut fast nie und schnurrt in einer höheren Frequenz als Domino.
Bastet und Domino entdeckten schnell das Kopfkissen als Schlafplatz und sprangen wie wild auf der Bettdecke herum. Daß so winzige Tiere eine solche Sprungkraft haben und um ein Mehrfaches ihrer Körperlänge aus dem Stand in die Höhe springen können, erstaunt mich immer wieder.
Tron rief an und berichtete, daß Rafa jetzt auch Trons zweite Forum-Existenz gesperrt hat. Ich empfahl Tron, mehrere neue Forum-Existenzen zu erschaffen.
"Daß Rafa ausgerechnet die Leute entsorgt, die im W.E-Forum am meisten präsent sind", staunte ich. "Er verliert dadurch immer mehr Fans."
"Es gibt kaum langfristige Fans von W.E", meinte Tron. "Genau genommen kenne ich nur zwei, die W.E von Anfang an kennen, einer bist du und der andere ist einer, den ich nicht mag, den kennst du nicht."
"Ivco ist auch ein langfristiger Fan."
"Den rechne ich nicht mit, weil der Rafa früher schon gekannt hat und zu ihm schon damals ein enges Verhältnis hatte."
"Rafa und ich kannten uns auch schon, bevor er das erste Mal auf der Bühne gestanden hat", erzählte ich. "Aber wir waren nur ineinander verliebt, hatten also kein so enges Verhältnis zueinander."
"O.k., dann kann ich dich nicht dazurechnen, bleibt also nur noch der eine Typ, den ich nicht leiden kann."
"In der Beziehung von Rafa und mir war die Musik nie wichtig", betonte ich. "Als ich Rafa kennengelernt habe, wußte ich nicht einmal, daß er Musik macht."
"Für Rafa ist die Musik auch nicht besonders wichtig", meinte Tron. "Ihm geht es um die Aussage."
"Nein, ihm geht es um sein Ego."
"Ihm geht es um die Verbesserung der Welt."
"Er redet davon, die Welt verbessern zu wollen, aber in Wahrheit geht es ihm um sein Ego und sonst um nichts."
Tron spielte mir ein Sample aus einer Science-Fiction-Mystery-Fernsehserie vor, in dem es heißt, es sei leichter, für eine Sache zu sterben, als einen Weg zu finden, für eine Sache zu leben. Dem konnte ich beipflichten.
"Rafa wählt den einfacheren Weg", meinte ich. "Er wählt den destruktiven Weg, der ist immer der einfachere."
"Deshalb fiel mir das Sample ja ein", erklärte Tron. "Weil ich daran denken mußte, daß es leichter ist, gegen etwas zu sein, als zu wissen, wofür man ist."
"Ja, genauso ist es", bestätigte ich. "Und Rafa geht den einfacheren Weg. Er äußert nie konkret, was er erreichen will, alles bleibt vage. Er redet immer davon, die Welt verbessern zu wollen, aber wie diese bessere Welt aussehen soll, erklärt er nicht. In einem Text sagt er, daß er mit einer Bombe die Menschheit vernichten will, und wenn das mit Weltverbesserung gemeint sein soll, finde ich das doch zweifelhaft."
Tyra erzählte am Telefon, daß sie sich auch im Forum "Schwarzes SHG." eingeloggt hat und meinen Schlagabtausch mit Rafa im Thread über das W.E-Konzert im "Mute" belustigt gelesen hat. Was sie störte, war ein Posting von Rafa in dem Thread, wo er über Fotobearbeitung schrieb, "die mein Schatz macht". Mit "mein Schatz" war augenscheinlich Darienne gemeint. Tyra registrierte sich im Forum als "Lyra" - eine Mischung aus "Lizanne" und "Tyra" - und nannte in ihrem Profil einige Daten, an denen Rafa sie erkennen konnte. Als "Lyra" schrieb sie eine Message an Rafa. Sie tadelte seine Äußerung über Fotobearbeitung:

Darienne ist nicht dein "Schatz", weil du jede Woche mit einer anderen 'rumhängst.

Rafa schrieb ihr daraufhin folgende SMS:

:) ........

Tyra rief ihn an und fragte:
"Was soll die SMS? Warum schickst du mir ein Grinsegesicht?"
"Nur so, weil ich gerade Lust dazu habe", behauptete Rafa. "Darf ich das nicht?"
"Die SMS war also an mich."
"Ja."
"Und du wolltest mir nur einfach mal so ein Grinsegesicht schicken."
"Ja, ich wollte dir nur einfach mal so ein Grinsegesicht schicken."
"O.k., dann gibt es ja mehr dazu nicht zu sagen. Tschüß."
"Tschüß."
Tyra hat sich mit Berenice für das erste Oktober-Wochenende in ER. verabredet. Sie freut sich schon sehr darauf. Berenice und Tyra planen eine Fotostrecke. Ich schlug Tyra vor, mit Berenice gemeinsam Musik zu machen.
Ähnlich wie Berenice, die ihr W.E-Bühnen-Outfit zugunsten des Tierschutzes versteigert hat, möchte Tyra ihr W.E-Bühnen-Outfit zugunsten der SOS-Kinderdörfer versteigern.
"Dann ist alles weg", meinte sie, "dann liegt alles hinter mir."
Tyra erzählte mir einen Traum, den sie neulich hatte:

Eine Verwandte von Tyra hatte Geburtstag und lud zu einer Familienfeier. Auf dieser Feier erschienen auch Rafa und Darienne. Rafa saß neben Tyras Mutter auf einem Sofa und wirkte still und unbeteiligt. Über Eck saß Darienne auf einem Sessel. Sie hielt ein kleines Kind auf dem Arm. Ob es Dariennes Kind war und ob es aus der Verbindung mit Rafa stammte, wußte Tyra nicht. Rafa kümmerte sich nicht um das Kind.
Tyra sagte zu ihrer Mutter, sie wolle nicht, daß Rafa und Darienne auf der Feier blieben. Tyra regte sich auf und wurde laut und wütend.
"Ihr könnt ruhig dableiben", sagte Tyras Mutter zu Rafa und Darienne.
"Dieser Mann hat mir wehgetan", sagte Tyra zu ihrer Mutter.
"Aber du bist immer noch nett zu ihm", entgegnete die Mutter. "Da kann ich doch auch nett zu ihm sein."
"Sie hat recht", dachte Tyra. "Aber sie fällt mir in den Rücken."
Tyra sagte zu Darienne, sie solle endlich verschwinden. Darienne lächelte kalt. Tyra zerrte Darienne von ihrem Sessel hoch und wollte sie hinauswerfen. Währenddessen wachte sie auf.

Tyra erzählte, daß ihre Mutter sie zuerst vor Rafa gewarnt hat und ihr abgeraten hat, sich auf ihn einzulassen. Als Tyras Mutter aber Rafa kennenlernte und er ihr galant den Hof machte, änderte sich das.
"Auf einmal fand meine Mutter alles toll, was Rafa sagte", erinnerte sich Tyra, "und was die anderen sagten, war egal."
Die Mutter habe keine Rücksicht mehr auf Tyras Gefühle genommen.
Nicht lange nach dem Traum von der Familienfeier hatte Tyra einen Traum, der ebenfalls von dieser Feier handelte:

Rafa und Darienne waren wieder auf der Familienfeier. Darienne saß auf einem Sessel, Rafa auf einem Sofa, genauso wie in dem Traum zuvor. Tyra versuchte auch dieses Mal, Darienne durch Schimpfen und Scheuchen fortzujagen. Da sagte Rafa:
"Wenn du uns jetzt wegschickst, siehst du mich nie wieder. Und ohne mich, so allein, kommst du doch gar nicht klar."
Tyra entgegnete:
"Du machst mir keine Angst mehr. Es würde sich doch dadurch für mich nichts ändern, es wäre doch alles so, wie es jetzt sowieso schon ist."
Mit einem sehr guten Gefühl wachte sie auf.

Im herbstlichen Sonnenschein machte ich einen Spaziergang draußen in der Feldmark mit Cecile und ihren beiden Töchtern. Dagni ist zwei Jahre alt, Yvni gerade fünf Wochen. Cecile stemmte Kinderwagen und Hund einen steilen Abhang hinauf, und nebenbei mußte sie Dagni im Auge behalten, die immer wieder zurückblieb, weil sie "Hund beim Gassigehen" spielte.
Sätze wie "Das nervt mich!" kamen nie aus Ceciles Mund. Auch als eine Nachbarin sie minutenlang aufhielt und andauernd wiederholte, wie toll sie doch ihre Schützlinge im Griff habe, entrang sich kein unterdrücktes Stöhnen ihrer Kehle. Einsam fühle sie sich hier draußen nicht, meinte Cecile. Es sei schön hier.
Wir hatten ein Picknick auf einer Bank mit weitem Blick übers Feld. Neben der Bank stand ein Baum, und in dem Baum hing ein zertrümmerter Papierkorb, dessen Inhalt sich zwischen den Zweigen verteilt hatte. Den Abfall hatten die Wespen für sich entdeckt, und so waren sie an unserem Kuchen weniger interessiert.
"Wie schnell die Dorfgemeinde wohl zertrümmerte Papierkörbe entsorgt?" fragte ich mich.
Im Haus von Kurt und Cecile betrachtete ich die Kühlschranktür, die eine dunkle Tafelbeschichtung trägt, für Einkaufslisten und dergleichen. Auf die Tafelbeschichtung war mit rosa Kreide ein großes Herz gemalt, in dem standen die Initialen aller Hausbewohner: zuoberst die Eltern in Grün, darunter die Kinder in Rosa, darunter die Tiere in Weiß - oben der Hund, dann die Katzen und ganz unten die Vögel.
"Das ist die Hierarchie", erklärte Kurt, von dem diese Grafik stammte. "In Grün, das sind Cecile und ich, wir sind die Chefs."
Auf der Arbeit fühle er sich nicht wohl, da gehe es nur ums Geldverdienen, aber zu Hause sei das Paradies.
1 % der Bevölkerung weiß nicht, wohin mit dem vielen Geld, das sich auch noch dauernd vermehrt. Die anderen 99 % müssen sehen, wo sie bleiben. Wer Arbeit hat, ist froh, auch wenn die Bedingungen suboptimal sind. "Armut" wird in Deutschland mit "tz" geschrieben. Ein Radiosketch befaßte sich mit der staatlich verordneten Massenverelendung der Hartz-IV-Ära. In dem Sketch wurde ein neuer exklusiver Duft vorgestellt: "Entlassen" von BOSS.
Ende September machten Constri und ich bei strahlendem Wetter einen Ausflug zur Roßtrappe. Vom Sessellift aus filmte Constri in den Abgrund. Ein Spazierweg führt über den bloßen Fels zu dem angeblichen Hufabdruck eines Riesen-Pferdes hoch über dem Bodetal. Eine Riesen-Prinzessin namens Brunhilde soll der Sage nach mit ihrem Pferd über die Schlucht gesprungen sein, um dem Riesen Bodo zu entkommen, der sie gegen ihren Willen heiraten wollte. Der Riese wollte ihr folgen und stürzte in die Tiefe. Die Schlucht ist von beinahe senkrecht abfallenden Felswänden umgeben. Vor allem bei Sonnenschein ist das ein eindrucksvolles Panorama. Es war so warm, daß man oben auf den Felsen im kurzärmeligen Blüschen herumlaufen konnte.
Abends traf ich eine Internet-Bekanntschaft in KS. - Sternenfels. Ich hatte ihm schon vorab zu verstehen gegeben, daß wir uns einen schönen Abend machen könnten, daß er sich jedoch keinen übermäßigen Erwartungen hingeben sollte. So war es auch. Wir aßen in einem gemütlichen Bistro zu Abend und unterhielten uns. Sternenfels erzählte, daß er in HD. als Medizintechniker arbeitet und Röntgengeräte repariert oder sie zur Reparatur einschickt. Durch die Patientengeschichten, die er mitbekommt, hat er über Strahlentherapie einiges erfahren. Er erzählte, die Lebensverlängerung bei malignen Tumoren, die durch Strahlentherapie erreicht werden könne, sei zwar nicht von der Hand zu weisen, jedoch betrage sie häufig nur wenige Monate.
Er selber sei schon einmal dem Tod entkommen, aber auf Dauer. Er sei bei der Bundeswehr beim Fallschirmspringen verunfallt. Ein Aufwind habe das langsame Zu-Boden-Gleiten verhindert. Er sei kurz vor der Landung hochgewirbelt worden und aus zwölf Metern Höhe abgestürzt. Er habe das helle Licht gesehen, von dem viele Menschen mit Nahtod-Erfahrungen berichten. Während er im künstlichen Koma gelegen habe, habe er festgestellt, daß man dabei vieles mitbekomme, was um einem herum geschehe.
Sternenfels verrät in seinem Profil bei der Online-Szene-Kontaktbörse kaum Informationen über sich. Das Auffälligste ist der Link zu einer Website mit einer Shockwave-Datei. Außer der Shockwave-Datei befindet sich auf der Website rein gar nichts. Doch die Datei hat es in sich. Ich würde sie als eines der genialsten Kunstwerke zwischen Pop-Art und Wahnsinn bezeichnen. Berenice und ihr Freund Baryn haben die Datei für mich downgeloaded. Nur wenn man sie mit einem Browser öffnet, zeigt sie ihre wahren Dimensionen. Wenn man die Rahmengröße verändert, verändert sich auch die optische Darstellung der Datei. Der Urheber ist unbekannt. Sternenfels ist es nicht, er hat nur den Link gesetzt. Als Begründung gab er an, er habe die Website mit der Shockwave-Datei zufällig im Internet entdeckt und sich darüber geärgert, daß er den Wahnsinn in Endlosschleife nur durch einen Neustart abstellen konnte. Ich habe der Datei den lautmalerischen Namen "ahhhhhh" gegeben. In grellen Farben stehen sich zwei Ausgeburten des Irreseins gegenüber, die auch einem Drogenrausch entsprungen sein könnten. Dazu ertönt eine durchdringende Mischung aus überkippendem Geschrei und flotter Begleitmusik.
Von meiner Domain kennt Sternenfels bisher nur die Fotos. Den Roman "Im Netz" hat er noch nicht entdeckt. Ich erzählte ihm, daß er dort alles Wesentliche über mich nachlesen kann.
In groben Zügen schilderte ich, was ich mit Rafa erlebe. Sternenfels bezeichnete es als "Lebens-Experiment".
"Vielleicht ist es auch eine Lebensaufgabe", meinte ich, "bisher versuche ich aber noch, herauszufinden, wozu das gut sein soll. Es erscheint absurd."
"Eigentlich ist das schön", meinte Sternenfels. "Du machst so viele interessante Erfahrungen dadurch."
"Ja, interessant ist es schon", bestätigte ich. "Es ist auch interessant, was ich auf diesem Weg für Leute kennenlerne."
Sternenfels sagte über sich, er sei mehr der "einsame Wolf".
"So leben die meisten Menschen", meinte ich. "Die meisten haben nur eine Handvoll engerer Kontaktpersonen."
"Und du hast unübersehbar viele."
"Ja, ich habe die Situation in meiner Kindheit umgedreht", erzählte ich. "Zwischen dem sechsten und dem sechzehnten Lebensjahr hatte ich so gut wie niemanden. Das lag daran, daß ich mich für andere Dinge interessiert habe als die meisten Altersgenossen. Ich habe über den Sinn des Lebens und über moralische Werte nachgedacht, die anderen haben sich für Modemarken interessiert und für das, was sie als 'Coolsein' betrachteten. Natürlich gab es auch damals Menschen, mit denen ich mich verstanden hätte, aber ich war viel zu schüchtern, um auf sie zuzugehen. Mit sechzehn habe ich die Schule gewechselt - die beste Entscheidung, die ich damals treffen konnte. Von da an hatte ich Leute, mit denen ich in die Disco gehen und Spaß haben konnte. Und seit ich Rafa kenne, ist mein Bekanntenkreis regelrecht explodiert. Es gibt immer mehr Leute, die mich kennenlernen wollen."
"Vielleicht liegt das an einer bestimmten Ausstrahlung."
"Ja, das glaube ich auch. Nur leider ist unter den vielen Leuten, die ich kennengelernt habe, bisher nie jemand gewesen, für den ich mehr empfinde als für Rafa. Wenn mir so jemand begegnen würde, könnte ich Rafa endlich abhaken."
"Was wäre, wenn er ankommen würde und sagen:
'Ich habe mich geändert.'?"
"Dann müßte ich erst einmal herausfinden, ob er nur sagt, er habe sich geändert, oder ob er sich wirklich geändert hat - und wenn, dann inwiefern."
Ich beschrieb, welcher Art meine Bindung an Rafa ist:
"Er ist mir so vertraut wie ein Teil meiner selbst."
Sternenfels sagte nachdenklich:
"Dann habe ich wohl noch nie wahrhaft geliebt."
Sternenfels meinte, er würde Rafa gern persönlich kennenlernen. Ich erzählte, daß Rafa schon einige Male in HD. aufgetreten ist und dort wohl noch öfter auftreten werde.
Ich erzählte, daß ich in S. geboren bin und deshalb eine enge Bindung an diese Stadt habe.
"Wir sind weggezogen, als ich zwei Jahre und wenige Monate alt war", sagte ich, "ich erinnere mich aber noch gut an diese Zeit."
"So weit reicht deine Erinnerung zurück? Meistens geht die doch nur bis zu einem Alter von drei Jahren zurück."
"Ich kann mich noch an Sachen erinnern, da war ich eineinhalb. Ich sehe das Kinderschlafzimmer in Lw. noch vor mir, wo die Betten unter der Schräge standen, in denen früher meine Mutter und ihre Geschwister geschlafen haben, und da war ich nur ein einziges Mal, nämlich mit eineinhalb. Ich habe mich auch gewundert, als meine Mutter mir erzählt hat, wann wir da waren. Ich weiß auch noch, wie wir im Sommer in dem Becken geplanscht haben, das mein Vater in S. im Garten für uns angelegt hat. Und ich weiß noch, wie die Zimmer in unserem Haus eingerichtet waren und welche Möbel wo standen."
Gegen zwei Uhr nachts schloß das Bistro. Sternenfels fuhr zu seiner Schwester nach MR., und ich fuhr heim.
Für den Link zu der Shockwave-Datei "ahhhhhh" bin ich Sternenfels sehr dankbar. Beim Abspielen des optischen und akustischen Wahnsinns in Endlosschleife flüchten sinnlose Gedanken, und eine zuversichtliche Stimmung stellt sich ein. Der Urheber wurde übrigens nie gefunden, und die Datei verschwand eines Tages sang- und klanglos aus dem Internet - ebenso wie die Website, auf der sie sich befunden hatte. Die Website soll einem "Bonaldi" gehört haben, und die Datei trug den Titel "Bon". Wer dahintersteckte, bleibt im Dunkeln.
Die Interviews mit Rafa, die sich zum Erscheinen seines Albums "Chaos total" in der Szene-Presse und im Internet finden, ähneln einander stark, und sie unterscheiden sich kaum von denen der vergangenen Jahre. Rafa bemißt Intelligenz daran, ob man seine Musik gut findet. Böse Zungen behaupten, daß diesbezüglich eher eine umgekehrte Korrelation besteht. Rafa gefällt sich in elitär klingenden Reden, deren sachlicher Inhalt kaum zu erkennen ist. Er verleiht einmal mehr seiner Verehrung für den verstorbenen Hacker Karl Koch Ausdruck. Daß er die Gelegenheit ungenutzt ließ, von Cennet zu erfahren, was für ein Mensch Karl Koch in Wirklichkeit gewesen ist, verrät Rafa freilich nicht.
Geschmückt werden die Interviews mit posierten Bandfotos, auf denen die Bandmitgliedern wie Möbelstücke herumstehen oder -sitzen und bemüht wirken, so ausdruckslos wie möglich zu gucken.
In einem Interview wurde Rafa gefragt:

Zwei männliche und zwei weibliche Bandmitglieder: Gibt es da auch private Beziehungen?

Rafa antwortete:

Bestimmt! ;-)

Das ist nahezu das einzige Mal, daß Rafa in einem Interview private Beziehungen überhaupt erwähnt hat.
Als Rafa in einem anderen Interview gefragt wird, wer die Schönste alles Frauen sei, nennt er Grace Kelly. Als er nach dem Warum gefragt wird, weicht er aus:

Na gut, wie definiert man jetzt Schönheit? Weil die wahre Schönheit einer Frau immer im Gehirn liegt.

Der Interviewer nimmt Bezug auf einen Widerspruch:

In einem Interview von 2002 antworten Sie auf die Frage danach, ob neben technischen Themen auch Emotionen einen Platz bei "W.E" hätten, mit einem deutlichen "Nein".
Dann gibt es aber Lieder wie "Computer-Rendezvous", "Tausend Weiße Lilien", oder "Deine Augen". Sind das nicht Ausdrücke von Emotionen?

Rafa antwortet:

Auf jeden Fall! Aber die Emotionen gehen ja immer erst durch die Technik zum ... Partner. Sind es dann noch Emotionen?

Der Interviewer entgegnet:

Schwierige Frage.

Rafa meint:

Natürlich sind es dann noch Emotionen.

Der Interviewer merkt an:

Aber gefilterte.

Rafa sagt dazu:

Ja gut, das Paradebeispiel wäre natürlich ein Brief.

Rafa spricht die "Emotionen der Maschine" an:

Na ja, alles, was von Menschen erschaffen wird, ist logischerweise auch mit Emotionen erschaffen worden, und irgendwo müssen die ja hin. Dann sind die logischerweise in dem Produkt drin. Also, ich bin mir sicher, daß ein C=64 sehr viele Emotionen hat. Auf jeden Fall. Da ist mit Sicherheit noch ein Stück Herz mit eingebaut und ein Stück Hirn. Definitiv! Weil, das ist ja auch das, was dann unsterblich ist. Auch wenn der Schöpfer vom C=64, der ja nun noch lebt, mal irgendwann stirbt, lebt er in seinen Schöpfungen ja weiter.

Rafa rettet sich im weiteren Verlauf des Interviews in eine Diskussion darüber, was real ist und was nur eine Illusion ist - ein Themenfeld, in dem er sich auskennt und über das er entspannt dahinschwätzen kann, ohne ins Schleudern zu geraten. Am Ende hat er den Interviewer so weit im Griff, daß dieser mit den Worten schließt:

Wir sind alle Computer.

Zufrieden sagt Rafa:

Definitv!

Wieder hat Rafa es erfolgreich vermieden, auf sein konflikthaftes Verhältnis zu Emotionen einzugehen.
An Berenice schrieb ich:

Rafa hat sich tatsächlich über die Menschen aufgeregt, die keine Selbstkritik zulassen. Ich denke, er merkt nicht, daß er selber unfähig ist zur (ernstgemeinten) Selbstkritik. Die meisten Menschen haben Wahrnehmungsstörungen, wenn es um ihre eigenen Neurosen geht. Ich denke, Rafa lenkt unbewußt von seinen Verfehlungen ab, indem er andere beschuldigt. Ich denke nicht, daß er sich diesen Vorgang bewußt macht.
Rafa soll z.B. oft zu Tyra gesagt haben, er hasse Lügen. Und das, obwohl er unentwegt seine Freundinnen belügt, indem er ihnen vorgaukelt, sie wären für ihn die jeweils Einzige. Am meisten belügt Rafa sich selber, denke ich.
In meinem Leben gibt es nichts Wichtigeres als emotionale Bezüge und emotionale Bindungen. Sie bilden die Regeln, nach denen ich mich richte.
Bei Rafa ist es genau umgekehrt. Er versucht, ohne jeden (echten) emotionalen Bezug zu leben. Er betrachtet Emotionen mit Geringschätzung. Er zensiert sie, wenn er welche entwickelt.

Im Online-Gästebuch von Das P. geht es derweil hoch her, da entlädt sich viel Frust und Ärger, was wohl auch mit den Konflikten zwischen Rafa und Darius zu tun hat. Mit Rafa hatte Darius die Möglichkeit, Das P. bekannter zu machen, jedoch war ihm der Preis zu hoch. Er hatte den Eindruck, daß Rafa Das P. vereinnahmte, so daß Darius sein eigenes Projekt kaum noch wiedererkannte.
Am Freitag war ich mit Tyra und Gesa im "Roundhouse". Als wir Tyra abholten, gab ich ihr einen Ausdruck der tragikomischen Foto-Lovestory "Heiligabend", die nun online steht. Tyra war begeistert. Sie meinte, es sei eindrucksvoll, wie glaubwürdig die Darsteller ihre Rollen spielen, auch hinsichtlich der Mimik. Sie könne bei der Story mitfühlen, miterleben.
"Heiligabend" handelt von einem Frauenhelden namens Henk, der seine Geliebte Nolee warten läßt und ihr vorlügt, keine Zeit zu haben. In Wahrheit ist seine Freundin Püppi bei ihm zu Besuch. Sie liegen zusammen mit kuscheligen Plüsch-Bazillen auf einem Sofa. Die Bazillen fühlen sich wohl auf dem Sofa, weil es immer nur mit Raumspray gereinigt wird. Nolee glaubt ihrem Lover inzwischen nichts mehr. Sie packt ihre Enttäuschung und Verzweiflung in Geschenkpapier und macht ein prächtiges Wichtel-Geschenk daraus. Beim Weihnachts-Wichteln im "Ritterstübchen" packt Henk Nolees Geschenk aus. Da steigt aus dem Päckchen ein tiefschwarzer Nebel auf. Püppi läuft schreiend davon, und der Nebel wird zu einem Regen voller Traurigkeit, der sich sintflutartig über Henk ergießt. Er muß weinen. Über Nolees Kopf erscheint ein Regenbogen.
"Wer mit dem Schwert kämpft, wird durch das Schwert sterben", kommentiert Nolee.
Unter die Foto-Lovestory habe ich den Satz gestellt:
"Moral von der Geschichte: Mit Raumspray kann man kein Gewissen reinigen."
Tyra berichtete, am Dienstag nach unserer Foto-Session im "Keller" sei Rafa im "Keller" gewesen, und Bibian habe ihm erzählt:
"Am Donnerstag war Elektro-Betty hier."
"Was?" habe Rafa mit großen, entsetzten Augen gerufen.
"War schon länger geplant", beschwichtigte Bibian. "Die haben Fotos gemacht."
Tyra hat sich das Profil des "Schwarzes SHG."-Mitglieds "Pretty Pink" angesehen und festgestellt, daß Pretty Pink jetzt mit Tyras Ex-Freund Bruce zusammen ist. Pretty Pink soll in schwärmerischen Tönen von Bruce sprechen.
Im "Roundhouse" erzählte mir Tyra, wie es weitergegangen war mit ihrer Auseinandersetzung mit Rafa im Forum "Schwarzes SHG.". Nachdem Rafa ihr die SMS mit dem Grinsegesicht geschickt und Tyra sich mit ihm darüber unterhalten hatte, schickte er Tyra im Forum "Schwarzes SHG." eine Antwort-Message auf ihre Message, in der sie ihm einige Vorhaltungen gemacht hatte, vor allem im Hinblick auf seine Untreue. Rafa schrieb:

Keine Ahnung haben, aber das Maul aufreißen. Ich muß dich wohl mal wieder richtig durchf...en, dann klappt das mit dem Denken auch wieder.

Tyra antwortete:

Erstens stehe ich nicht mehr zur Verfügung, und zweitens: Wenn irgendjemand Ahnung hat, dann ich, denn ich war ja die Geliebte, mit der du deinen "Schatz" betrogen hast. Außerdem ist Darienne nicht dein Schatz, denn einen Schatz wirft man nicht so einfach weg. Was würdest du übrigens sagen, wenn ich schwanger wäre?

Rafa schrieb daraufhin:

Ach, sag' doch gleich, daß du das bist!

Tyra schrieb:

Ich dachte, das hättest du längst gemerkt, Honey-Bunny. Außerdem hast du meine letzte Frage noch nicht beantwortet.

Nun meldete Rafa sich telefonisch bei Tyra. Tyra war gerade bei ihrer Freundin Persephone in RI. und über das Laptop von deren Freund im Internet. Sie bat Persephone, Rafa abzuwimmeln. Persephone nahm den Anruf entgegen und behauptete:
"Tyra ist bei mir, die schläft gerade."
"Bei dir? Wo ist das?"
"In RI."
"Hol' die doch mal ans Telefon."
"Die schläft aber."
"Dann mach' sie wach", verlangte Rafa. "Ich mach' die auch immer wach."
"Die mache ich nicht wach", lehnte Persephone ab. "Die schläft, weil sie müde ist. Die braucht ihren Schlaf."
Bei Rafas nächstem Anruf ging Tyra ans Telefon. Sie erkundigte sich, für wen er sie im Forum "Schwarzes SHG." gehalten hatte, wenn es ihn so überraschte, daß Tyra es war, die sich hinter dem Forum-Namen "Lyra" verbarg.
"Irgendsoein Fraktal", antwortete Rafa.
Mit "Fraktal" konnte er nur mich meinen.
Rafa kam auf den Grund seines Anrufs bei Tyra zu sprechen. Er schnappte:
"Und du bist schwanger, oder was?"
"Das habe ich nicht gesagt."
"Doch, das hast du gesagt", beharrte Rafa.
"Hab' ich nicht", entgegnete Tyra. "Ich habe dich nur gefragt, was du sagen würdest, wenn ich schwanger wäre."
"Wenn du schwanger wärst."
"Ja."
"Mußt du abtreiben."
Tyra wußte nicht recht, was sie sagen sollte. Sie war geradezu fassungslos.
Rafa lenkte vom Thema ab. Ohne Übergang schwärmte er von seiner "Commander L."-Seite. Die sei "voll geil".
"Auf der Seite war ich einmal und dann nie wieder", erzählte Tyra.
"Warum?" fragte Rafa.
"Weil da nur diese idiotischen Hörspiele drauf sind", erklärte Tyra. "Und weil ich da andauernd Darienne in die Fresse gucken muß."
"Aber da gibt es doch noch dieses tolle Radio."
"Warum stellst du das denn nicht auf die W.E-Seite?" fragte Tyra. "Da paßt es doch viel besser hin."
"Nein, das gehört zu 'Commander L.'."
Einige Tage später versuchte Rafa nochmals, bei Tyra anzurufen, zu nachtschlafener Zeit. Sie nahm diesen Anruf nicht entgegen.
Die lieblose, gleichgültige Haltung von Rafa zur Frage einer Schwangerschaft erinnerte Tyra an die Geschichte eines Mädchens namens Shania, mit der Rafa Berenice von 1999 bis 2000 für die Dauer eines Jahres betrogen hat.
Tyra lernte Shania kennen, als deren Liaison mit Rafa bereits der Vergangenheit angehörte. Tyra nahm Shania im Auto mit. Shania war schwanger, und sie war unsicher, ob eine Schwangerschaft zu ihr paßte. Shania erzählte, daß sie schon mehrere Abtreibungen hinter sich hatte. Diese neue Schwangerschaft trug sie aus; sie hat nun eine Tochter namens Peony. Und die ist nicht von Rafa.
Shania erzählte Tyra von ihrem Verhältnis mit Rafa. Shania war Rafas "Dienstagsgeliebte", sie wurde also fortgeschickt, wenn der Mittwoch kam. Berenice gegenüber log Rafa, er habe dienstags Herrenabend, damit sie keinen Verdacht schöpfte. Eines Tages wurde Shania von Rafa schwanger. Als sie es ihm erzählte, fragte er kühl:
"Und, was willst du tun?"
"Ich weiß nicht, was ich tun soll", antwortete sie.
Sie war damals achtzehn Jahre alt und selbstunsicher - zwei Eigenschaften, nach denen Rafa seine Geliebten auszuwählen pflegt.
"Wenn du es haben willst, will ich niemals irgendetwas damit zu tun haben", drohte Rafa. "Zahlen tue ich, aber wenn du irgendwem erzählst, wer der Vater ist, geht es dir schlecht."
Shania war eingeschüchtert und ließ die Schwangerschaft beenden. Kurze Zeit später hatte Rafa keine Lust mehr auf Shania. Anwar hatte nun bei Shania mit seinem Werben Erfolg und betrog seine Freundin mit ihr. Eines Tages wurde Shania von Anwar schwanger. Sie ließ wieder abtreiben. Sie begründete das damit, daß sie Anwar gern möge, ihn aber nicht liebe und daher auch kein Kind von ihm haben wolle. Sie trennte sich von Anwar.
Rafa soll nach Shania eine Geliebte namens Astrée gehabt haben, das hat Tyra von ihren Freundinnen gehört.
In einer Herrenrunde soll Rafa in einem wegwerfenden, prahlerischen Tonfall gesagt haben:
"Berenice habe ich auch schon mal eine Rippe gebrochen, na und? Haha."
Das hat Tyra von einem der Herren gehört, die dabei waren.
Weil Berenice damals keine Strafanzeige erstattete und sich auch nicht von Rafa trennte, konnte Rafa ungehindert weiter auf sie eintreten und brauchte keine Konsequenzen zu fürchten. Vermutlich wird Rafa nie für seine Gewalttaten zur Rechenschaft gezogen werden, weil er nur selbstunsichere Mädchen mißhandelt, die ihn nicht anzeigen.
Ein Junge gesellte sich im "Roundhouse" zu uns, der fragte mich nach meinem richtigen Namen, denn bisher kennt er mich nur als "Betty". Er selbst heißt Max. Von Rafa hält Max nicht allzu viel. Er vergleicht Rafa mit dem ein Jahr jüngeren Musiker Chris P. Während Rafa sich an volljährige Mädchen hält, bevorzugt Chris P. minderjährige Mädchen. Vor allem Sechzehnjährige sollen es ihm angetan haben. Zum Thema Promiskuität meinte Max, er spiele im Gegensatz zu Rafa und Chris P. mit offenen Karten.
Ich erkundigte mich, was daran so reizvoll sei, mit immer wieder anderen Frauen ins Bett zu gehen. Max zog ein gelbes Reclam-Heftchen mit dem Titel "Casanova - Mein Leben" hervor, deutete auf den Namen "Casanova" und sagte großspurig:
"Ich will ihn übertreffen."
"Dann hast du aber nie eine Bezugsperson", gab ich zu Bedenken. "Du hast nur One-Night-Stands."
"Ich habe eine Bezugsperson."
"Wen denn?"
"Meine Mutter."
"Mamasöhnchen! Mamasöhnchen!" spottete ich. "Du lebst doch dann nur in der Vergangenheit und baust keine Zukunft auf."
"Doch. Ich suche eine Frau, die so ist wie meine Mutter."
"Ödipus läßt grüßen. Du wirst nie eine Frau finden, die so ist wie deine Mutter, es sei denn, du heiratest deine Mutter."
"Die kann ich nicht heiraten."
"Wieso, Ödipus konnte das doch auch."
"Meine Mutter ist eine Heilige", betonte Max. "Alles Huren außer Mutti. Ich verehre meine Mutter, weil sie unerreichbar ist."
Kinder wolle er nicht, aber daheim ausziehen werde er bald, und weit weg - nach Sydney.
Joujou, Marvel und Yara gefällt die Foto-Lovestory "Heiligabend". Joujou erzählte, sie habe befürchtet, ihrer Rolle nicht gewachsen zu sein. Doch nun sei sie begeistert, wie lebensnah sie spielen könne.
"Das kann ich", staunte sie.
Marvel meinte, vor allem die Mimik der Darsteller sei überzeugend. Er habe gestaunt, wie gut es ihm gelungen sei, seine Rolle zu spielen.
"Ihr seid ein hervorragendes Team", lobte ich.
"Und es war eine sehr gute Regie", lobte Marvel.
Yara trug heute ein langes schwarzes Haarteil, das ihre schwarz gefärbten schulterlangen Haare in eine wallende Mähne verwandelte.
"Yara wirkt viel lebendiger und natürlicher als Darienne", sagte ich zu Tyra.
Yaras Makeup ähnelt Dariennes Makeup, jedoch wirkt es nicht so maskenhaft, und Yara verwendet auch nicht mehrere Lagen künstlicher Wimpern. Yaras Figur ist schlank, wirkt aber nicht überzüchtet, und in ihrem Verhalten zeigt sie sich freundlich und offen.
Auf der Rückfahrt kaute ich Kaugummi, als Schutz vor dem Einschlafen. Tyra berichtete, daß sie inzwischen wieder Kaugummi kauen kann, ein Triumph über ihre Alpträume.
Tyra übernachtete bei mir, und wir schliefen bis zum Mittag. Dann zeigte ich Tyra die wilden Lästereien im Gästebuch von Das P. Zwar schrieben alle unter Pseudonymen, doch es war erkennbar, hinter welchem Pseudonym sich Darius verbarg.
Schon Anfang August hatte es im Gästebuch von Das P. ein Hauen und Stechen gegeben. Damals begann es mit der Selbstmordankündigung einer "Twyla". Sie klagte, sie könne nicht mehr und hoffe, daß "es" gelinge; sie könne sich sonst nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen lassen. Sie bezeichnete sich als "hörig bis in den Tod". Als Grund für ihre Suizidpläne gab Twyla Liebeskummer an:

Alles, was ich wollte, war, GELIEBT zu werden!!! Meinetwegen und nicht wegen dem, was ich tue oder wie ich AUSSEHE;)! Ich hatte gehofft, er wird zurückkommen, doch er wollte nicht. Ich bin es nicht WERT.

Daraufhin schrieb Darienne - oder jemand, der sich so nannte:

es mag sein, dass ein mann, der eine frau schlägt, es nicht verdient, dass er geliebt wird. aber was tun, wenn es doch so ist???

Daraufhin schrieb jemand, der sich "Rafa-El" nannte - ein Name, verdächtig nah an Rafas eigenem:

wenn ich dich denn soweit habe, achte auf die rechtsschreibung (lach)!!!
hör auf zu reden.
mir zu wiedersprechen.
hör auf zu denken.
das mach ich für dich ;)!!!!!!!

Die Belehrungen von "Rafa-El" sind ihrerseits nicht frei von Fehlern. Die Wörter "rechtsschreibung" und "wiedersprechen" sind fehlerhaft, ungeachtet der Frage der Groß- und Kleinschreibung. Korrekt wären "Rechtschreibung" und "widersprechen".
Als Nächstes schrieb jemand unter dem Namen "Sten" ins Gästebuch (die Rechtschreibung wurde geglättet):

Und ich hab mich wirklich immer gefragt, aus welchem Nest die Problemkinder, Kiffer und sonstiger Abfall der Menschheit herkommen ...
Hier haben sich ja anscheinend alle zusammen gefunden!
Fazit:
- "Das P." war mal geil, jetzt nur noch peinlich und sch...!
- Musik, jetzt nur noch was für Hirnlose
- Darius scheint uns wohl bald zu verlassen ...
Die absolute Lachnummer.
Ich geh lieber wo anders hin, Hauptsache, weg aus diesem Sch... hier.
Gibt es eigentlich Geld-zurück-Garantie für die aktuelle Maxi?
Dann will ich mein Geld zurück!!!

Unter den Initialen "R.T." schmähte jemand:

Der Rafi, der in die Kneipe mit Mundschutz reingeht und so einen mega Spaß hatte und sich gegen H5N1 schützt, ah, der ist so lustig. Und deine rechte Seite brauchst du auch nicht raushängen lassen, denn du hättest dich zuerst in die Hose gemacht, aber in der Kneipe bist Du ja der Held.
Also: kümmere dich um deinen eigenen Dreck (sorry).
Ohne dich wäre W.E auch besser.
Du bist für niemanden hier von Interesse.

Charlize zeigte sich betroffen. In einem ausführlichen Eintrag beklagte sie die Aggressionen unter den Gästen. Sie mahnte, damit mache man sich das Leben unnötig schwer und verhalte sich wie im Kindergarten.
Darius fügte hinzu:

nur noch eins:
"gesegnet sind die friedfertigen, den sie werden gottes kinder sein:)!!!"
der nahe osten + u.s.a. sollten sich diesen spruch mal zu herzen nehmen, falls ihre hirne imstande sind, "ES" zu verstehen.
an dieser stelle möchte ich einen meiner lieblingskünstler zitieren (sten):
"... schlechtes vorbild ist der NEID:(!!!!!"
p.s. und falsche eitelkeit!

Darius zitiert hier Sten auch insofern, als er auf dessen ehemaliges Musik-Projekt "ES" anspielt, das Nachfolgeprojekt von "Xrossive".
Sten ist noch immer für beide da, für Rafa und für Darius, denn beide geben ihm Aufträge.
Tyra erklärte mir, was es mit dem von "R.T." erwähnten Mundschutz auf sich hatte. Rafa ist zu SARS-Zeiten mit einem Mundschutz in den "Keller" gegangen. Er trug auf einer Schulter einen Aufnäher mit dem Schriftzug "SARS". Das sollte wohl ein Witz oder eine Performance sein.
Am Nachmittag fuhr Tyra nach SHG., weil sie im "Keller" saubermachen mußte. Sie verdient dort ein wenig Geld, um die Zeit ihrer Arbeitslosigkeit zu überbrücken. Ich kaufte ein, räumte die Wohnung auf, machte Zwiebelkuchen und stellte den Elektrogrill auf den Balkon. Die meisten Gäste kamen zu meiner Grillparty erst nach zwanzig Uhr, und das war mir sehr recht, hatte ich doch Mühe, die Vorbereitungen zu schaffen.
Terry brachte eine Spezialität zu der Party mit, die so gut ankam, daß sie restlos alle wurde: Wodka Türkisch Pfeffer. Terry hatte Lakritzbonbons mit Salmiakfüllung, die "Türkisch Pfeffer" heißen, in einer Flasche Wodka aufgelöst. Diese Spezialität kennt das Internet unter Bezeichnungen wie "Betontod" und "Dachpappe".
Odette und Quentin brachten ihren Sohn Darren mit, der im August zur Welt gekommen ist. Rixa, Constri und Odette führten angeregte Gespräche unter Müttern.
Rikka erzählte, daß sie im Kleiderlager zur stellvertretenden Abteilungsleiterin befördert wurde. Das bedeutet für sie etwas mehr Gehalt und viel Bestätigung. Sie sieht sich belohnt für ihren Einsatz und ihre Zuverlässigkeit.
Um halb eins fuhren Constri, Brinkus und ich zum "Zone". Wir trafen dort viele Leute, auch Tyra. Tyra berichtete, daß Wave sie im Laufe des Abends dreimal angerufen hatte, zuerst um halb sieben. Er war betrunken und erzählte, er habe gemeinsam mit einundzwanzig Fans einen Reisebus gemietet, und sie seien zu dem Konzert von W.E nach Wien gefahren.
"Das habe ich nur gemacht, weil ich das schon vor Monaten so verabredet habe", rechtfertigte sich Wave.
Gegen halb neun rief Wave wieder an und berichtete, man habe ihn soeben hinausgeworfen, weil er an die Bar gehen wollte, die für die Band reserviert war.
Gegen halb zehn berichtete Wave, man habe ihn schon wieder hinausgeworfen, weil man ihn an der Pforte nicht mehr sehen wollte, er sei den Türstehern zu sehr auf die Nerven gegangen. Im Übrigen sei die Band noch gar nicht vor Ort, denn sie verspäte sich um sechs Stunden. Rafa war tags zuvor in Bern aufgetreten, und es war Urlaubszeit, also könnte es einige Staus gegeben haben.
"Wave schafft es immer wieder", seufzte Tyra. "Vorhin hat er schon wieder vom Schlußmachen geredet, also daß er sich umbringen will. Ich bin aber nicht darauf eingegangen."
"Das war wohl auch besser so."
Im großen Saal des "Zone" lief allerlei Gemäßigtes aus der Wave- und Gothic-Szene, auch "1000 weiße Lilien" von Rafa war dabei. Im kleinen Saal - der mit dem Beichtstuhl - gab es Musik im Mittelalter-Stil, und im hintersten Saal, der auch nicht eben groß ist, lief Musik mit dem Schwerpunkt Industrial und Elektro, und dort waren wir meistens. T.D. spielte äußerst tanzbare Musik. Darunter waren düstere Brachial-Beats wie in "Genetic Imperialism" von Winterkälte und vorantreibende Rhythmen wie in "Mr. 29 (feat. Ambassador 21)" von KiEw, also von T.D.
Max war auch im "Zone". Ich erkundigte mich, was für Pläne er in Sydney habe. Er erzählte, daß er Politikwissenschaften und Soziologie studieren werde. Ich fragte ihn, welches Berufsbild er nach dem Studium anstrebe.
"Bundeskanzler werden", antwortete Max.
"Wie planst du denn den Weg dahin?" fragte ich und verbot mir, laut loszulachen.
"Einfach mich wählen lassen und Bundeskanzler werden", erklärte Max mit größter Selbstverständlichkeit. "Und dann alles richtig machen, was die jetzt falsch machen."
"Um Bundeskanzler zu werden, mußt du dich ja erstmal in einer Partei zum Spitzenkandidaten wählen lassen."
"Ich gründe meine eigene Partei."
"Und von der läßt du dich dann aufstellen, und dann wirst du Bundeskanzler."
"Ja."
"Hast du denn schon einen Namen für die Partei?"
"Nein."
Ich wollte Max eben nach dem Parteiprogramm fragen, als "Land of the free" von Die Warzau kam, eine Perle des Old School EBM, und ich lief zur Tanzfläche.
Es folgten noch andere sehr tanzbare Stücke, darunter "Maniacal" von Frontline Assembly, "Skullfuck" von Modulate, "Get your body beat" von Combichrist und eine redundant-fließende, sehr rhythmusbetonte Version von "Born slippy" von Underworld.
Max hat bei mir seinen Spitznamen weg: "Narzißten-Maxe". Aber ich bin rücksichtsvoll genug, um ihn nicht damit anzureden.
Am Sonntag rief Tyra an und berichtete, sie habe Darienne im Forum "Schwarzes SHG." eine Message geschickt. Tyra schickte mir eine Kopie der Message. Sie lautete folgendermaßen:

Hallo Darienne,
"Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Kuss, mein Schatz"
So oder ähnlich war mein "Nachtkuss"- Gästebucheintrag vor einiger Zeit.
Du hast mich da völlig missverstanden, und ich denke, ich bin dir eine Erklärung schuldig. Denn im Nachhinein fällt mir auf, dass ich es an deiner Stelle genauso falsch verstanden hätte. Es war so ...
Ich hatte zu dieser Zeit gerade einen neuen Freund, Bruce. Rafa hatte uns zusammen gesehen und hat mich darauf hin total blöde angemacht. Ich würde mit dem letzten Vollidioten durchbrennen usw. Was ich nicht bestreiten will, ist, dass Bruce ehrlich nicht der Hübscheste ist ...
Na ja, aber ich mochte ihn, und in der Zeit hat er mir halt gut getan. Also antwortete ich im Gästebuch eben mit diesem Eintrag. Und "Kuss mein Schatz" war an dieser Stelle ironisch zu verstehen. EHRLICH! Und ehrlich möchte ich auch weiterhin sein, also:
Rafa glaubt wahrscheinlich, dass ich ihn noch immer liebe. Der Gedanke wäre auch nicht besonders weit hergeholt, denn ich schrieb ihm vor etwa 1-2 Monaten einen letzten Brief, in dem ich mehr oder weniger "Abschied" nehmen wollte. Ich habe ihm ALLES gesagt. Ausnahmslos.
Wie ich mich gefühlt habe, was ich durchgemacht hatte und an welcher Stelle ich zu diesem Zeitpunkt stand.
Am Ende habe ich ihm geschrieben, dass er mir helfen solle, auf mich aufzupassen. Damit meinte ich zum Beispiel, dass seine nächtlichen Anrufe und Einladungen zu ihm nach Hause und Kuscheleinlagen aufhören müssen. Ich weiss nicht, ob er das verstanden hat. (Sag du's ihm nochmal.)
Es stimmt, ich habe von "ich liebe dich noch immer" gefaselt. Heute, hier und jetzt bin ich mir 1000% sicher, dass das nicht so ist. Im Gegenteil. Ich bin einer Illusion nachgejagt.
Der Wunsch, mit ihm mein Leben zu teilen, an seiner Seite alt zu werden, ist längst verflogen. Ich will ihn gar nicht wiederhaben. IM ERNST!
Ich hatte ihn geliebt, und er hat mich kaputt gemacht. ES IST ENDLICH VORBEI! Und nachdem ich ihm den Brief gegeben hatte, war ich nicht eine Sekunde mehr traurig. Ganz im Gegenteil, ich bin total befreit.
Ich glaube, es musste einfach alles mal gesagt werden, um dieses Buch endlich zuzuschlagen und zu verbrennen ...
EHRLICH, Dari. Und wenn du magst, dann frag ihn nach dem Brief, vielleicht gibt er ihn dir, und du kannst dich selber vergewissern. (Ansonsten hab ich auch noch ein Exemplar ...)
Tut mir leid, wegen des Eintrages. Ironie war dort wohl am falschen Platz.
So, was ich noch sagen wollte:
Es ist mir einfach wichtig, ECHTEN, WAHREN FRIEDEN mit dir zu schließen. So, wie ich es auch mit Berenice getan habe, die heute übrigens eine gute Freundin von mir ist. Sie hat mir verziehen. Sie meinte, es sei Rafas Entscheidung gewesen, sie mit mir zu betrügen, schließlich wusste ich anfangs nicht einmal, dass er eine Freundin hatte ... Dieses Verhalten hat mich wach gemacht. Mir wurde klar, dass du vielleicht wirklich gar nicht wusstest, dass Rafa und ich seit 3 Jahren was hatten und seit Oktober 2004 zusammen waren, was er heute sogar noch teilweise verleugnet ...
Es ist einfach schwachsinnig, dir die Schuld zu geben. Es war seine Entscheidung. Und du warst nur verliebt, so wie ich damals.
Ich möchte das Kriegsbeil zwischen dir und mir ein für alle Male aus dem Weg schaffen.
Schließlich hassen wir uns NUR wegen eines MANNES!
Es gibt keinen Grund mehr, aufeinander wütend zu sein. Finde ich jedenfalls.
So, ich hoffe, du nimmst diese Message ernst und fühlst dich nicht von mir zugesülzt. Denn wann sonst gibt denn die liebe Seele endlich Ruh?
Lieben Gruß,
Tyra

Per SMS teilte Tyra Darienne mit, daß sie ihr eine Message geschickt hatte. Dariennes Antwort fiel sparsam aus:

Wieso????? Willst du dich mal wieder einschleimen und Geschichten erzählen? *gg*

Tyra wollte antworten, daß sie keineswegs Geschichten erzählte, sondern die Wahrheit. Sie ließ es dann aber, weil sie sich nichts davon versprach.
"Es hätte auch keinen Sinn gehabt", meinte ich. "Du hast alles getan, was du tun konntest, um deiner moralischen Grundhaltung treu zu bleiben. Mehr kannst du nicht tun."
"Die Formulierung in der SMS hat sie auch von Rafa abgeguckt", vermutete Tyra. "Rafa sagt ja, er haßt 'Geschichtenerzähler' und 'Leute, die sich einschleimen'."
Hierzu fällt mir Anwar ein, der Rafa nach dem Mund redet. Und mir fallen die Lügengeschichten ein, die Rafa von sich zu geben pflegt.
"Darienne will nicht wahrhaben, daß Rafa sie betrügt", meinte ich, "deshalb läßt sie niemanden zu Wort kommen, der ihr die Wahrheit erzählen könnte. Sie drückt ja inzwischen auch Joujou weg, wenn sie sie anruft."
"Was, sie drückt Joujou weg?"
"Ja, das hat sie in den letzten Monaten immer getan", wußte ich. "Sie kümmert sich so gut wie gar nicht mehr um ihre Freunde."
"Aber das geht doch nicht."
"Das geht ja auch irgendwann nicht mehr. Sie ist aber an allem, was ihr jetzt zustößt, selber schuld. Ihre Charakterlosigkeit, ihre Arroganz und ihr haßerfülltes Wesen machen es unmöglich, ihr zu helfen. Sie entwertet die gesamte Menschheit, weil sie hofft, sich dadurch aufwerten zu können. Das ist ein Hinweis darauf, daß sie sich der gesamten Menschheit unterlegen fühlt. Ich denke, Joujou hat sich auch deshalb so sehr um Darienne gekümmert, weil sie sie als kleine Schwester wahrgenommen hat, als Schützling. Wie schlecht Dariennes Charakter ist, merkt Joujou erst jetzt."
Tyra berichtete, Wave habe sie wieder angerufen und erzählt, daß er Rafas Konzert in Wien dann doch noch gesehen hat, ja noch mehr - er hat gemeinsam mit den anderen Fans, mit denen er sich den Reisebus geteilt hat, lauter Papierflieger gebastelt, auf denen steht:
"Wir sind der Hörerclub DD. Wir schubsen nicht, wir hauen."
Die Fans warfen die Flieger auf die Bühne, während Rafa und seine Bandmitglieder ihre eigenen Flieger ins Publikum warfen. Rafa soll sich mächtig geschmeichelt gefühlt haben.
Am Montagabend war ich in der Stadt zum Einkaufen. Mir begegnete Brandon. Er berichtete, er stehe kurz davor, eine überfällige Entscheidung zu treffen. Er habe eingesehen, daß seine jetzige Beziehung nicht das Richtige für ihn sei und daß er sich besser trennen sollte. Er habe sich lange Zeit etwas vorgemacht. Konstantin Wecker habe schon gesungen, daß es eine Vielzahl von Kniffen gibt, sich selbst zu belügen.
Als ich erzählte, daß ich versuche, mir selbst gegenüber so ehrlich wie möglich zu sein, erwiderte Brandon, er schätze gelegentliche Phasen des Selbstbetrugs, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was ihm wirklich fehle.
"Um zu wissen, was ich mir wünsche, brauche ich mich nicht zu belügen", entgegnete ich.
Brandon studiert Soziologie. Er hat sich bezüglich seines späteren Berufsbildes noch nicht festgelegt.
Schon seit längerer Zeit ist Brandon nicht mehr nachts weggegangen.
"Dann vereinsamt man", meinte ich.
Brandon konnte das bestätigen. Er meinte, es werde Zeit, sich wieder aufzuraffen und unter Menschen zu gehen.
In der Nacht zum Tag der deutschen Einheit war ich in OS. im "Vanity". Les warf hinterm DJ-Pult freudig die Arme in die Höhe, als er mich sah.
Heloise und Barnet berichteten, über eine Stunde lang sei die Musik nur mittelmäßig gewesen. Erst jetzt, nach zwei Uhr, sei die Musik wieder besser geworden. Mich empfingen hinreißende Industrial- und Elektro-Rhythmen.
Die fünfzehnjährige Felicity ist dabei, ihren eigenen Stil zu finden. Heloise und Barnet ist es wichtig, sie dabei nicht zu behindern. Zur Zeit interessiert sich Felicity für Punkrock und Japan-Rock. Die J-Rock-Ikonen Moi dix mois sind aber nicht ihre Hauptfavoriten.
Die Dekors, die Felicity besonders schätzt, gehören zu dem plüschbesetzten Manga-Stil mit gürtelkurzen Röckchen und Bonbonfarben, wobei jedoch Schwarz dominiert.
Makabre Niedlichkeit beherrscht die Underground-Szene-Welt. Die Achtziger-Jahre-Kinder-Schreibwaren-Marke "Hello Kitty" hat sich der erwachsen gewordenen Szene-Kundschaft angepaßt; es gibt das "Kitty"-Katzengesicht auch als bös dreinblickenden Totenschädel oder als Teufelchen, zu sehen auf Abendtäschchen, Rucksäcken und anderen Utensilien. Gleich geblieben ist über die Jahre, daß sich fast ausschließlich Mädchen und Frauen mit der Katzenfigur schmücken.
Les stellte mir seinen neuen Freund vor, der Fabio heißt. Er kennt mich vom Sehen.
"Elektro-Cat", sagte Fabio.
"Ja", nickte ich.
In einem Online-Musikportal entdeckte ich einen Artikel über Revivals der achtziger Jahre, in dem es unter anderem heißt:

Da wird stil-, zusammenhang- und ziellos die Geschichte geplündert. Man tanzt und feiert VW Käfer, 8-mm-Kameras und Starfighter-Tote. Trallala. Piep piep. Ein Königreich für einen C=64-Sound! Den kann man mit stolzgeschwellter Brust präsentieren. Ein passender Sound macht doch viel weniger her!
Nein, ich habe nichts gegen Geschichtsbewußtsein, wohl aber gegen Geschichtsverschleierung. Und gegen Stagnation. Wer permanent alten Zeiten nachhängt, verpaßt unglaublich viel Spannendes und Neues und wird sich eines Tages darüber ärgern.

Die Anspielungen auf W.E, die sich erklärtermaßen an den achtziger Jahren orientieren, sind deutlich.
Mitte Oktober berichtete Tyra am Telefon, das Wochenende bei Berenice in ER. sei wundervoll gewesen. Sie hätten sich unendlich viel zu erzählen gehabt und sich ausgezeichnet verstanden. Auch mit einer Fotostrecke hätten sie begonnen.
"Aber wir haben noch nicht sehr viele Bilder gemacht", setzte Tyra hinzu, "wir mußten erst einmal uns selbst finden. Wir waren vor allem damit beschäftigt."
"Das kann ich gut nachvollziehen."
Tyra meinte, mit Rafa sei sie "sowas von durch", den wolle sie ganz bestimmt nicht mehr.
"Er ist überall", klagte sie und bezog das auf Rafas Medienpräsenz, denn er und sein Label machen reichlich Werbung für sein neues Album.
Für eine Woche erreichte das Album Platz 77 der Charts von Media Control.
"Es liegt daran, daß die Fans so lange auf das Album gewartet haben", meinte ich. "Die Fans haben das Album auf einen Schlag weggekauft, da führt das schon mal zum 77. Platz bei Media Control."
Berenice schrieb über das Wochenende mit Tyra in ER.:

Es war ein wunderschönes, entspanntes und interessantes Wochenende! Wir waren viel aus, Tyra hat gesungen und nette Menschen kennengelernt, wir haben Photos gemacht für eine Slide-Show für die Bühne :) War schön!!!

Die Foto-Lovestory gefiel Berenice. Als ich ihr von der "Dienstagsgeliebten" Shania erzählte, erkundigte sie sich nach Einzelheiten. Mehr und mehr Geschichten tauchen auf, die Rafa nebenbei laufen ließ, während er mit Berenice liiert war. Berenice meinte dazu:

Es ist kein schönes Gefühl, von Rafa jahrelang in einem (goldenen?) Käfig eingesperrt worden zu sein, seine Lügen als Realität gesehen zu haben, aber in Wirklichkeit nur angelogen worden zu sein - und jeder scheint die Wahrheit gekannt zu haben außer mir ;) Wenigstens jetzt möchte ich die Wahrheit kennenlernen :)

Ich erzählte, was Tyra über Shania wußte. Berenice schrieb:

Das, was ich nach meiner Trennung über Rafa erfahren habe, trenne ich mittlerweile von dem Menschen, den ich kannte. Es sind zwei so völlig verschiedene Welten :( Wenn ich über den Mann schlecht rede, dann über den, den ich nie kennengelernt habe. Meine Trennung hatte ja so ganz andere Gründe ... Was Du mir schreibst oder z. B. Tyra mir erzählt, kann ich nie mit meinem Ex in Verbindung bringen. Es berührt mich auch kein bißchen - ob das Selbstschutz ist? Ich weiß es nicht ... Tyras Schicksal hat mich stark mitgenommen - aber nie die Tatsache, dass ich mit einem solch schlechten Menschen fast acht (!!!) Jahre zusammen war.
Daß Anwar seine Freundin Oriana betrügt, hat Rafa ja "unter dem Siegel der Verschwiegenheit" öfter mal erzählt, aber DIESE Variante hat er verheimlicht ;)
Ich hätte doch mal ab und an heimlich Rafa besuchen sollen. Einmal bin ich mit meiner damaligen Freundin Tamira in SHG. ausgegangen und habe so davon erfahren, dass er was mit Dahlia hatte in der Zeit, wo ich Schluss gemacht hatte. Dass es sich nicht nur auf diese Zeit beschränkte, kann ich mir heute denken ;) Als ich Rafa zur Rede stellte, hatte ich einen Zusammenbruch, nachdem er es gestanden hat - ein Wochenende lang haben wir zusammen im Bett gelegen und geheult, geheult, geheult, er genauso wie ich. Am Montagmorgen war ich dann wieder mit ihm zusammen. Das war 1999 oder so ...

Ich schrieb:

Erst nach und nach erfahre ich, mit wem Rafa wen betrogen hat und wann. Rafa ist eben geschickt im Geheimhalten, und er kann andere dahingehend manipulieren, daß sie ihn decken.

Berenice schrieb:

Ja, geschickt ist er!!!

Ich schrieb:

Was mir auffällt, ist, daß einige Fans Reißaus nehmen, wenn sie Rafa persönlich kennenlernen, mit seinen Schattenseiten.

Berenice schrieb:

Ja, das kann ich nur bestätigen! Die meisten, Ausnahmen gibt es, können ihn nicht leiden, wenn sie ihn kennenlernen.

Joujou mailte, sie habe viele positive - und ausschließlich positive - Resonanzen zu der Foto-Lovestory bekommen. Auch ich bekam viele und nur positive Rückmeldungen. Die Geschichte scheint nicht nur diejenigen anzusprechen, die mit Rafa ihre persönlichen Erfahrungen gemacht haben. Vielmehr scheint es gelungen zu sein, auf allgemeiner Ebene einen geltungssüchtigen Frauenhelden und seine Opfer darzustellen.
Meine Cousine Lisa erzählte am Telefon, daß ihr Bruder Garret für eine Woche allein in Wien war und dort vermutlich seine Medikamente nicht eingenommen hat. Die Psychose brach wieder durch, ein neuer Krankenhausaufenthalt war die Folge. Garret soll nach wie vor keine ausreichende Krankheitseinsicht haben und an religiösen Wahnvorstellungen leiden.
"Meine Eltern sind völlig fertig", berichtete Lisa. "Die können nicht mehr. Ich habe ihnen schon gesagt, daß sie zu einer Beratungsstelle für Angehörige psychisch Kranker gehen sollen."
Irmin scheint allmählich klar zu werden, daß sein Sohn Garret mit dem Haus, das er ihm vermacht hat, überfordert ist. Irmin ist dabei, die Schenkung rückgängig zu machen, um für die Familie das Haus zu erhalten. Garret hatte mehrfach betont, er werde das Haus auf jeden Fall verkaufen und das Geld einer christlichen Vereinigung spenden.
Am Donnerstag war ich mit Constri auf dem Hexentanzplatz. Wir fuhren mit der Kabinenbahn hinauf. Oben folgten wir der Felsenkante am Rand des Bodekessels. Wir kletterten auf einen wild zerklüfteten Felsvorsprung, umstanden von Wald. Der kahle Felsblock auf dem Vorsprung erlaubte eine halsbrecherische Aussicht in den Abgrund. Constri kletterte mit ihrer Kamera auf den Felsblock und sagte immer wieder:
"Ich habe Höhenangst."
"Du hast keine Höhenangst", entgegnete ich, "sonst wärst du nicht hier oben."
Die dreieinhalbjährige Denise nehmen wir auf unsere Seilbahn- und Felskanten-Ausflüge noch nicht mit; wir finden das zu gefährlich. Wenn sie älter ist, darf sie mitkommen.
Constri erzählte, daß Denise glaubt, wenn sie sich die Augen zuhält, ist sie unsichtbar - ein Phänomen, das viele Kleinkinder zeigen. Holt Denise sich Süßigkeiten aus der Küche, obwohl Constri es ihr nicht erlaubt hat, kann es sein, daß Denise argumentiert:
"Aber ich habe es doch nur heimlich gemacht."
Einmal bat Denise:
"Mama, kannst du mich im Auto einschließen, damit ich heimlich Gummibärchen essen kann?"
Am Samstag war ich im Bunker, wo Lucas und sein Zwillingsbruder Fionan ihren 26. Geburtstag feierten. Ein Mädchen namens Deidara erzählte von Roman, dem Sonderling in nostalgischer Garderobe, der zeitweise mit einer Ente unterwegs war. Roman habe sich eines Nachts im "Verlies" in Deidara verliebt und sie nach Hause gefahren. Mittags sei er schon wieder bei ihr gewesen, unangemeldet, mit einer riesigen Tüte Backwaren, gerade als hätte er einen Bäckerladen leergekauft.
"Der findet das Maß nicht", meinte ich. "Der kann sich nicht in andere Menschen hineinversetzen."
Das bestätigte Deidara. Ihr war es alles andere als recht, am Sonntagmittag "überfallen" zu werden. Unter anderem störte es sie, weil sie geradewegs aus dem Bett kam, mit dem hilfreichen, aber wenig zierenden Nacht-Makeup.
"Eben, Frauen mögen es nicht, wenn sie unangemeldeten Besuch bekommen", konnte ich nur beipflichten. "Sie wollen nicht aus dem Bett geholt werden, ohne die Möglichkeit, sich zurechtzumachen. Manche Männer denken, die Frauen wären freudig überrascht und würden ihnen zu Füßen liegen, wenn sie unangemeldet auftauchen, aber das ist bestimmt nicht so."
Revil erzählte, Roman habe über mich gesagt, ich würde wie der Teufel Auto fahren.
"Das muß der gerade sagen, mit seiner Ente", seufzte ich. "Der kam doch nur nicht damit klar, daß ich ein Tempo gefahren bin, das er mit seiner Ente nicht erreichen konnte."
Revil konnte dazu eine Geschichte beisteuern. Er habe mal den Fehler gemacht, bei Roman in dessen Ente mitzufahren. In den Kurven sei die Ente auf zwei Rädern gefahren. Er sei froh gewesen, heile anzukommen.
Lucas' jüngster Bruder Flores, viertes Kind und Nesthäkchen der Familie, erzählte von der Geschichte des Bunkers. Der Bunker gehöre der Stadt und sei gepachtet, nicht gemietet. Jede bauliche Veränderung sei der Familie erlaubt, wenn sie vorher von einem Statiker abgesegnet werde. Nach dem Krieg hätten die Aliierten Löcher in den Bunker gesprengt, wodurch die großzügigen Fensteröffnungen entstanden seien. Eines der Löcher befinde sich in der Küchenwand und sei provisorisch zugemauert worden. Die Küche sei eng und klein gewesen, bis der Vater mit seinen Söhnen die provisorische Mauer mit dem Vorschlaghammer niedergerissen habe. Heute gehört zu der Küche ein Anbau, dessen Wände zum Teil durch die einen Meter dicke Bunker-Betonwand gebildet werden. Der Anbau macht die Küche größer und heller.
Tyra erkundigte sich, ob sie im 32. Kapitel von "Im Netz" vorkommt, an dem ich zur Zeit arbeite. Ich erzählte ihr von dem blondgelockten Mädchen, das ich Anfang April 2004 im "Mute" beobachtet habe und das offensichtlich mit Rafa weggefahren ist, auch wenn Edaín überzeugt war, Rafa sei mit Ivco und Dolf weggefahren. Ich sei damals sicher gewesen, daß Rafa mit dem blondgelockten Mädchen wegfuhr und daß er mir ihr - wie es seinem Naturell entspricht - auch etwas hatte.
"Das Mädchen war ich", bestätigte Tyra. "Ich hatte damals schon über ein Jahr lang etwas mit Rafa. Und Rafa ist wirklich mit mir gefahren. Ivco und Dolf waren schon weg. Rafa war ja auch mit mir ins 'Mute' gekommen. Zwei Freundinnen von mir waren auch noch dabei, die sind aber auch schon eher weggefahren."
"Daß deine Freundinnen dabei waren, war gut, dann hattest du wenigstens Geselllschaft", meinte ich. "Rafa war ja in der Nacht fast nur am DJ-Pult, der ist ja fast nie unter die Leute gegangen."
Ivco soll von Tyras Verhältnis mit Rafa gewußt haben, es jedoch Berenice und allen anderen verschwiegen haben.
Am Freitag war ich mit Tyra im "Roundhouse". Vorher tranken wir bei ihr Tee. Sie erzählte von einem Verehrer namens Octavian, der in N. lebt und ihr schwülstige E-Mails schreibt. Octavian hatte mit Tyra ein Treffen geplant, doch er hielt sich an keine Abmachungen.
"Aus Erfahrung sage ich: Auf den kannst du dich nicht verlassen", war ich sicher. "Wenn der schon bei eurer ersten Verabredung nicht in der Lage ist, Versprechen zu halten, wird er sich auch in anderen Situationen der Verantwortung entziehen."
"Nimm mir doch nicht alle Hoffnungen", klagte Tyra. "Er hat so eine nette E-Mail geschrieben ..."
Sie zeigte mir die E-Mail, in der Octavian schwärmt, eine spirituelle Fügung habe ihre Körper aufeinander zugeführt und seine Lippen an die ihren geführt und dergleichen mehr. Ich mußte lachen.
"Oh, jetzt lachst du ihn aus!" beschwerte sich Tyra.
"Das ist nur, weil ich dieses Zeug kenne", erklärte ich. "So schreiben viele andere Verehrer auch. Das klingt wie eine Masche. Das wirkt nicht persönlich auf mich."
"Ich fand das gerade persönlich."
"Na ja, ich kenne solche Formulierungen halt. Es wirkt auf mich wie eine Selbstinszenierung, nicht wie ein persönlicher Brief. Octavian ergeht sich in pseudophilosophischen Ergüssen ..."
"Ach, du bist immer so ..."
"... nüchtern. Ja.
'Wie zwei Planeten kreisen wir umeinander in den Weiten des Sonnensystems, zwei Universen berühren sich, es muß Schicksal sein!'
Sowas kann ich auch!"
Tyra berichtete, daß Rafa sie am vergangenen Dienstag anrief, abends um halb zehn. Er erzählte, Xenon habe Geburtstag, man sitze bei ihm, und ob sie nicht auch vorbeikommen wolle und ein Vitamalz mittrinken?
Tyra erwiderte, sie habe keine Zeit. Sie sitze im Internet-Café und schreibe an Berenice.
Als Rafa bat und bat, fragte Tyra ihn, warum er nicht seine Freundin herbestellte.
"Die hat keine Zeit", behauptete Rafa.
"Ach, und jetzt muß ich wieder herhalten", ergänzte Tyra.
"Mensch, ich frage dich nur, ob du zu Xenon kommen willst und ein bißchen mit uns feiern", versuchte Rafa, ihr Mitleid zu erregen.
Das klappte. Tyra empfand tiefes Mitgefühl. Rafa erschien ihr wie ein armer, einsamer Mensch, um den man sich kümmern mußte.
"Jetzt geht es nicht", teilte Tyra ihm mit. "Bist du denn heute nacht noch in der Stadt?"
"Kann sein."
"Vielleicht sieht man sich da ja noch."
Tyra ging nachts nicht mehr aus. Rafa rief sie noch zweimal an, mitten in der Nacht. Tyra schlief schon und hörte das Telefon nicht, erst am anderen Morgen sah sie auf dem Display, daß Rafa sich gemeldet hatte.
"Rafa hat mich immer so gekriegt", sagte Tyra über das Telefongespräch mit ihm. "Ich hatte das Gefühl, er ist so arm und einsam, und ich muß mich um ihn kümmern."
"Da hättest du ihn darauf ansprechen können, wie gemein er zu dir war bei eurem letzten Telefongespräch."
"Ach, sowas vergesse ich in solchen Situationen immer."
"Gerade dann, wenn er dein Mitleid erregt, wäre es aber besonders wichtig, daß du dich daran erinnerst, wie gemein er schon zu dir war, und daß du auch ihn daran erinnerst."
Als ich Tyra darauf ansprach, daß Rafa öfter mit offenem Hosenstall auf der Bühne steht, bestätigte sie:
"Das stimmt, er hat auf der Bühne oft den Hosenstall auf. Ich habe auch schon mal zu ihm gesagt:
'Wär gut, wenn du mal deine Hose zumachen würdest.'
Da hat er gesagt:
'Wieso, ist doch egal.'"
"Daß er sich damit lächerlich macht und daß das peinlich wirkt, das ist ihm wohl auch egal", vermutete ich.
Tyra findet auch die W.E-Fan-T-Shirts peinlich, die Morsezeichen auf dem Rücken tragen. Diese Zeichen bedeuten nämlich nichts anderes als:
"Ich will dich f..."
"Und sowas ziehen sich die Leute an", seufzte Tyra.
Das Design der T-Shirts bezieht sich auf das Stück "Telegraf" auf Rafas neuem Album. In dem Stück singt Rafa, es gebe nur eine Formel, die Welt zu retten. Dann sind Morsesignale zu hören, und die bedeuten nichts anderes als:
"Ich will dich f..."
"Das ist Rafas Botschaft an die Menschheit", folgerte ich. "Das ist es, was er der Welt zu sagen hat:
'Ich will dich f...'
So ist es ja wirklich, nur vermute ich, daß es sich um unfreiwillige Selbstironie handelt."
Ich meinte, wenn es wahr sei, daß Rafa nur selten sein Bettzeug wechselt, hätten Tyra und Berenice immer abwechselnd in derselben Bettwäsche etwas mit Rafa gehabt.
"Hat dich das nicht geekelt?" fragte ich Tyra.
"Ich habe immer meine eigene Decke mitgebracht", erzählte Tyra. "Ich hatte eine Flauschdecke und eine Wärmflasche dabei, weil ich ja immer Blasenentzündung hatte. Berenice hatte damals auch immer Blasenentzündung. Am Wochenende hat sie zu mir gesagt:
'Ich glaube, unsere Bazillen haben sich nicht verstanden.'
Genau das hatte ich auch gedacht, und nun hat sie es ausgesprochen."
"Und jetzt hat Darienne dauernd Blasenentzündung, weil sie mit Rafa zusammen ist."
"Woher weiß du denn, daß sie dauernd Blasenentzündung hat?"
"Von Joujou, und die weiß es direkt von Darienne."
"Ach, stimmt", fiel es Tyra wieder ein. "Sowas vergesse ich immer."
"Darienne hat doch vor einem Jahr eine SMS an Rafa geschrieben ..."
Tyra erinnerte sich noch an den Text der SMS. Darienne hatte geschrieben:

Nachdem ich zwei Liter getrunken habe, ein Bad genommen habe und mir den Finger in die M... gesteckt habe, werde ich noch kurz an dich denken und dann schlafen gehen.

"Wie eklig", erschauerte ich.
"Sie schreibt das nur, weil Rafa sowas hören will", war Tyra sicher. "Ich habe damals so vieles nur gesagt, weil Rafa das hören wollte."
"Ach, du meinst, sie hat sich gar nicht ...?"
"Nein."
Rafa soll inzwischen gar kein Bett mehr haben. Er habe sein Bett weggeworfen. In seinem Schlafzimmer gebe es nur noch ein Klappsofa. Er schlafe abwechselnd im Keller auf dem klammen, hygienisch bedenklichen Sofa und oben auf dem Klappsofa.
Tyra erzählte, daß sie Rafa zuliebe ein breites Bett angeschafft habe, doch nun sei es ihr zu breit. Sie brauche keinen Platz mehr für Rafa.
Auf dem Weg zum "Roundhouse" lief "Schneemann" im Kassettendeck, das Stück, das Rafa 1993 für mich gemacht hat. Tyra kannte "Schneemann" noch nicht - und das, obwohl sie jahrelang fast jeden Tag mit Rafa verbracht hat. Dies stützt meine Annahme, daß Rafa das Stück meidet. Bei Konzerten läuft es ohnehin nie, obwohl viele Fans im W.E-Forum es immer wieder auf ihre Wunschlisten für Auftritte setzen. Rafa hat das Stück auch nie auf einem W.E-Tonträger in voller Länge veröffentlicht, nur auf einem Sampler ist es zu hören. Ebenso verhält es sich mit "Ganz in Weiß", das nur auf einem Sampler veröffentlicht wurde und nur 1993 bei einigen Auftritten gespielt wurde, obwohl es heutzutage immer wieder in den Wunschlisten der Fans auftaucht.
"Schneemann" und "Ganz in Weiß" gehören zu den wenigen Stücken von Rafa, die mir uneingeschränkt gefallen. Sie stammen aus einer Zeit, als Rafa stilistisch noch weniger festgelegt war und damit kreativer und experimentierfreudiger.
Tyra war von "Schneemann" begeistert. Sie bat mich, ihr dieses und die Stücke des Tapes "Es ist an der Zeit ..." von 1993 zu brennen.
"Rafa standen damals noch mehr Möglichkeiten offen", meinte ich. "Es war nicht vorhersehbar, in welche Richtung er sich entwickeln würde. Leider hat er von allen Möglichkeiten, sich zu entwickeln, immer die ungünstigste ausgesucht."
Tyra meinte, durch sein überhebliches Auftreten wolle Rafa vertuschen, daß er beruflich versagt habe.
"So ist es", stimmte ich zu. "Und anstatt sich das einzugestehen und zu retten, was zu retten ist, wird er immer aggressiver und paranoider. 1993, als er zweiundzwanzig war, hat er mir vor seiner Haustür verschämt gestanden, daß er noch bei seiner Mutter wohnt. Dabei ist das in dem Alter noch durchaus normal. Und er hat mir erzählt, daß er Kunst studieren wollte, das sei sein Traum."
"Ach, deshalb lästert er immer über die Leute, die studiert haben", deutete Tyra. "Er hat gesagt, ich soll bloß nicht studieren, denn Leute, die studiert haben, seien so abgehoben, und er wollte nicht, daß ich so abgehoben werde."
"Er ärgert sich, weil er selber nicht studiert hat", ergänzte ich. "In seinem Leben stagniert alles. Er ist nicht in der Lage, eine Familie zu gründen und zu ernähren, er übernimmt für nichts und niemanden Verantwortung. Und seine Kreativität nimmt immer weiter ab. Ein Musiker, der außer Musik machen nichts anderes zu tun hat, müßte es eigentlich schaffen, jedes Jahr ein Album und eine MCD herauszubringen. Das hat Rafa in den ersten Jahren auch noch geschafft. Aber ab 1997 brach das weg. Die Abstände zwischen den Alben sind immer größer geworden. Erst wurden es zwei Jahre, dann dreieinhalb Jahre und jetzt viereinhalb Jahre."
"Was, viereinhalb Jahre hat das gedauert?"
"Ja. Nur die MCD's schafft er immer noch jährlich. Vielleicht liegt das daran, daß er dafür kein Booklet machen muß."
"Nein, daran liegt es nicht", meinte Tyra. "Die Booklets machen ihm doch Spaß. Daß er fast nur noch MCD's herausbringt, liegt daran, daß ihm nicht genug Titel für ein Album einfallen."
Im "Roundhouse" trafen wir Joujou, Marvel, Yara und Max. Ich erkundigte mich bei Max, welches Programm er vorgesehen hat für die Partei, die er gründen will, um Bundeskanzler werden zu können.
"Den Leuten die Wahrheit sagen und 19 % Einkommensteuer für alle", antwortete Max nach kurzem Überlegen.
Mehr wollte er nicht ins Detail gehen.
Tyra erzählte, daß sie Rafas ehemalige Sängerin Tessa sympathisch findet; freilich kenne sie sie nur von Erzählungen und Videoaufnahmen. Rafa soll immer noch von Tessa schwärmen.
"Wahrscheinlich schwärmt er deshalb so von ihr, weil sie ihm in jeder Hinsicht unterlegen war", vermutete ich. "Er hatte sie vollkommen in der Hand. Er konnte entscheiden, wann sie wütend war und wann sie wieder friedlich war. Und sie war völlig anspruchslos. Er konnte Tag um Tag mit ihr herumgammeln, ohne einen Handschlag zu tun."
"Ja, sowas mag der."
"Das ist ein regressives Verhalten. Mit Tessa konnte er in aller Ruhe auf Embryonalniveau absinken und vor sich hinsuchteln. Die haben nur gegammelt und Suchtmittel konsumiert. Das war eine F...-Fressen-Fernsehen-Beziehung."
Morgens um halb sechs, als das "Roundhouse" schloß, fuhren wir heim. Unterwegs holte ich in einem Supermarkt, der eben die Türen öffnete, Getränke und frische Backwaren. Wir frühstückten im Auto.
Abends war ich bei Talis und Janice, die ihre Eigentumswohnung einweihten. Die sorgsam renovierte Altbauwohnung erlaubt einen direkten Blick in die Stationsflure der neurologischen Abteilung des angrenzenden Krankenhauses.
"Heute gucken wir von hier ins Krankenhaus", meinte Talis, "und wenn wir mal alt sind, ist es umgekehrt."
Talis und Janice leben mit zwei Katzen in der Wohnung. Einmal sperrte Talis eine der Katzen aus Versehen im Kühlschrank ein. Als er wenige Minuten später dessen gewahr wurde und die Kühlschranktür öffnete, kam ihm die Katze wohlbehalten entgegen, und der Käse war weg.
Virginia und Pascal ziehen mit ihrer Tochter Maria-Louisa in ein Einfamilienhaus. Virginia erzählte, sie habe nur staunen können, wieviel Geld Pascal in seinem noch nicht allzu langen Leben schon gespart hat. Es reichte, um das keineswegs billige Grundstück zu kaufen.
"Wenn man Familie hat, hat es Sinn, in ein Haus zu investieren", meinte ich. "Für mich hat das keinen Sinn. Ich habe ja leider keine Kinder."
"Dafür hast du etwas anderes", gab Virginia zu bedenken. "Du hast unheimlich viele Freunde."
"Wenn man es so betrachtet ... das schon."
"Die meisten haben nicht so viele Freunde."
"Das stimmt."
"Die haben einen engsten Freund und dann noch zwei, drei enge Freunde und einige Bekannte, das war's."
"Ich mache da gar keine Hierarchie", erzählte ich. "Für mich ist der Übergang zwischen Bekanntschaft und Freundschaft fließend. Ich könnte das gar nicht abgrenzen."
Die Party war zugleich eine Halloween-Party, und die Hälfte der Gäste war gruselig kostümiert. Ein Mädchen hatte sich überzeugend als Wasserleiche zurechtgemacht. Einer der Gäste rezitierte einen Liedtext von Wolfgang Ambros:

Es lebe der Zentralfriedhof und olle seine Toten
Der Eintritt is für Lebende heit ausnahmslos verboten
Weu da Tod a Fest heit gibt die gonze lange Nocht
Und von die Gäst ka anziger a Eintrittskort'n braucht
Wann's Nocht wird über Simmering, kummt Leben in die Toten
Und drüb'n beim Krematorium tan's Knochenmork ohbrot'n
Dort hinten bei der Marmorgruft, durt stengan zwa Skelette
Die stess'n mit zwa Urnen on und saufen um die Wette
Am Zentralfriedhof is' Stimmung, wia's sei Lebtoch no net wor
Weu olle Tot'n feiern heite seine erscht'n hundert Johr
Es lebe der Zentralfriedhof und seine Jubilare
Sie lieg'n und sie verfeul'n scho durt seit über hundert Jahre
Drauß't is koit und drunt is worm, nur monchmol a bissel feucht
A-wann ma so drunt liegt, freut man sich, wenn's Grablaternderl leucht ...

Am Sonntag fuhren Constri, Tyra und ich zu dem Wallfahrtsort Mb. an der ehemaligen Zonengrenze und machten Probeaufnahmen in dem verlassenen Kloster. Wir wollten feststellen, auf welche Weise sich das Kloster als Drehort für Kurzfilme nutzen läßt. Unterdessen berichtete Saara in einer SMS, daß ihr Neffe Finnian das Licht der Welt erblickt hat, das zweite Kind ihrer Schwester Danielle. Seit dem vergangenen Jahr ist Danielle mit Mike verheiratet, der auch der Vater ihrer fünfjährigen Tochter Gwyneth ist.
Constri, Tyra und ich machten vorwiegend Aufnahmen im ehemaligen Archiv des Klosters, das Gitterfenster hat. Der Raum hat einen Steinboden, der noch recht solide wirkt. Es gibt auch Räume, die keinen Fußboden mehr haben. Wenn man nicht aufpaßt, stürzt man ins Erdgeschoß.
Bei mir daheim befaßten Tyra und ich uns mit Abwehrmechanismen. Bei Abwehrmechanismen handelt es sich um neurotische Verarbeitungsmuster. Sie dienen der Abwehr innerer Konflikte und sind meistens unbewußt. Im Internet gibt es eine Liste aller Abwehrmechanismen. Viele Abwehrmechanismen erinnerten uns an Rafa. Vor allem das Ungeschehenmachen und das Gegenhandeln habe ich bei Rafa häufig beobachtet.
Tyra erzählte, immer wenn Rafa etwas tue, das er nicht für richtig halte, versuche er das kleinzureden durch Formulierungen wie "war doch nur einmal, war also nichts". Wenn er fremdgegangen war und Tyra davon erzählte, kam es vor, daß er behauptete:
"Hab' sowieso keinen hochgekriegt, ist also nichts passiert."
Ob ihm die Albernheit dieser Aussage bewußt ist, bleibt fraglich. Rafa bewegt sich häufig im Nebel zwischen Peinlichkeiten, unfreiwilliger Komik, absichtlichen Witzchen und einem bizarren, staubtrockenen Humor. Vielleicht weiß er nicht einmal selbst, wo er sich gerade befindet.
Als ich Tyra eine E-Mail von Berenice vorlas, stolperte Tyra über Berenices Ansicht, Rafa habe Berenice seine gute Hälfte zugewandt und den anderen Frauen die schlechte.
"Das stimmt doch gar nicht", seufzte Tyra.
"Wenn ein Mann seiner Freundin die Rippen zertritt, kann das nicht die gute Hälfte gewesen sein", pflichtete ich Tyra bei. "Berenice kann Rafa gar nicht als liebevollen, verantwortungsbewußten Menschen erlebt haben, denn seit wann ist ein Mann liebevoll, der seiner Freundin die Rippen zertritt?"
Tyra hat von Charlize und Darius gehört, es habe viel Streit in der Beziehung von Rafa und Berenice gegeben. Den Ursprung der Aggressionen sieht Tyra bei Rafa. Seine Aggressionen richtete er auch gegen mich. Tyra meinte, Rafa habe sowohl Tessa als auch Berenice und schließlich sie selbst gegen mich aufgehetzt.
"Berenice hat dich gehaßt, obwohl sie dich nicht kannte, das hat sie mir erzählt", berichtete Tyra. "Das lag nur daran, daß Rafa ihr den Haß eingeimpft hat. Mich wollte er ja auch gegen dich einnehmen. Er hat immer gesagt:
'Laß' bloß die Finger von der, die ist irre. Erzähl' der nichts, sonst steht die eines Tages mit der Axt hinter dir und haut sie dir in den Schädel.'"
Tyra hingegen schmeichelte er:
"Du bist meine heimliche Liebe, meine große Liebe."
Das sagte Rafa immer wieder zu Tyra in der Zeit, als er Berenice mit ihr betrog. Daß er Berenice nicht verlassen wollte, begründete Rafa damit, daß Berenice "zuviel Macht" habe.
Rafa wirft anderen Menschen häufig vor, zu lügen.
"Wenn jemand immer lügt, kann er sich nicht mehr vorstellen, daß andere die Wahrheit sagen", meinte ich.
Zu Allerheiligen war ich kurz vor Einbruch der Dämmerung im Wäldchen auf dem Hügel, wo mein Kater Bisat begraben ist. Ich stellte ein weißes Ewigkeitslichtchen auf das Grab. Der Efeu, den ich im Juli gepflanzt hatte, gedieh in dem Waldboden. Es gibt dort viel wilden Efeu, Boden und Klima scheinen gut dafür geeignet zu sein.
Das Lichtlein flackerte im Wind. Ich schaute mich im Weggehen um und sah es leuchten aus dem Dunkel des Waldes.
Abends waren Constri, Merle, Elaine, Carl und ich auf dem Friedhof, wo wir seit Jahren unseren Allerheiligen-Spaziergang machen, weil der Friedhof recht groß und jederzeit frei zugänglich ist. Das Wetter blieb trocken, war aber kühl. Am Vormittag hatte es einen Wolkenbruch gegeben, und davon waren viele Pfützen geblieben. Wir machten Fotos vor der Kapelle, mit langer Belichtungszeit.
Im griechischen Restaurant "Labyrinth" gesellten sich Gesa, Talis, Janice, Claudius und Brinkus zu uns. Wir saßen bei Kerzenschein in dem alten Fachwerkhaus, das zum ehemaligen Dorfkern unseres Stadtteils gehört.
Elaine hat im September an einem Gottesdienst für die Kinder teilgenommen, die im Frühjahr mit dem Konfirmandenunterricht beginnen. Am Tisch unterhielten wir uns über die Frage, weshalb man sich konfirmieren läßt. Die evangelischen Kinder ärgern sich im Alter von neun Jahren vor allem dann, wenn sie in vorwiegend katholischen Gemeinden leben, weil die meisten ihrer Altersgenossen Erstkommunion haben und mit Geschenken überschüttet werden.
Merle erkundigte sich, in welcher Kirche Janice und Talis geheiratet haben, denn Janice ist katholisch, und Talis ist aus der Kirche ausgetreten. Die beiden erzählten, daß sie nur standesamtlich geheiratet haben. In Janices Heimatstadt VEC. sei das noch immer anstößig. VEC. liege in tiefster Provinz, die Mentalität sei entsprechend rückständig. Wenn geheiratet werde, erwarte man, daß die Eheleute dieselbe Konfession haben. Und wenn nach zwei Ehejahren noch immer kein Nachwuchs da sei, besuche der Priester das Ehepaar und frage, wann man mit Kindern rechnen könne.
Talis, der Gärtner, erzählte von der Wunderpflanze Stevia, die die Zucker- und Süßstoffindustrie vor Herausforderungen stellen werde. Die Pflanze soll um ein Vielfaches süßer sein als Zucker, aber kalorienfrei und ohne die Nebenwirkungen von Süßstoffen. Man versuche daher, die Pflanze aus dem Handel fernzuhalten.
"Das gelingt auf Dauer nicht", meinte ich. "Es gibt das Internet, und die Leute werden die Pflanze einfach übers Internet bestellen."
Der Siegeszug der Stevia sollte schon bald beginnen, er war in der Tat nicht aufzuhalten.
Am Freitag war ich im "Mute", wo Camouflage auftraten. Der Sänger erzählte dem Publikum aus der Bandgeschichte, und es gab die altbekannten Hits wie "Love is a Shield" zu hören, teilweise a capella vorgetragen. Das Publikum war zum großen Teil jenseits der Dreißig und feierte Camouflage als nostalgische Kultband.
Nach dem Konzert legten verschiedene DJ's auf, darunter Edaín. Klassiker und Clubhits wechselten sich ab.
Edaín erzählte, daß sie demnächst wieder in Los Angeles auflegen möchte. Ihr gefalle, daß sich das Publikum in den USA gern von Wave und Elektro in den Bann ziehen lasse. Leider seien viele Leute dort recht oberflächlich; sie fragten, wie es einem gehe, doch bevor man antworten könne, seien sie schon wieder bei einem anderen Thema.
Im "Mute" werden auf Wunsch Brezeln ausgebacken. Ich kaufte eine, noch warm, und das war mein Frühstück. Um halb drei fuhr ich nach Hause.
Am Samstag waren Constri, Rikka, Ray und ich in HH. im "Megamarkt" bei "Stahlwerk". Vor der Party gab es ein Festival, das fand eine Etage weiter unten statt, auf der Ebene des Foyers im kleinen Saal. Constri machte Filmaufnahmen.
Im "Megamarkt" trafen wir Derek und dessen jetzige Lebensgefährtin Juno. Bei Rufus und Geneviève am Merchandize-Stand holte Juno sich ein Girlie-Shirt mit Aufdruck von Missratener Sohn und zog es an. Es war wohl eher eine Solidaritätsbekundung. Die Musik, die Derek macht, ist nicht Junos Stil.
Es gab Begrüßungen und Küßchen mit Dirk I., Eric van W., Peter M. und Tiziana. Tiziana hatte sich der Tournee angeschlossen, auf der die drei Belgier sich befanden.
Evan bekam einen Platz auf der Gästeliste, weil Derek noch einen Platz freihatte.
Der Opener des Festivals waren Maschinenkrieger vs. Disraptor. Ihre Musik kam an, gefiel auch mir. Dereks One Man Show als Missratener Sohn wurde wie gewohnt von Publikum sehr angenommen. Derek war ganz in seinem Element, hüpfte an seinem Keyboard herum und shoutete mit verzerrter Stimme seine Texte. Auch Evan war sehr davon angetan.
Headliner war Sonar. Dirk und Eric standen sich an ihren Keyboards gegenüber und heizten sich gegenseitig an.
"Great. Absolutely great", sagte ich nach dem Konzert zu ihnen.
"I saw you dancing", nickte Eric.
Ich erzählte ihm das Märchen von den roten Schuhen.
"And you have them on", meinte er.
Im Backstage holte ich Cola. Dirk kam herein.
"Are you still alive?" fragte ich ihn.
"Oh yes, I'm alive."
"Alive and kicking."
"Yes", kicherte er, "alive and kicking."
Er sang eine Zeile aus dem gleichnamigen Song der Simple Minds. Er mag Klassiker aus den Achtzigern, wie auch Human League, und hört sie daheim vorwiegend.
Dirk erzählte, er sei "old-fashioned" und habe deshalb kein Handy.
"I have a phone, a fax - and internet! That's enough. I don't like that my wife is calling me:
'Hello, where are you?'"
"You don't want to be controlled", schloß ich.
"Yes!" nickte Dirk.
Sirio machte Fotos auf der Bühne, auch von Dirk und mir.
Als die Bühne weitgehend abgeräumt war, machte Constri von Eric und Dirk abstrakte Filmaufahmen. Jeder bekam in jede Hand eine Taschenlampe, und sie mußten sich gegenseitig anleuchten. Hoffentlich wird das Video eines Tages fertig. Constri hat gute Ideen und macht schöne Aufnahmen, doch das Schneiden und Vertonen zieht sich unangemessen lange hin.
Sasso erzählte, daß Donar nicht mitkommen wollte zu "Stahlwerk", angeblich weil er sich "zu alt" fühlte, um zu feiern.
"Also, als ich die beiden von Sonar gesehen habe, wie die abgehen, da wußte ich, ich bin bestimmt nicht zu alt dafür", meinte Sasso.
"Das ist eine Frage der Einstellung", betonte Darien.
Dirk und Eric sind einige Jahre älter als Donar.
"Donar traut sich nicht, weil er denkt, daß er nicht perfekt genug ist", meinte ich. "Er hat Komplexe. Er macht Bodybuilding und ist sich nie perfekt genug. Dabei ist hier niemand perfekt, und das muß auch niemand sein."
Nachts gab es Tanz auf dem Dachboden, der "Stahlwerk"-Area. Eric war von Anfang an viel auf der Tanzfläche. Häufig tanzte er mit mir, schwenkte mich herum, machte dann auch einen artigen Diener. Dirk wagte sich erst gegen Morgen auf die Tanzfläche, mit halbvollem Bierglas in der Hand. Es herrschte die entspannte Atmosphäre musikalischer Meditation.
Berenice erzählte in einer E-Mail, wie sie die Auftritte mit ihrer eigenen Band gestalten will:

Ich habe schon verkündet, dass ich es nicht so machen mag wie Rafa: keinen Spaß bei Konzerten, vorher Stress, nachher ins Hotel :( Nein, ich will feiern und Spaß haben mit den anderen Bands oder auf der Party, die stattfindet - Baryn war damit sehr einverstanden ;)

Ich schrieb:

Dann waren deine Auftritte mit Rafa ja echt dröge und traurige Veranstaltungen. Rafa ist ja vor und nach Auftritten fast nie im Publikum zu sehen. Er geht auch so gut wie nicht mehr aus, höchstens noch dann und wann in den "Keller".

Berenice schrieb:

Ich fand das immer so schade, dass nach Abbau der Bühne die Fahrt ins Hotel anstand - übrigens war es in Kopenhagen ganz genauso. Wenn sich mir die Gelegenheit bot, bin ich auch ohne Rafa noch geblieben oder gefahren - z. B. in Göteborg. Da war die Party vor dem Festival am Freitag der Höhepunkt!!! Aber Rafa zog es vor, am Freitag im Hotel zu schlafen, während Lucy und ich mit den Schweden feierten :))))))))))
Ich beneide Darienne nicht. Ich habe es keine Sekunde vermisst, nicht mehr bei W.E zu sein - klar, das Bühnendasein an sich macht wirklich, wirklich Spaß!!! Aber vorher nur Autofahren und Stress, Aufbauen - und danach schnelles Abbauen und ins Bett. Toll.
Rafa ist ja auch mit mir kaum ausgegangen. Er fand es ja so viel schöner, die wenige Zeit, die wir zusammen hatten, mit mir zu verbringen - und nicht in einer Disco. Jajaja. Klar!

Anfang November mailte Cennet:

Gaia wurde am 26.09.2006 geboren. Sie ist ein süsses Baby und hält uns gut beschäftigt. Arndis meistert die Situation tagsüber, und ich steige abends nach der Arbeit ein. Es ist eine ganz schöne Umstellung und manchmal auch wirklich anstrengend, aber wir sind gut drauf und zufrieden.

Gaia ist Cennets zweite Tochter und das erste gemeinsame Kind von Cennet und Arndis. Cennets ältere Tochter Avery ist neun Jahre alt und lebt bei ihrer Mutter, von der sich Cennet schon vor Jahren getrennt hat.
Am Dienstag war ich bei Joujou, Marvel und Jeanne. Joujou leidet neuerdings wieder öfters an Migräne. Marvel erzählte, daß er in der Jugend, ebenso wie Joujou, eine Kombination aus Migräne und einem Anfallsleiden hatte. Nur litt er nicht, wie Joujou, unter narkoleptischen Anfällen - anfallsweise auftretendem Tiefschlaf -, sondern unter Absencen. Er war dann wie in Trance und ohne bewußte Erinnerung. Im Erwachsenenalter sind die Migräne und die Absencen nicht mehr aufgetreten.
Marvel erzählte, daß er Kfz-Mechaniker ist und nach seiner Ausbildung eine feste Stelle bekam. Er fühlte sich aber in seinem Beruf nicht ausreichend gefordert und ausgefüllt, deshalb wagte er den Sprung in das Studium der Informationstechnik. Ich bedauere, daß Rafa einen solchen Schritt nicht gemacht hat. Rafa ist fünfunddreißig Jahre alt, und ich meine, er sollte sich über seine Zukunft Gedanken machen.
Am Mittwoch war ich im "Ausspann" mit Tyra und Highscore. Am Wochenende hat Highscore an einem Stoppelfeld-Rennen teilgenommen. Er erzählte, daß die Überrollbügel für die präparierten Schrottautos aus den verbeulten Stielen von Verkehrsschildern hergestellt werden, die bei Unfällen demoliert wurden.
Als ich Highscore einen Smart Coupé aus Plastik zeigte, den ich in einem Überraschungs-Ei gefunden hatte, meinte Highscore:
"Der taugt nichts. Der hat fast keinen Kofferraum. Da kann man höchstens einen Kasten Bier mitnehmen."
Highscore erzählte, Rafa habe neulich im "Keller" von den Achtzigern geschwärmt. Er habe behauptet, damals seien die Leute "cooler" gewesen und mit weißem Hemd und Schlips herumgelaufen.
"So ein Unsinn", meinte ich dazu. "Die hatten fast alle legere Kleidung an."
Das weiße Hemd und der Schlips gehörten in den fünfziger Jahren zur Alltagsgarderobe. In den achtziger Jahren gab es diese Mode nur noch in der Geschäftswelt und in der Politik - und als Retro-Style auf der Bühne bei einigen Musikern.
Highscore nimmt an, daß Sam den Raubüberfall, der ihn erneut ins Gefängnis brachte, absichtlich begangen hat, weil er ins Gefängnis wollte.
"Auf Sam sind viele sauer", wußte Highscore, "und vor denen hatte der Angst. Er schuldet vielen Leuten Geld."
Tyra erzählte von ihrem Verehrer Octavian. Sie meinte, ich hätte recht gehabt mit meiner Vermutung, daß er ichbezogen ist. Sie hat Abstand von Octavian genommen:
"Das ist nicht der Mann für mich."
Rafa hat Tyra erzählt, daß er sich in zwei Jahren zur Ruhe setzen und aufs Land ziehen will. Auf einem Bauernhof wolle er leben, zwei Kühe wolle er haben und einen Brunnen, sonst nichts. Er wolle keine Felder bewirtschaften.
"Du willst nur vor der Arbeit davonlaufen", folgerte Tyra.
Wie Rafa einen Bauernhof finanzieren will und wovon er dort leben will, sagte er nicht, er hatte sich wohl auch keine Gedanken darüber gemacht.
"Auf einem Bauernhof wäre es ja das Richtige, zu heiraten und eine Familie zu gründen", sagte Tyra zu Rafa.
"Ich will nicht heiraten", entgegnete Rafa.
"Und was ist mit der Frau, die du liebst?" fragte Tyra.
"Ich kenne niemanden zum Heiraten", sagte Rafa.
"Du wirst nie aus SHG. wegziehen", war Tyra sicher.
"Rafa will immer nur die Flucht", meinte ich, als Tyra mir das erzählte. "Weil das mit dem fremden Planeten nicht geklappt hat, will er jetzt aufs Land."
Rafa soll Tyra neuerdings wieder "mein Schatz" nennen.
"Ja, jetzt, wo du ihm nicht mehr zur Verfügung stehst, bist du wieder 'mein Schatz'", deutete ich. "Als du noch für ihn da warst, hat er dich als 'du Dreck' bezeichnet."
Am Freitag war ich im "Roundhouse". Die Musik war wieder so tanzbar, daß ich mich hätte tottanzen können.
Am Samstag war ich auf dem Land bei HE. auf einer Party, wo ich mehrere Kollegen aus Kingston wiedertraf. Jay-Elle und Dessie wohnen mit ihren Eltern im selben Haus. Die Eltern wohnen im Erdgeschoß, Jay-Elle im 1. Stock und Dessie im 2. Stock. Im ganzen Haus wurde gefeiert. Dessie hatte sich kunstvoll als "Corpse Bride" verkleidet - eine morbide Schönheit mit blau unterlaufenem Gesicht. Dessie hat seit acht Monaten einen neuen Freund. Sie plant, in einem Büro zu arbeiten.
Bei Jay-Elle saßen Amelie und ich zwischen orangefarbenen Organzaschleiern und redeten über Schicksalsschläge. Amelie hat ein Kind während der Schwangerschaft verloren. Mit den Kollegen tauschten wir uns aus über die jüngsten Ereignisse in Kingston. Pfleger Tobey hatte noch nicht gewußt, daß meine Kolleginnen Patrice und Daisy ein Paar sind. Es freut ihn, daß sie sich gefunden haben.
Wilrun von Landau ist in B. verheiratet, arbeitet jedoch immer noch in Kingston. Sie heißt nicht mehr "von Landau", aber ihren Ehenamen kann ich mir nicht merken. Vor einiger Zeit soll Wilrun sich gestritten haben mit einer Kollegin namens Fanny Gottseibeiuns. Die beiden sollen sich hemmungslos angeschrien haben, in der Öffentlichkeit des Krankenhauses.
"Und da passiert nichts", sagte ich aufgebracht. "Die können sich das erlauben, da passiert nichts. Andere werden 'rausgeworfen, und die können machen, was sie wollen."
"Die Landau ist ja sogar Oberärztin", merkte Tobey an.
"Daß eine Katastrophe wie die Landau in eine solche Position gekommen ist ...", stöhnte ich.
Vermutlich können sich die Landau und die Gottseibeiuns so oft anschreien, wie sie wollen, und sie können sich auch prügeln, nie wird es Konsequenzen geben, denn beide befolgen eine Grundregel: Dem Chef gegenüber verhalten sie sich wie die Schnecken, sie kriechen und schleimen. Wer sich so erniedrigt, hat bei diesem Chef Narrenfreiheit. Ein Oberarzt, der gewohnheitsmäßig seine Untergebenen anschreit, ist in Kingston zum Abteilungsleiter befördert worden, weil er die Schnecken-Regel stets befolgt hat. Er wird bis zu seiner Rente die Kollegen anschreien dürfen, wie er gerade Lust hat.
Nachts war ich im "Radiostern". Tanzflächen-Highlights waren "Epoch" von This morn' omina, "Bad Man" von Sonar und "Four Voice" von Soman.
Ein Gast namens Stellan erzählte von seinen Kriegserlebnissen. Er hat an mehreren Auslandseinsätzen teilgenommen und wurde dadurch seelisch aus der Bahn geworfen.
"Ich habe Tote gesehen und Menschen getötet", sagte Stellan, "das werde ich jetzt nicht mehr los."
Er sucht psychologische Hilfe. Bei der Bundeswehr habe es nur Entspannungsübungen in der Gruppe gegeben, das sei von keinerlei Nutzen gewesen.
"Am besten wäre es, du würdest einen Psychologen finden, der selber im Krieg war", meinte ich, "der wüßte wenigstens, wovon du redest."
Stellan schaute mich an und sagte:
"Knuddeln muß ich dich aber."
Er knuddelte mich. Ich bat ihn, mich anzusprechen, wenn er mir das nächste Mal begegnete, weil es eine Weile dauere, ehe ich mir Gesichter merken könne.
"Ich kann mir auch schlecht Gesichter merken", gestand Stellan, "aber bei dir ist das was anderes. Eine so hübsche Frau vergißt man nicht."
Reesli fragte mich, ob wir uns denn nicht doch bald mal trauen lassen könnten. Haymo neckte ihn:
"Wenn du mehr Haare hättest, würdest du auch jünger aussehen."
Mitte November war ich mit Beatrice im "Labyrinth". Beatrice erzählte, daß Lessa einen neuen Freund hat. Er wünscht sich Kinder. Beatrice hat nur noch selten Kontakt zu Lessa. Mit Lessa gab es im Laufe der Jahre immer wieder Konflikte.
Was Freundschaften betrifft, so hat Beatrice festgestellt, daß man erst weiß, auf wen man sich verlassen kann, wenn man in Not ist. Als sie vor mehr als zehn Jahren einen schweren Autounfall hatte und das rechte Bein gebrochen war, hoffte sie vergebens, daß diejenigen, die sie bisher als Freunde betrachtet hatte, sich um sie kümmerten:
"Niemand hatte Zeit für mich."
Ihr damaliger Freund Andras konnte ihr nur am Wochenende helfen, weil er während der Woche bei der Bundeswehr war.
Kurz nachdem Beatrice aus dem Krankenhaus entlassen wurde, erschien Cassia bei ihr, eine Klassenkameradin, die sie früher gar nicht so besonders gemocht hatte. Cassia war auf einmal da. Sie half Beatrice, ohne lange zu fragen. Sie kaufte für sie ein, half ihr beim Waschen und im Haushalt, und das jeden Tag, bis es Beatrice besser ging. Kurz darauf verlor Beatrice den Kontakt zu Cassia, und sie weiß nicht mehr, wie das zugegangen ist. Cassia erschien und verschwand wie ein Engel vom Himmel.
Beatrice hat durch das Jugendamt etwas über ihre leibliche Mutter erfahren. Die Mutter war bei Beatrices Geburt zweiundzwanzig Jahre alt. Sie zog daheim aus, ehe Beatrice zur Welt kam. Ihre Eltern erfuhren nie von Beatrices Existenz. Die Mutter gab Beatrice mit der Begründung zur Adoption frei, daß sie ihrem Kind nichts bieten könne. Beatrices Vater ist unauffindbar. Beatrice soll durch einen Urlaubsflirt mit einem Unbekannten entstanden sein. Zwei Jahre vorher hatte die Mutter Beatrices Halbschwester zur Adoption freigegeben mit der Begründung, sie habe sich von dem Kindesvater getrennt, sei mit ihren Eltern zerstritten und habe keine Ausbildung. Inzwischen sei die Mutter verheiratet und wohne gegenüber vom "Mute". Beatrice hofft, sowohl zu der Mutter als auch zu der Halbschwester Kontakt zu bekommen.
Als ich Beatrice von der Foto-Lovestory erzählte, erinnerte sie sich daran, daß Andras früher genauso wie Rafa den Mädchen nachstellte. Vor vierzehn Jahren, als Andras es besonders schlimm trieb, hatte Beatrice den folgenden Traum:

Beatrice war mit Andras im "Elizium", und der war wieder einmal beim Flirten mit verschiedenen Frauen. Da öffnete sich die Flügeltür zum Tanzraum, helles Licht drang ins Innere, und umgeben von Licht schwebte Rafa herein. Andras schwebte auf ihn zu, und die beiden umarmten sich innig.

Anscheinend sah Andras in Rafa ein Vorbild und tat, was er konnte, um ihm nachzueifern. Er soll dabei recht erfolgreich gewesen sein.
Auf der Arbeit gab es wieder bizarre Geschichten zu hören. An der Waterkant soll es entlegene Spitäler geben, wo der diensthabende Arzt keinen Pieper hat. Die Nachtschwester ruft ihn, indem sie dreimal eine Schreckschußpistole abfeuert.
Am Samstagabend war ich im "Nachtbarhaus", wo es wieder eine Travestie-Show gab. Carla trat als vergoldete Spinne auf und - zu einem anderen Stück - im silbernen Metall-Dessous mit springbrunnenähnlicher Frisur aus schwarzem Gummi. Ein Highlight war das Duett, das Carla mit einem befreundeten Travestie-Künstler sang. Sie trugen "I know him so well" aus dem Musical "Chess" vor, erstaunlich sicher, obwohl sie - wie Carla nach der Show verriet - erst einen Tag zuvor mit den gemeinsamen Proben begonnen hatten.
Am Sonntagabend war ich bei Constri und Denise und brachte frisch gebackene Waffeln mit. Wir aßen gemeinsam zu Abend. Denise trug ein Jeanskleidchen, auf das statt Blümchen lauter kleine @-Zeichen gestickt sind, in bunten Farben.
Constri erzählte, daß Denise neulich liebevoll ihre Puppe in den Schlaf gesungen hat mit dem Lied:
"Schlafe nur, schlafe ein, sonst wirst du totgeschossen, aber nicht in echt."
In Denises Spielkiste befindet sich ein Holz-Dildo.
"Was hat das Ding hier zu suchen?" fragte ich.
"Mama hat das irgendwoher geschenkt gekriegt und keine Verwendung dafür", erzählte Constri. "Sie hat gesagt, das ist kein Dildo, sondern ein Massagestab."
"Haha! Das ist ein Dildo, was sonst!"
Tyra war für eine Woche in Süddeutschland. Sie war zu Gast bei Octavian und traf zweimal Berenice. Octavian hatte wenig Zeit für Tyra. Um ihn nicht zu stören, las Tyra in der Bibel und schaffte mehrere Kapitel aus mehreren Evangelien des Neuen Testaments. So fand sie auch die Bibelstelle, die uns im Zusammenhang mit der Foto-Lovestory beschäftigt hat:

"Wer zum Schwert greift, soll durch das Schwert umkommen."
Matthäus 26, 52

Tyra fällt es schwer, sich abzugrenzen, und ihr gelingt das weder bei Octavian noch bei Rafa. Eigentlich will sie beide Männer nicht mehr, doch sie läßt den Kontakt immer wieder zu. Rafa meldet sich in Abständen von wenigen Tagen bei Tyra. Kürzlich rief er sie an, als sie gerade auf dem Heimweg von der Arbeit war. Er bat sie, bei ihm vorbeizuschauen. Sie erfüllte ihm diesen Wunsch. Rafa fragte harmlos:
"Und, kümmerst du dich um mich?"
"Ich bin nicht deine Mutter", entgegnete Tyra.
"Aber du bist doch so ein fürsorglicher Mensch", verhandelte Rafa.
Tyra ging darauf nicht weiter ein.
Rafa redet gerne um seine Absichten herum. "Kümmern" oder "unterhalten" heißt bei Rafa so viel wie "Sex".
Tyra wollte auch etwas von Rafa, aber etwas ganz anderes. Sie bat ihn:
"Ich will deinen Schrott mitnehmen."
Damit meinte sie einen Haufen Styroporteile, aus denen sie einen Adventskalender basteln will.
Rafa gab ihr die Teile gern, nur vergaß sie sie bei ihm, und am Montag will sie wieder zu ihm kommen und sie abholen.
Rafa spielte Tyra sein neuestes "Commander L."-Hörspiel vor. Tyra hörte nur mit halbem Ohr zu, und was sie hörte, gefiel ihr nicht besonders. Vielleicht lag das auch daran, daß Darienne mitspielte.
Übrigens soll Rafa von seinen Plänen Abstand genommen haben, in zwei Jahren auf einen Bauernhof zu ziehen. Er sagte nun, er habe frühestens in sechs, sieben Jahren vor, auf einen Bauernhof zu ziehen.
Tyra hat ihrerseits von ihrem Plan Abstand genommen, auszuwandern.
Tyra erzählte von Janus, der ein Punk-Outfit trägt und vor zwei Wochen als Roadie mit Rafa unterwegs war. Janus sprach Rafa auf seine Beziehung mit Darienne an:
"Darienne ist doch deine Freundin, nicht?"
"Nein ... ja ... weiß nicht, keine Ahnung", antwortete Rafa.
Daß Rafa seine Beziehung mit Darienne immer noch verleugnet, finde ich erstaunlich.
Ende November war ich bei sehr mildem Herbstwetter mit Len auf Fotosafari in BTF. Len hatte in den vergangenen Tagen an der Ostseeküste Ruinen fotografiert und meinte, die Region sei sehr ergiebig. In BTF. fanden wir Industriegebäude aus beinahe schwarzem Backstein, die aus den dreißiger Jahren stammen konnten. Eine hohe Halle fotografierte ich; die wurde aber, ebenso wie die meisten anderen halbverfallenen Gebäude, noch genutzt. Auf einem ehemaligen Bahnbetriebsgelände fanden wir endlich Gebäude, die nicht mehr genutzt wurden, und das Gelände war frei zugänglich. Wir stiegen in einem Wasserturm alle Eisentreppen hinauf und blickten in den über mehrere Stockwerke reichenden Wasserbehälter, der leer war. Wer dort hineinfiel, kam nicht mehr heraus, es sei denn, jemand holte Hilfe. Aus diesem Grunde sollte man auch niemals allein Ruinen erkunden.
Len hat in H. seinen ehemaligen Arbeitsplatz besucht und war an einem Abend bei Cennet und dessen Familie. Arndis, Cennet und die kleine Gaia wohnen jetzt alle in Cennets Wohnung. Eine größere Wohnung wird gesucht.
Len erzählte, daß seine Mutter sich immer noch wünscht, daß er wieder "zu Hause" wohnt. Len hat eine Wohnung in M., die kleiner und teurer ist als eine vergleichbare Wohnung in H., entsprechend den höheren Mietpreisen.
Len erzählte von einem Kollegen, der immerzu mit Statussymbolen geprahlt habe, bis Len zu ihm sagte:
"Ich kann mir etwas leisten, was du dir nicht leisten kannst: Ich kann es mir leisten, zu sagen, was ich denke, denn wenn ich meinen Job verliere, bricht finanziell für mich keine Welt zusammen."
Auf dem Rückweg waren Len und ich in MD. in dem amerikanischen Diner, wo ich schon einige Male gewesen bin. Wir trafen uns mit einem Bekannten von Len, der Keon heißt. Er stammt aus MD. und wohnt mit seiner Familie in H. Seine Herkunftsfamilie ist in MD. geblieben. Keon hat seinen Arbeitsplatz verloren, als die Filiale in H. schloß, wo er tätig war. Danach fand er Arbeit als Versicherungsmakler, und er bekommt ein Festgehalt, das so hoch ist, daß die Provisionen nicht lebensnotwendig sind.
"Es ist schön, ehrlich beraten zu können", findet er.
Sein Vater liegt im Sterben, deshalb ist Keon zur Zeit oft in MD. Keons Schwester fällt es schwer, den Vater im Krankenhaus zu besuchen, weil sie früher unter dem despotischen Verhalten des Vaters gelitten hat.
Nachts war ich mit Constri im "Zone". Die Gäste waren aufwendig gestylt, mal düster-romantisch mit Zylinder oder im schwarzen Brautkleid, mal halbnackt mit Lackbody und Ganzkörper-Netzanzug, mal im bonbonfarbenen Cyber-Look mit gewaltigen Kunsthaarzöpfen und Plateaustiefeln. Ein Mädchen hatte grün glitzernde Weihnachtsgirlanden in die wasserfallähnlichen, mit Plastikschnüren durchmischten grünen und schwarzen Kunsthaarzöpfe eingearbeitet.
Hal, den ich schon einige Male getroffen habe - unter anderem auf einer von Cyras Geburtstagsparties - stand in einem kurzärmeligen Hemd im Celtic-Dekor an der Bar im hinteren Bereich des großen Saals. Er umhalste mich und betonte, er freue sich sehr, mich hier zu sehen.
"Wie kommst du hierher?" fragte er.
"Das 'Zone' ist eine meiner Stammdiscos", erzählte ich.
Hal wohnt seit Jahren in HH. und ist auch schon auf einer "Stahlwerk"-Party gewesen. Er meinte, in HH. seien die Leute lockerer als in H., mehr frei heraus. H. sei etwas strenger, spießiger. In HH. könne man besser leben und sich ausleben.
"Ich bin Ire", sagte Hal. "Wir Iren sagen, was wir denken."
"Dann bist du hier in der Szene gut aufgehoben", meinte ich. "Hier kann man sagen, was man denkt."
"Genau!" bestätigte Hal. "Freud hat über die Iren mal gesagt, mit denen kann man keine Psychoanalyse machen, denn die bestehen aus ungefähr zwanzig Persönlichkeiten, und hinter allem, was sie zeigen, verbirgt sich noch etwas anderes."
Hal erzählte, Freud habe immer behauptet, die Frauen zu verstehen, doch er habe sie nie verstanden. Er selbst halte es mit C. G. Jung. Ich erzählte, daß die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie nach C. G. Jung ein wesentlicher Inhalt meiner Facharztweiterbildung ist. Hal erkundigte sich, was genau mein Beruf ist. Daß ich Ärztin bin, wußte er schon. Ich erzählte, daß ich mich weiterbilde, um Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie zu werden. Hal erzählte, daß er mehrere Semester Psychologie studiert hat. Inzwischen ist er Musiker in Vollzeit. Im Gegensatz zu Rafa kann er davon leben.
Hal meinte, früher habe er nie gewußt, wie er sich definieren sollte. Er habe sich nicht über eine Gruppe definieren können, da er zu keiner Gruppe passe. Es gebe nur ihn von seiner Sorte, er stehe allein, als Außenseiter, und er habe sich seine Ich-Definition und sein Image hart erarbeiten müssen. Doch alle Erfahrungen, auch die traurigen, hätten letztlich seine Musik inspiriert und ihn weitergebracht. Neununddreißig Jahre sei er alt und habe viel durchlebt, auch seelische Krankheiten. Gelähmt hätten ihn seine Depressionen nie, er habe trotz der Depressionen immer kreativ arbeiten können, sogar einige seiner besten Werke seien in solchen Phasen entstanden. Das Stück "Left behind" handele von Depressionen.
Das Video zu dem tief melancholischen "Left behind" ist überwiegend in Schwarzweiß gehalten und zeigt verlassene Menschen. Als Symbol für das Vergessene, Entwertete liegt ein alter Fernsehapparat einsam im Gras. Auch eine verlorene Puppe am Straßenrand ist zu sehen, leere Schaukeln am Meer und ein verlassenes Papp-Männchen. Die Gestalten wirken klein in der Weite und Leere, die sie umgibt. Durch minimalistische Dramaturgie, stehende Bilder und die schwer dahinfließende Musik wird ein Stimmungsbild geschaffen, das unmittelbar zu bewegen vermag.
Hal erzählte, mehrere Leute hätten ihm gesagt, erst nach dem Verlust einer Beziehung, dem Verlust eines geliebten Menschen sei ihnen die Bedeutung seiner Texte klar geworden.
Als Hal seinem Vater "Perpetual" vorspielte, das vom Anders-Sein handelt, meinte der Vater, er habe seinen Sohn Hal nie verstanden, doch seit er den Text gehört habe, könne er ihn endlich doch verstehen.
Ich erzählte Hal, daß ich - wie er - von Anfang an nirgendwo hingehörte und nirgendwo hineinpaßte.
"Wie hoch ist dein IQ?" fragte Hal.
"Das weiß ich nicht."
"152?"
"Also, im Kopfrechnen bin ich nicht besonders gut ..."
"Jeder hat eine besondere Begabung, mal mehr für die zweidimensionale Wahrnehmung, mal mehr für die Wahrnehmung von Emotionen, was man den Frauen nachsagt."
"Du bist besonders wortgewandt", meinte ich. "Die Wortgewandtheit wird im Allgemeinen den Frauen zugeschrieben, aber du bist ganz besonders wortgewandt."
"Mit vier Jahren wußte ich schon: Ich bin kein Mann, ich bin keine Frau, ich bin - ein Hal."
Hal meinte, eigentlich sei er zu betrunken, um über Psychologie zu reden. Ich klopfte ihm auf die Schulter und entgegnete, auch mit Betrunkenen könne ich tiefgehende Gespräche führen. Schließlich habe ich mit Rafa schon stundenlang tiefsinnige Gespräche geführt, nachdem er sich Mut angetrunken hatte.
Hal redete auf Englisch über Selbstfindung, Religion, Gesellschaft und Spiritualität, und seine Ausführungen faßte er zusammen in dem Satz:
"Open your mind and you'll find the truth!"
Wir unterhielten uns über die legendäre Industrial-Band Test Department. Ich erzählte, daß ich Test Department 1990 live in M. gesehen habe. Hal hat Test Department schon einige Jahre früher live gesehen. Er erzählte, die hätten eine Bühnenshow gehabt, so etwas habe er vorher und nachher nicht mehr zu sehen bekommen. Ich erzählte, das Konzert von Test Department 1990 in M. sei das beste Konzert gewesen, das ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.
"Wir müssen uns noch hundert Jahre lang unterhalten", sagte Hal.
Ein Barmädchen namens Anina gab Hal und mir Getränke aus. Zu dritt stießen wir miteinander an, Anina und Hal mit Jägermeister, ich mit Bitter Lemon.
Hal betonte mehrmals, er könne sich noch hundert Jahre mit mir unterhalten. Anina erzählte, daß sie mir schon vor Jahren im "Zone" beim Tanzen zugesehen hat. Sie hat eine ältere Schwester, die mit platinblonder Dauerwelle und Texas-Stiefeln in Mainstream-Discotheken geht. Ihre jüngere Schwester sei, wie sie selbst, eher der Rockmusik und den etwas düstereren Klängen zugeneigt.
Am Sonntagnachmittag ging ich mit Denise und meiner Mutter in der prächtigen spätherbstlichen Dämmerung spazieren. Die Wolkenbänke am Himmel färbten sich tiefrot, und in der Ferne brannte die Glut der letzten Sonnenstrahlen.
"So schön hat die Sonne den Himmel angemalt", sagte meine Mutter zu Denise. "Und die Kirchenglocken läuten den Abend ein."
Tyra erzählte am Telefon, Rafa habe am Samstagabend auch ins "Zone" kommen wollen. Er habe eine Fahrgelegenheit organisiert, sei dann aber auf dem Sofa eingeschlafen.
"Und wenn der einmal eingeschlafen ist, ist für den Feierabend", wußte Tyra. "Dann steht der nicht mehr auf."
Seit einigen Monaten gibt es an meinem Arbeitsplatz - dem "Reha-Bunker" in Bad O. - wieder Zivis. Die mal flegelhaften, mal bemüht artigen Jungen sorgen im Stationsalltag für Abwechslung und Heiterkeit. Einmal näherten mein Chef und ich uns dem großen Aufzug, dessen Türen sich gerade schlossen. Man konnte noch sehen, wie sich drinnen ein Zivi in einem Rollstuhl lümmelte.
"Das entspricht eigentlich auch nicht den Vorschriften", sagte mein Chef trocken und schien nicht zu wissen, ob er sich amüsieren sollte oder ob er die jungen Bengel ein wenig um ihre Unbekümmertheit beneiden sollte.
Als ich einige Tage später zwei Zivis in dem Aufzug traf - jeder mit einem Rollstuhl, in dem sich vorschriftsmäßig ein Patient befand -, mußte ich furchtbar lachen.
"Was gibt's da zu lachen?" fragte einer der Zivis.
"Ich mußte mir gerade vorstellen, wie zwei Rollstühle in dem Aufzug stehen, und in jeden sitzt ein Zivi", erklärte ich.
"Oh, das ist toll, im Rollstuhl zu sitzen!" schwärmten die Zivis. "Das macht doch voll Bock."
Schwester Zaza erzählte von einem diabetischen Fuß, den sie in ihrer Ausbildungszeit verbinden mußte. Als sie Verbandwatte um die Zehen herumwickeln wollte, brach ein Zeh ab.
"Huch", sagte sie.
"Huch", sagte auch die Lehrschwester.
Dem Patienten soll der Verlust des Zehs ziemlich gleichgültig gewesen sein.
Pfleger Tom erzählte von seiner Arbeit als Tischler, vor seiner Zeit als Krankenpfleger. In dem Betrieb, wo er damals beschäftigt war, gab es eine Lackierkammer. Ein Auszubildender, der dort lackieren mußte, kam am Wochenende auch in den Betrieb, nur um sich in die Lackierkammer zu setzen und die Lösungsmitteldämpfe zu schnüffeln.
Mein Kollege Fergus erzählte von seiner Schwägerin Ninive, die bei der Deutschen Bank arbeitet. Neulich soll sie geschwärmt haben:
"Gestern war Sitzung mit Ackermann! Ich war dabei!"
"Mensch Ninive", wollte Fergus sie auf den Boden der Tatsachen zurückholen, "der entläßt Menschen, der zerstört die Existenzgrundlage von Familien."
"Ach, die finden doch alle wieder einen Job", sagte Ninive leichthin.
"Und was ist, wenn es dich selber trifft?" fragte Fergus.
Da soll Ninive nachdenklich geworden sein.
Am ersten Freitag im Dezember war ich abends auf der Weihnachtsfeier unserer Abteilung, danach zog ich mich zu Hause um und packte einige Sachen, danach war ich - gegen halb vier Uhr morgens - im "Roundhouse", wo es mir sehr gefiel; unter anderem lief "Bring on the dying" von Aslan Faction. Frühmorgens schlief ich zwei Stunden auf der Raststätte HF. im Auto und fuhr danach zur Arbeit, denn ich war für den Wochenenddienst ausgelost worden, nachdem eine Kollegin erkrankt war. Im gut geheizten Auto fuhr ich in die blauviolette Morgendämmerung und hörte "Steppin' out" von Joe Jackson. Immerhin konnte ich mich während des Bereitschaftsdienstes öfters hinlegen und kam noch auf meinen Schlaf.
Am Donnerstag waren Constri, Cennet und ich chinesisch essen. Cennet erzählte von seiner neuen kleinen Familie. Cennets Tochter Avery versteht sich gut mit Arndis und hat auch das wenige Wochen alte Halbschwesterchen Gaia sehr gern. Cennet zeigte uns Familienfotos, mit dem Handy aufgenommen.
Ivco erzählte in einer E-Mail von seiner vierjährigen Tochter Dina:

Dina findet die Musik von W.E sehr gut, insbesondere die Lieder mit Darienne. Als wir ihr erzählten, dass wir zum Konzert fahren und alle auf der Bühne sehen würden (sie kennt ja bereits Darienne, Rafa und Dolf), wollte sie natürlich mit. Da hatte ich erst einmal Erklärungsnotstand und vertröstete sie auf eines der Festivals im Sommer. Also, zum Festival in HI. werden zumindestens wir beide hinfahren! Hoffentlich wird der Auftritt nicht zu spät am Abend sein.

Am Freitag war ich mit Tyra im "Roundhouse".
Das Programm war ein Feuerwerk rhythmischer Power-Elektro- und Industrial-Musik. Unter anderem lief ein Stück von einem Bekannten von Darius, der sich "Notaufnahme" nennt. Dieses musikalische Projekt kennt kaum einer.
Tyra erzählte, daß vor wenigen Tagen Wave unangemeldet vor ihrer Tür stand. Er war in Begleitung zweier Herren - wohl W.E-Fans - und behauptete, er wolle denen nur beweisen, daß er Tyra kannte. Tyra schlug vor, daß man in der Stadt einen Kaffee trinken könnte, das wollte Wave aber nicht. Der Besuch war schon nach wenigen Minuten wieder verschwunden.
Wave war für einige Tage in HM., daher in der Nähe. Er traf ein Bandmitglied von Funker Vogt.
Tyra erzählte, sie habe aus den Styropor-Teilen, die sie bei Rafa abgeholt habe, einen Adventskalender für Octavian gebastelt. Octavian habe sich nicht einmal bedankt.
Erfreulich sei für sie, daß sie nicht mehr so oft das Gefühl habe, sich aufzulösen. Auch die Kaumasse, die ihr den Mund verstopfte, sei nicht mehr so oft in ihren Träumen aufgetaucht. Sie könne sich besser gegen Rafa abgrenzen.
Tyra berichtete, daß Rafa sie noch immer mindestens alle zwei Tage anruft; häufig nimmt sie das Gespräch nicht an. Er ruft schon ohne Nummernanzeige bei ihr an, also nimmt sie Anrufe ohne Nummernanzeige grundsätzlich nicht mehr an.
Schon zum dritten Mal hat Rafa Tyra vorgehalten, sie habe etwas mit einem Klempner. Letztens fragte er sie:
"Und, wie läuft's mit deinem Klempner?"
"Ich habe nichts mit einem Klempner."
"Tyra, du brauchst dich nicht zu verstecken, ich weiß alles über dich."
"Du weißt aber nicht, daß ich mit einem Klempner nichts habe."
"Mensch, das muß dir doch nicht peinlich sein."
"Mir ist überhaupt nichts peinlich, ich habe nichts mit einem Klempner. Hast du dir das ausgedacht, oder erzählst du das nur, weil andere dir das erzählt haben?"
Vermutlich hat sich Rafa den Unsinn mit dem Klempner nur ausgedacht, um Tyra zu ärgern. Vielleicht war ihm langweilig, und es verschaffte ihm Kurzweil und Unterhaltung, daß Tyra sich aufregte.



In der Samstagnacht war ich im "Nachtbarhaus". Ich trug die schwarze Corsage mit der Schnürung vorn und dazu das Glaube-Liebe-Hoffnung-Halsband und Puffärmel, die über die Arme gestreift werden wie Ärmlinge. Die Puffärmel sind aus dünnem schwarzem Lackstoff und haben elastische Bündchen, garniert mit durchsichtigem Rüschenband. Solche Puffärmel wollte ich schon länger haben, und weil es sie nirgends zu kaufen gibt, habe ich sie selbst genäht, was wegen des einfach zu verarbeitenden Materials kein großer Aufwand war. Ich hatte außerdem die langen schwarzen Spitzenröcke an und die langen schwarzen Abendhandschuhe, und in der Kunstzöpfchen-Frisur trug ich rote Scooby-Bänder.
Jeder Gast bekam ein Weihnachtsgeschenk, das waren Weingummi-Vampire und ein Badge.
Unten in der Damentoilette traf ich eine von den Gästen, die war in meinem Alter.
"Das sieht supergeil aus", sagte sie über mein Outfit. "Nur ist die Frage, ob man sich das traut."
Sie erzählte, gewöhnlich laufe sie burschikos herum, in Jeans. Ungewöhnlich sei es für sie, heute in einem damenhaften Kleid zu erscheinen. Das Kleid war lang, schwarz und schmal geschnitten und mit feinen schwarzen Rüschen besetzt.
"Das sieht sehr gut aus", lobte ich das Kleid. "Das steht dir hervorragend. Darin brauchst du dich wirklich nicht zu verstecken."
Als ich hinaufkam, sah ich Rafa in der Nähe des Eingangs auf dem großen Podest. Sein Blick war auf die Bühne am hinteren Ende des Saales gerichtet. Er saß auf einem Stuhl, mit dem Rücken zu einem Tisch, zurückgelehnt, leicht grinsend, die Arme vor der Brust verschränkt, mit lang ausgestreckten, übereinandergeschlagenen Beinen. Er trug ein weißes Baumwollsakko mit schwarzen Aufschlägen und eine enge, schwarzweiß längsgestreifte Baumwollhose. Hinter ihm saßen Darienne und einige andere Jugendliche an dem Tisch. Darienne trug einen rosafarbenen Haarreif, ihre Brille, eine dicke Makeup-Schicht und schlichte schwarze Garderobe, ähnlich wie im Sommer bei der "Salix".
Auf der Bühne lief ein Konzert, das mich wenig interessierte. Wenn geklatscht wurde, klatschte Rafa laut und theatralisch, als wollte er vor allem die Aufmerksamkeit auf sich selbst lenken. Während der Zugabe stieg Rafa hinauf zum DJ-Pult. Von dort aus hatte er eine gute Sicht auf die Bühne und die entblößte Oberweite der Sängerin. Er machte Fotos.
Mir fiel auf, daß Rafa seine Augen heute fast nie hinter einer Sonnenbrille versteckte. Nur einmal sah ich ihn kurz mit Brille. Das ist ungewöhnlich für Rafa.
Während er auflegte, blieb Rafa durchgehend am DJ-Pult. Er begann sein Set mit dem Power-Elektro-Hit "This shit will fuck you up" von Combichrist. Weil sich die meisten Gäste noch nicht auf die Tanzfläche wagten, die sich vor der Bühne befindet, hatte ich genügend Platz zum Tanzen.
Auch das weitere Set fand ich recht gelungen. Besonders gefielen mir "Lifelight" von Rotersand und "Hypnotic Tango" von My Mine.
Darienne saß weit weg von Rafa, nahe des Eingangs an der Fensterfront, die Arme vor dem schwarzen Blüschen verschränkt, die Hände umklammerten die Schultern. Sie saß aufrecht und steif und schien zu frieren. Ihre Mundwinkel waren tief heruntergezogen. Sowohl sie als auch Rafa waren vorwiegend damit beschäftigt, zu rauchen. Rafa kümmerte sich nicht um Darienne. Ab und zu stellte sich jemand auf einen Barhocker und unterhielt sich über die Brüstung des DJ-Pults mit Rafa. Es waren kurze Gespräche, die oberflächlich wirkten. Darienne bekam ab und zu Gesellschaft in ihrer Fenster-Ecke, jedoch nie von Rafa. Gelegentlich war Darienne auf der Tanzfläche. Sie gickerte dort mit Teenager-Mädchen, die als Punks verkleidet waren und sich augenscheinlich gut amüsierten, zumal sie einen als Punk verkleideten Jungen bei sich hatten. Darienne ging nach kurzer Zeit wieder zurück in ihre Ecke, wo sie mit verkreuzten Händen ihre Schultern umklammerte. Die Teenager gickerten ohne sie weiter.
Toro war auch im "Nachtbarhaus", als einer von denen, die ich aus dem "Elizium" kenne und die sich freuten, daß es unmittelbar neben dem vor sieben Jahren geschlossenen "Elizium" wieder eine Party-Reihe gab. Toro war in Gesellschaft einer freundlich dreinblickenden Dame in rotem Samt, mit glitzernder Tiara. Toros Haare waren sorgsam hochgestellt, mit Spray und Föhn, aufrecht wie Zinnsoldaten.
Weil Toro über Kopfschmerzen klagte, gab ich ihm Paracetamol.
Ich traf viele Bekannte, darunter Leander, mit dem ich auch tanzte. Rafa spielte unter anderem "Being boiled" von Human League, "Träume mit mir" von Grauzone, "Bela Lugosi's dead" von Bauhaus und zum Abschluß das hymnische "The sun alwalys shines on T.V." von a-ha.
Darienne näherte sich im Sturmschritt, stieg auf den Barhocker an der Brüstung des DJ-Pults und verlangte von Rafa, man möge jetzt aufbrechen. Dann ging sie zu ihrem Platz zurück, kam im Mantel wieder, stieg erneut auf den Barhocker und verlangte noch energischer, man möge jetzt aufbrechen. Beschwichtigend formte Rafa mit seinen Fingern eine "2", was wohl heißen sollte, in zwei Minuten sei er fertig zum Aufbruch. Rafa lächelte in meine Richtung, doch ob er mich meinte, bleibt unklar. Nachdem "The sun always shines on T.V." verklungen war, zog Rafa sein Sakko über und folgte Darienne zum Ausgang.
Am Sonntag fand bei Joujou und Marvel in GT. eine Fotosession für die Foto-Lovestories "Kampf ums Egolinchen" und "Henk zieht aufs Land" statt. Es handelt sich um die Fortsetzungen der Foto-Lovestory "Heiligabend". Dieses Mal will auch Tyra als Darstellerin auftreten.
Yara erzählte, daß sie in MS. Philosophie, Geschichte und Politologie studiert, allerdings nicht auf Lehramt, sondern auf Magister. Ihr Plan sei, zu promovieren und eine Stelle in einem Museum zu bekommen.
Die anderthalbjährige Jeanne war bei ihrem Vater Marian zu Besuch gewesen. Joujou klagte, er habe das Kind zu sehr verwöhnt, aber nicht ausreichend gefüttert und gekleidet. Jetzt bekam Jeanne ihre abendliche Kakao-Mahlzeit. Sie ließ sich baden und zur Nacht umziehen.
Tyra staunte, als ich von den Katastrophen-Keksen erzählte, die ich jedes Jahr zu Weihnachten backe. Die Kekse symbolisieren die Katastrophen, die sich in der Welt ereignet haben, und zugleich die Katastrophe, die die Weihnachtszeit für viele Menschen darstellt.
"Weihnachten ist eine harte Bewährungsprobe für Beziehungen", meinte Joujou. "Man hängt die ganze Zeit aufeinander und hat jede Menge Streß."
Auch während des Umzugs nach GT. hätten Marvel und sie viel gestritten, weil sie beide unter Druck standen.
Joujou und Marvel denken darüber nach, zu heiraten. Joujou betonte, auf ihrer Hochzeit müßte unbedingt ihr Vater dabei sein, und das werde teuer; er wohnt jenseits des Atlantik.
In einer E-Mail erzählte ich Berenice, wie Darienne sich im "Nachtbarhaus" zurückgezogen hat und wie sie sich allgemein zurückgezogen hat:

Darienne, die sich früher immer Rat und Beistand bei Joujou gesucht hat, kümmert sich seit einen halben Jahr überhaupt nicht mehr um Joujou, drückt sie sogar weg, wenn Joujou anruft. Auch um andere Freunde und Bekannte kümmert Darienne sich nicht mehr; es ist eine selbstgewählte Isolation, eine Mauer aus Arroganz.
Ja, Darienne könnte einem leidtun, aber nur fast. Im Grunde ist sie an ihrer Isolation selbst schuld.

Berenice schrieb:

Es ist richtig. Sie könnte ja mit Freunden reden - erst durch Gespräche gerade mit meinen Freunden in BI. habe ich gemerkt, wie bescheuert Rafa ist. Es relativiert einfach alles und zeigt einem eine andere Welt. Wenn Darienne dagegen sich arrogant abschottet von ihren Freunden, ist das allein ihre Entscheidung - denn Rafa hat es mir genauso verboten, wie er es sicher auch ihr verbietet. Nur habe ich mich nicht daran gehalten, weshalb wir genug Streitigkeiten hatten. Aber na und??? Es ist mein Leben und ich entscheide, mit wem ich was über mein Leben diskutiere, nicht er.

Ich schrieb:

Es gibt den Spruch:
Um Sicherheit zu erreichen, braucht man keine Mauern, sondern Tore.

Berenice schrieb:

Etwas, was Rafa weder versteht, noch gutheißt!!! Um sich Veränderungen gegenüber offen zu zeigen, muss man auch Fehler eingestehen können. Das geht nicht bei Rafa. Sich über Probleme, Gefühle, Erlebtes zu unterhalten, ist für Rafa Frauen-Klatsch und -Tratsch, den er zutiefst verabscheut - er ist doch ein richtiger Kerl, der auch Frauen ein paar auf die Schnauze gibt. Zu ihm passt nichts Weiches-Ehrliches. Nur wer stark ist, lässt Gefühle zu - Rafa ist nicht stark, und ich habe erst durch Baryn zu mir selbst gefunden. Wo wäre ich nur heute ohne Baryn??? Gar nicht daran denken ;)

Ich schrieb:

Sicherheit entsteht durch den Kontakt zur Außenwelt, die dadurch einschätzbar und beeinflußbar wird.
Rafa und Darienne haben das nicht begriffen. Sie glauben, sich schützen zu können, indem sie sich abschotten.
Gut, daß du damals, als du bei W.E warst, Wege gefunden hast, Festivals und Parties unabhängig von Rafa zu genießen. Rafa scheint diesbezüglich eine echte Spaßbremse zu sein, dem es schwerfällt, sich zu amüsieren. Es hat wohl etwas damit zu tun, daß Rafa sich nicht in Gruppen einfügen kann. Er kann nicht gemeinsam mit anderen Spaß haben. Immer muß er den Anführer und Showmaster spielen. Das hat wohl auch etwas damit zu tun, daß er sich einstmals in Gruppen sehr unbeliebt machte, weil er vorwiegend damit beschäftigt war, Menschen zu verführen und gegeneinander auszuspielen. Das fällt nun auf ihn zurück.

Berenice schrieb:

Ja, damit hast Du ganz, ganz sicher sehr recht!!! Er war immer der grummelige Außenseiter, während ich mich amüsierte, tanzte und Alkohol trank. Er genoss es nur, wenn er in einer Sitzecke sein konnte und dort den Mittelpunkt spielen ... Das konnte er stundenlang tun, während ich das oberflächliche Gelaber, Anhimmeln etc. zum Kotzen fand. Auch hier passen Baryn und ich super zusammen: wir trinken zusammen, hören zusammen Musik, stylen uns für den Abend, lachen, diskutieren, knutschen - und in der Disco tanzen wir zusammen oder haben sonstwie Spaß mit echten Freunden :) Um nichts auf dieser Welt würde ich dieses Leben gegen mein altes mit Rafa tauschen wollen.
Eigentlich wollte ich mit Dir oder auch mit sonstwem nicht mehr über Rafa reden / schreiben, weil er gefühlsmäßig bei mir abgehakt ist. Aber ich merke auch jetzt bei der Mail mal wieder, dass es immer noch ein Heilungsprozess für mich ist, ein Finden meiner Selbst. Es tut mir gut, es ist, als würde ich den Ballast ;) loswerden, all den Dreck, den Rafa auf mich geladen hat! Ich fühle mich jedes Mal freier, befreiter, leichter und glücklicher nach so einer Mail.

Mitte Dezember war ich mit meiner Kollegin Mina im "Rondo". Ich kenne sie von Kingston. Dort arbeitet sie noch immer. Mina berichtete, daß Fanny Gottseibeiuns zur Abteilungsleiterin befördert wurde, ohne je Oberärztin gewesen zu sein. Sie soll seit Jahren ein Verhältnis mit dem Chef haben.
Mina und ich unterhielten uns über junge Männer, die leichtsinnig und übermütig kopfüber ins Wasser springen und sich das Genick brechen. Im "Reha-Bunker" habe ich einen solchen Patienten. Er kann weder Arme noch Beine bewegen. Mina hatte von einem jungen Mann gehört, der betrunken einen Kopfsprung in ein Freibad machte. In dem Becken war kein Wasser. Ab und zu werden solche Sprünge überlebt, doch fast immer mit einer Querschnittslähmung. Kopfsprünge in seichtes oder völlig fehlendes Wasser - oft unter Alkohol- oder Drogeneinfluß - gibt es häufig, und fast immer sind es junge Männer.
Mina und ich stöberten in der Fachbuchabteilung einer großen Buchhandlung. Dabei ging mir ein Licht auf. Mir wurde klar, daß ich seit fünfundzwanzig Jahren an Migräne leide, und ich weiß nun, was ich dagegen tun kann.
Mina hat nicht das Glück, daß sie durch Fachwissen und ein paar Tabletten ihre Krankheiten in den Griff bekommen kann. Sie leidet an einem Bindegewebs-Tumor, der sie wahrscheinlich ihr rechtes Bein kosten wird und ihre Lebenserwartung deutlich verkürzen wird.
Bis zu ihrer Erkrankung hatte Mina einen Lebensgefährten, der sie jedoch verlassen hat. Vor langer Zeit war Mina verheiratet. Die Ehe wurde geschieden.
Mina hat ein gutes Verhältnis zu ihrer Schwester, die zwei Söhne hat. Ihren Vater sieht Mina selten, und mit ihrer Mutter hat sie andauernde Konflikte. Die Eltern sind geschieden.
Am dritten Advent gab es bei mir ein Adventskränzchen. Zu den diesjährigen Katastrophen-Keksen gehören das Polonium-Plätzchen (als Anspielung auf den Mord an einem Agenten, der durch Polonium 210 vergiftet wurde), der Ölpest-Vogel, der Missionars-Cracker (Kannibalismus-Keks) und der Sterbende Schwan (Rügener Grippchen). Zu Gast waren Denise, Merle, Gesa, Layana, Tyra und Joujou. Denise spielte mit Bauklötzen, Plüschtieren und Barbie-Puppen. Gesa spielte lange mit Denise und ging dabei mehr und mehr aus sich heraus. Die anderen staunten, weil die schweigsame Gesa so laut und fröhlich sein konnte.
Gesa nimmt wieder einmal an einer Weiterbildungsmaßnahme des Arbeitsamts teil. Bisher hat keine dieser Maßnahmen zu einer längerfristigen Anstellung geführt. Gesa ist so schweigsam, daß sie sich in der Arbeitswelt nicht gut verkaufen kann.
Layana freut sich darüber, bei einem der vier großen Landschafts- und Stadtbild-Architekturbüros in HH. zu arbeiten. Dort wird nicht nur das Stadtbild von HH. gestaltet, es gibt auch Aufträge aus China. Layana nimmt für ihren Job eine Sechzig-Stunden-Woche in Kauf.
Joujou hatte fürs Damenkränzchen ihre Tochter Jeanne daheim bei Marvel gelassen. Marvel rief nach einigen Stunden immer öfter bei Joujou an und fragte, wann sie wieder nach Hause käme. Er wirkte etwas hilflos.
Ein Thema des Tages war die kurze Beziehung von Sator und Zoë. Merle berichtete, daß sie sich getrennt haben - was mich nicht wunderte. Zoë ist noch nie für längere Zeit bei jemandem geblieben. Und für Sator würde ich mir etwas Verläßlicheres wünschen als Zoë.
Angeblich mochte Zoë die Koseworte nicht, mit denen Sator sie betitelte. Das war für uns schwer nachvollziehbar, denn an Kosenamen wie "Knuddelbärchen" oder "Alien vom anderen Stern" konnten wir nichts Anstößiges finden. Vielleicht waren es gar nicht die Kosenamen, die Zoë störten, sondern Sators Finanzen. Sator hätte Zoë nicht aushalten können, weil er auf einen Immobilienhai hereingefallen ist. Er hat sich eine wertlose Eigentumswohnung andrehen lassen, ohne diese Wohnung jemals gesehen zu haben. Inzwischen ist er in der Privatinsolvenz.
Tyra erzählte, daß sie Anfang Januar wieder Berenice besuchen will. Sie will bei Berenices musikalischem Projekt mitwirken.
Tyra hat noch immer Streit mit Octavian. Sie ist weder richtig mit ihm zusammen noch richtig auseinander.
Von Rafa hat Tyra seit zweieinhalb Wochen nichts mehr gehört. Tyra erinnerte sich beim Eintippen von E-Mails, daß Rafa sie häufig beleidigt hat, wenn es um Technik im Alltag ging. Er habe Sätze geäußert wie:
"Du kannst echt gar nichts, du bist echt zu allem zu doof."
"Hast du ihn mal darauf angesprochen, daß er dich mit solchen Äußerungen entwertet und beleidigt?" fragte ich.
"Ach, das ist mir heute doch egal", antwortete Tyra.
In einer E-Mail erzählte Victoire von einem W.E-Konzert in WÜ.:

Freitag war W.E hier in WÜ. Ich war da gewesen. Am Anfang tat es mir wirklich leid um das Geld (11 Euro), weil Rafa kaum einen Ton getroffen hat, aber später wurde es besser, und er hat auch richtig lang gespielt.

Am Montagabend war ich auf Barnets Geburtstagsfeier. Heloise hatte ein üppiges Buffet angerichtet. Es waren etwa fünfzehn Gäste da. Auch Joujou erschien; wie ich kam sie direkt von der Arbeit. Sie erzählte, sie verkaufe Badausstattungen und habe durch diese Tätigkeit mehr Selbstbewußtsein entwickelt. Früher habe sie sich nicht vorstellen können, daß sie in der Lage sei, erfolgreich Verkaufsgespräche zu führen.
Auf der Feier war auch Ary-Jana. Zu einer Versöhnung zwischen Joujou und Ary-Jana ist es bisher nicht gekommen.
Heloise erzählte von ihrer Tochter Felicity. Die Fünfzehnjährige habe sich zeitweise fast nur noch mit einem Internet-Mystik-Rollenspiel bschäftigt. Als vor einigen Monaten die Telefonrechnung dramatisch gestiegen sei, sei das aufgefallen. Nun werde Felicity immer wieder darauf hingewiesen, daß sie ihre Online-Aktivitäten einschränken müsse, und das habe auch schon Erfolg gezeigt. Daß Barnet und Heloise inzwischen eine Flatrate haben, verschweigen sie der Tochter wohlweislich.
Einmal hat Heloise den Router aus der Wand gezogen, um Felicitys Internet-Rausch zu durchbrechen. Zwar mußte daraufhin der Rechner neu für das Internet eingerichtet werden, doch dafür war erst einmal Spielpause.
Als ich darüber nachdachte, daß Rafa - im Gegensatz zu mir - wohl niemals Kochrezepte auf eine seiner Internetseiten stellen würde - stattdessen veröffentlicht er technische Anleitungen -, da fiel mir in der Novemberausgabe einer Szene-Illustrierten eine Rubrik namens "Die Szene kocht" ins Auge. Jeden Monat veröffentlichen Musiker aus der Wave-, Independent- und Elektro-Szene dort Rezepte. Dieses Mal war Rafa an der Reihe. Das Rezept, das er veröffentlichte, hieß "Die Kraft-Torte"; es handelte sich um eine Art Quiche. Oben stand die Anmerkung "Für Körper, Gehirn und Geist", zu Beginn der Anleitung stand die Ermahnung:

Für Alles viel Zeit nehmen und Nichts dahinpfuschen!

Zum Schluß folgte die Empfehlung:

Dazu einen Martini - oder auch vier! -, ohne Olive mit Eis und Zitronensaft. Und den Klang der neuen Sendung "CHAOS TOTAL"!
Guten Appetit,
wünscht W.E!

Am Dienstag war Carl bei mir zu Besuch. Er erzählte, daß seine Jugendliebe Saverio mit Damian in der Nähe des "Mute" eine WG gegründet hat. Carl hat die beiden neulich im Supermarkt getroffen. Saverio bat Carl, ihn zu besuchen. Carl zögerte. Er sagte zu mir, seine Verliebtheit in Saverio habe sowieso keine Zukunft, und er befürchte, daß die Verliebtheit neu geschürt werde, wenn er Saverio besuche.
Carl möchte Weihnachten mit Soran und dessen Lebensgefährten Ghismo feiern, wie meistens. Am zweiten Weihnachtstag besucht er seine Eltern und seine Brüder.
Kurz vor Weihnachten war ich abends bei Heloise und Barnet, um selbstgebrannte CD's im Empfang zu nehmen und Heloise eine DVD zu bringen, die sie Barnet zu Weihnachten schenken wollte. Darauf befindet sich ein Mitschnitt des Sonar-Konzerts Anfang November.
Heloise bot mir Weihnachts-Tee und selbstgebackene Plätzchen an. Besonders lecker fand ich die Vanillekipferl, und besonders hübsch fand ich die Totenschädel-Kekse, die Ary-Jana gebacken hat.
Felicity hat Stubenverbot, weil der Tannenbaum schon geschmückt ist.
"Das war so, als ich klein war", erzählte Heloise, "und das ist auch heute für Felicity so."
"Das hat so etwas Herrliches ... Nestwärme, Struktur, Geborgenheit", fand ich.
Am Heiligabend darf Felicity in die Stube, um den illuminierten Baum anzustaunen.
Der Baum war behängt mit Sammler-Christbaumkugeln. Die ausgefalleneren Kugeln sind nicht rund, also eigentlich keine Christbaumkugeln, sondern -figuren. Es gibt sie in Form von Teddybärchen und Schneemännern, aber auch mit Spinnennetzen und als Teufelskopf. Den rot schimmernden Teufelskopf hat Barnet zum Geburtstag geschenkt bekommen.
Einmal ist Heloise der Tannenbaum umgefallen, dabei sind einige der wertvollen Glasfiguren zu Bruch gegangen. Seither achtet Heloise noch mehr als sonst auf die Standfestigkeit des Baumes.
Brandgefahr besteht wenigstens nicht, denn statt echter Kerzen gibt es Lichterketten.
Heloise zeigte mir ein Plüsch-Faultier, das sie im Auftrag von Ary-Jana aus der Schweiz hat kommen lassen. Ary-Jana will es ihrem Freund zu Weihnachten schenken, "weil er so ein Faultier ist".
Heloise erzählte, wie sie Felicity dabei hilft, aus Online-Kontakten echte Kontakte zu machen. Sie hat Felicity bis in die Nähe von HI. gefahren, damit sie einen Online-Bekannten persönlich kennenlernen konnte. Weil Felicity noch nicht volljährig ist und demzufolge auch noch keinen Führerschein hat, ist das Aufrechterhalten solcher Kontakte schwierig und zeitaufwendig.
Barnet kam von der Arbeit, und wir plauderten alle drei in der Stube. Heloise und Barnet haben von Nancy schon seit dem Sommer nichts mehr gehört. Nancy geht seit dem Ausbruch der Chorea Huntington kaum noch unter Menschen. Die Krankheit ist erblich, unabwendbar und unbehandelbar, und sie führt stets zu schwerer Behinderung und schließlich zum Tod. Doch davon ist Nancy noch weit entfernt.
Am 22.12. waren Constri, Denise und ich bei Merle und Elaine, die ihren zwölften Geburtstag feierte. Auch Zoë kam dazu. Zwölf Kerzen wurden auf den konzentrischen Kerzenkränzchen angezündet, und Constri ordnete zwölf Mini-Milkyways darum herum wie die Ziffern einer Uhr.
Elaine trug die Ohrgehänge mit den roséfarbenen Federn und den feinen silbernen Kettchen aus dem Adventskalender und erzählte, die habe sie in der Stadt schon gesehen, sie sich aber nicht leisten können. Sie bekam von mir heute auch noch Ohrgehänge mit rotdurchsichtigen Plastikperlen und roten Federn. Zoë schenkte ihr einen Ring.
Nach Weihnachten will Elaine noch einmal mit ihren Freundinnen Geburtstag feiern.
Elaine würde gerne Schauspielerin werden, wie ihr Vorbild Liv Tyler. Leider sind solche Kinderträume meistens unerfüllbar. Und wer tatsächlich Schauspieler wird, kann meistens nicht davon leben.
Gegen zehn Uhr machte ich mich auf den Weg nach BI. zum "Roundhouse". Mit Tyra hatte ich vereinbart, daß ich sie abholte, sie versetzte mich aber, wie sie es öfter tut, und war auch nicht telefonisch erreichbar, was ebenfalls öfter vorkommt.
Tyras Blockade führe ich nicht auf bösen Willen zurück. Vielmehr scheint sich darin Tyras ungebrochene Hörigkeit gegenüber Rafa zu spiegeln. Er kann mit amüsierter Gelassenheit Tyras hilflosen Protestversuchen zuschauen, die an einen Zwergenaufstand erinnern.
Im "Roundhouse" spielte Marvel das gewohnte Programm, so daß ich fünf Stunden lang fast ununterbrochen auf der Tanzfläche war.
Joujou erzählte von der kleinen Jeanne. Das Kind testet Grenzen aus und ist experimentierfreudig. Neulich hat Jeanne Handtücher auf den Herd gelegt. Sie schaltete den Herd an und sagte zu Joujou:
"Heiß."
"Ja", sagte Joujou trocken.
Ninon feierte im "Roundhouse" in ihren vierundzwanzigsten Geburtstag hinein. Joujou hatte ihr einen Schokoladenkuchen mitgebracht.
Yara und Max erschienen gegen halb zwei. Als ich Max entdeckte, begrüßte ich ihm mit:
"Herr Bundeskanzler!"
Max berichtete auf meine Nachfrage, er werde ab Februar mit dem Studium der Politikwissenschaft beginnen. Er wolle in den Niederlanden studieren, danach in St. Gallen und danach in Sydney. In Österreich habe er schon immer studieren wollen.
"St. Gallen liegt in der Schweiz", berichtigte ich. "Da bin ich schon mal gewesen."
Joujou seufzte, als ich ihr von Maxens Zukunftsplänen erzählte.
"Eigentlich ist es egal, was der sagt", meinte sie. "Es stimmt eh nie."
"Das weiß ich doch. Mich interessiert aber, wie er sich 'rausredet. Das finde ich echt spannend, welche Erklärungen er sich einfallen läßt."
"Der soll Yara nicht immer belügen."
"Haben die was miteinander?"
"Das weiß man nicht so genau."
Als Max nach Hause wollte und ich mich auf der Tanzfläche von ihm verabschiedete, meinte er:
"Du wirfst dich mir nur an den Hals wegen meiner zukünftigen Popularität."
"Tja, Beziehungen sind alles", sagte ich.
Tron rief am ersten Weihnachtstag an und erzählte, 2006 sei ein schlimmes Jahr gewesen, eigentlich ein verlorenes, da er sehr unter Depressionen und Panikattacken gelitten habe. Doch nie habe er die Freude am Leben ganz verloren, er hänge doch am Leben.
Tron informiert sich schon seit der Kindheit voller Interesse über Krankheiten. Zur Zeit befaßt er sich mit allem, was im Internet über Lungenkrebs zu finden ist. Seine Sorge, Lungenkrebs zu bekommen, ist berechtigt, weil er raucht.
Über das W.E-Forum erzählte Tron, er habe sich dort im Laufe der Zeit unter acht verschiedenen Namen registrieren lassen. Gegenwärtig seien Neuanmeldungen in dem Forum nicht möglich. Das liege wohl an Icon, der das Forum hostet.
Auf der Website von Rafas Zweit-Band H.F. soll es neuerdings eine gif-Animation mit meinem Bild geben, unter der geschrieben steht:
"Wir müssen leider draußen bleiben."
Im Internet fand ich Trons Bericht bestätigt. Sogleich lud ich das Corpus delicti herunter. Und ich informierte den offiziellen Betreiber der Website von H.F. Dann informierte ich Icon, Tyra, Berenice und Rafas Label und teilte allen mit, daß ich Rafa anzeigen werde, wenn die grob beleidigende Datei nicht umgehend von der Seite verschwindet. Eben das habe ich Rafa auch ins "Nachtkuss"-Gästebuch geschrieben. Wenn Rafa also nicht diese Datei entfernt, zeige ich ihn wegen Beleidigung an.
Azura erzählte in einer E-Mail, daß ihre Lieblings-Discothek in M. zum Jahresende schließt:

Ich weiß schon, daß ich vermutlich heulend rausgehen werde. Schon letzen Freitag waren nach langer Zeit alle wieder da, die ich jemals dort kennengelernt hatte, auch Leute von früher und Freunde aus der Ferne, die M. mal verlassen haben, und es war schön und traurig zugleich. Das Gefühl, das ich habe, kommt dem nahe, wenn man weiß, der Partner geht ins Ausland und kommt nicht mehr zurück, und man wird ihn deshalb verlieren, weil die Beziehung zerbricht und man ihn nie wiedersieht.

So ähnlich ist es mir schon mehrmals gegangen, wenn Veranstaltungszentren, die mir viel bedeutet haben, geschlossen wurden.
Am zweiten Weihnachtstag waren Constri, Merle, Elaine und ich im Opernhaus und sahen die "Zauberflöte", eine fröhlich-bunte Inszenierung, die uns allen sehr gefiel. In der Pause gab es Brezeln und Getränke, wie früher, als Constri und ich in unserer Teenagerzeit fast jede Woche in der Oper waren.
Elaine hatte sich schick gemacht, mit Glitzer-Ohrringen und Steckfrisur. Zum Geburtstag hatte sie Geld bekommen, von dem sie ihren Pausensnack im Opernhaus bezahlte. Sie möchte sich gut überlegen, wofür sie das Geld ausgibt; am liebsten würde sie ein Sparkonto eröffnen. Das ist allerdings mit dem Risiko verbunden, daß ihr das Geld - auch wenn es nur achtzig Euro sind - vom Staat weggenommen wird, weil ihre Mutter Sozialhilfe empfängt.
Konzernchefs und Aufsichtsräte dürfen sich auf Kosten von Aktionären und Mitarbeitern hemmungslos bereichern. Den Leuten jedoch, die unterhalb der Armutsgrenze leben, werden Kleinbeträge vom Staat weggenommen.
Elaine erzählte, sie würde zwar gerne eine Hollywood-Karriere machen, wäre aber auch mit einem ganz normalen, bodenständigen Beruf zufrieden, etwa als Verkäuferin in einer Modeboutique.
Mit Constri war ich zum Jahresende in der Innenstadt, wo sie ihr Weihnachtsgeschenk bekam, ein Haarteil. Es ist aus Echthaar und hat beinahe Constris Haarfarbe.
Constri erzählte bei einem Becher Latte Macchiato, wie die bald vierjährige Denise Betrachtungen zum Für und Wider anstellte:
"Ich habe mir überlegt, wenn ich den Teddy mitnehme, kann er verlorengehen, also lasse ich ihn lieber zu Hause. Dawegen."
Denise bringt Constri manchmal Gegenstände, die Constri gehören, und macht sie ihr zum Geschenk. Wenn Constri von Denise ihre eigenen Gegenstände wiederhaben will, kann es sein, daß Denise entgegnet:
"Nein, das ist meins, ich hatte das zuerst."
Mit den Ostheimer-Krippenfiguren, die ebenso designerhaft-ästhetisch wie robust und kindgerecht gestaltet sind, spielt Denise ihre eigenen Geschichten nach. Da kommt es vor, daß sie sagt:
"Der Hirte hat mich gehauen!"
... oder:
"Maria will jetzt nicht mehr hauen, Maria will wieder lieb sein!"
Und wenn Maria arbeiten gehen muß, ruft das Jesuskind:
"Mama, komm bald wieder!"
Jay, der knapp zweijährige Sohn meiner Cousine Vivien, hat auch seine eigene Art, mit Krippenfiguren zu spielen: Der Esel versteckt sich im Stall, und der Ochse muß suchen.
Vivien und ihr Mann Alban hatten eine Beziehungskrise. Alban verliebte sich in eine Sängerin aus dem Chor, in dem Vivien und er Mitglieder sind. Sie lehnte es jedoch ab, mit Alban ein Verhältnis anzufangen, weil sie nicht am Zerbrechen der Ehe von Vivien und Alban schuld sein wollte. Nur so wurde ein Seitensprung verhindert.
Wilf, der hochbetagte zweite Ehemann meiner Mutter, ist dement und pflegebedürftig geworden. Ich riet meiner Mutter, die Söhne aus seiner ersten Ehe anzurufen. Sie tat das, und die Söhne waren überaus dankbar. Sie kamen alle drei zu Besuch.
Wie sich herausstellte, hatte Wilf selbst einen beträchtlichen Anteil daran, daß in den letzten zwanzig Jahren kaum noch Kontakt zwischen ihm und seinen Söhnen bestanden hat. Beim Niedergang von Wilfs Firma Mitte der achtziger Jahre hatte ihm sein ältester Sohn Unterstützung angeboten, womit die Firma zu retten gewesen wäre. Doch anstatt dankbar und stolz auf den wohlgeratenen Sohn zu sein, hatte Wilf ablehnend reagiert und dem Sohn das Hilfsangebot sogar zum Vorwurf gemacht. Schließlich hatte er zu seinem Sohn gesagt, er brauche ihm nicht mehr unter die Augen zu kommen. Daraufhin brach der Sohn den Kontakt ab. Wilf hingegen stellte es meiner Mutter gegenüber so dar, als wenn der Sohn sich böswilig vom Vater abgewendet hätte. Ähnliche Konflikte gab es auch zwischen Wilf und seinen anderen Söhnen. Die erste Ehe von Wilf, aus der die Söhne stammen, soll von Anfang an unglücklich gewesen sein. Die Eheleute sollen viel gestritten haben und sich ansonsten kaum etwas zu sagen gehabt haben. Wilf hat uns gegenüber behauptet, er habe damals nur geheiratet, weil er im Zweiten Weltkrieg an die Front mußte und ihm nach einer Heirat mehr Urlaub zustand.
Für die Söhne war das Wiedersehen mit ihrem Vater ein wichtiger Schritt, um in Frieden wieder zueinanderzufinden und mit der Vergangenheit abzuschließen. Der verwirrte Wilf erkannte seine Söhne und lächelte, als er sie sah.
Bei einem Besuch in HB. erzählte Folter, er sei nicht bei Cirils Beerdigung gewesen. Vor allem Rufus sei durch Cirils Tod schwer getroffen. Er war einer seiner engsten Freunde. Jedoch seien auch Rufus und Geneviève nicht bei Cirils Beerdigung gewesen.
Ciril soll mehrmals die Wohnung gewechselt haben, und bei jedem Umzug sollen sich seine Wohnverhältnisse verschlechtert haben. Zuletzt soll er in Bahnhofsnähe in einem heruntergekommenen Hochhaus gewohnt haben; seine Wohnung soll unglaublich verwahrlost gewesen sein.
Geneviève meinte, Ciril sei nicht zu helfen gewesen.
"Man hätte ihn nur für immer wegsperren können", sagte ich dazu, "aber erstens hätte man ihm damit auch keinen Gefallen getan, und zweitens hätte er sich dann trotzdem noch umbringen können."
Der diesjährige Winter findet nur im Kalender statt. Es ist so warm wie in manchem Sommer nicht. Weihnachtsstimmung konnte schon wegen der warmen Temperaturen kaum aufkommen. Zwischen Weihnachten und Neujahr gab es fast nur Regen. Morgens fuhr ich in der Dunkelheit und der unpassenden Wärme zur Arbeit und sah auf den Trittbrettern eines Müllwagens die Müllmänner tanzen. Sie hörten wahrscheinlich mp3's.
"So kann man sich auch amüsieren", dachte ich, "immer das Beste daraus machen."
Rafa hat im "Nachtkuss"-Gästebuch alles gelöscht, was ich geschrieben hatte. Unter dem Nickname "Wer nicht hören will ..." schrieb er:

Jedem das was ihm zusteht!
*langsam mal wieder Zeit hab*
Kleinigkeiten versüßen das Sterben!

Ich schrieb unter den Nickname "Stimmt.":

Stimmt, die Strafanzeige steht dir zu. Also wirst du sie bekommen. Du siehst, du kannst dich immer auf mich verlassen.

Inzwischen ist die haßerfüllte gif-Datei von der H.F.-Website verschwunden. Meine E-Mails haben Wirkung gezeigt. Rafa wollte sich anscheinend schadlos halten und schrieb ins "Nachtkuss"-Gästebuch als "... muß fühlen!":

Undankbar, unbumsbar, sinnlos, hässlich ...
Wann verstehst Du endlich, dass Dich in meinem Umfeld wirklich alle Menschen abgrundtief hassen und dass Dir das Echo in Kürze bevor steht?

Ich schrieb als "Von mir kannst du noch eine Menge lernen.":

Gewiß, neben mir, einer der schönsten, strahlendsten, begehrtesten Frauen des Abendlandes, fühlst du dich bestimmt klein und unbedeutend, das würde dein irrationales Verhalten erklären. Immerhin hast du bezüglich der gif-Datei doch noch Vernunft angenommen ... das ist sehr erfreulich. Auf eine Strafanzeige kann ich also Gottseidank verzichten. *erleichtert sei*
Was übrigens deine zwei oder drei Vasallen angeht - daß die mich hassen, glaube ich gern, sie wollen es sich ja nicht mit dir verderben. Die anderen Leute aus deinem Umfeld gehören auch zu meinem Umfeld, was Haß wohl ausschließt. Mich dauert, daß du dich mit deinem Selbsthaß quälst, aber du kennst wahrscheinlich das folgende Gesetz noch nicht:
"Um sich sicher zu fühlen, braucht man nicht Mauern, sondern Tore!"
Wenn du nicht dein Leben dem Haß und der Abstumpfung gewidmet hättest, würdest du diese Weisheit längst erfahren haben ...

Rafa löschte in den folgenden Tagen den gesamten Thread.
In der Nacht vor Silvester war ich mit Heloise und Barnet in PB. in einer Discothek, wo eine Elektro-Wave-Party stattfand. Die Musik gefiel mir so gut, daß ich während der vier Stunden, die wir dort waren, fast durchgehend auf der Tanzfläche war.
In der Discothek waren auch Ary-Jana, ihr Freund und ein gemeinsamer Bekannter namens Mervin. Demnächst wird Mervin an einem Afghanistan-Einsatz teilnehmen.
Zu Silvester hatte ich Constri, Merle, Gesa, Terry, Linus und Zoë zu Gast. Es gab Käsefondue. Terry und Linus brachten Batida de Coco und Kirschsaft mit. Ich servierte Sambuca mit Kaffeebohnen - angezündet natürlich - und außerdem Sekt und Rotwein.
Die Sektflasche, mit deren Inhalt wir aufs neue Jahr anstießen, hatte ich von meinem Chef geschenkt bekommen, der dieser Flasche ein handgeschriebenes Kärtchen beigefügt hatte. Vielleicht fühlte er sich schuldig, weil er meiner Kollegin Marga und mir bisher keinen Ersatz für verlorene Kollegen schaffen konnte. Nur die launische Oberärztin ist zur Unterstützung da. Einmal ist sie Marga über den Mund gefahren, ohne Respekt gegenüber der älteren Marga zu zeigen. Da sagte Marga:
"Auf diese Art will ich nicht mit mir reden lassen."
Die Oberärztin entgegnete schnippisch:
"Sie können ja gehen, wenn es Ihnen nicht gefällt."
Marga erwiderte:
"Sie sind es, die eines Tages gehen muß, weil niemand mit Ihnen klarkommt!"
Die Oberärztin meldete sich daraufhin krank.
In diesem Jahr habe ich zu Silvester keine Knaller gekauft, weil es die nur im Großpackungen gab, und ich hätte nur eine kleine Menge haben wollen. Im Schrank fand ich noch vier Chinaböller und etliche Wunderkerzen. Auf dem Balkon schwenkten wir die Wunderkerzen. Die Chinaböller warf ich ausnahmsweise vom Balkon, weil sich auf der Straße gerade niemand befand und ich die Böller in den Rohbau eines mehrstöckigen Hauses schleudern konnte, das gegenüber hochgezogen wird und mir und meinen Mitbewohnern die Aussicht versperrt. Daß es ausgerechnet in die Brache gestellt wird, die uns bisher den Blick ins Grüne ermöglichte, ist tragisch.
Anfang Januar waren Denise und ich zum Abendbrot bei meiner Mutter. Sie zeigte mir eine Ansichtskarte von Wilfs mittlerem Sohn, der sich sehr herzlich dafür bedankte, daß sie ihn eingeladen hatte, um seinen Vater wiederzusehen. Der jüngste Sohn war sehr gerührt, als Wilf seine Hand festhielt und ihn nicht gehen lassen wollte; da bekam er Tränen in den Augen.
Die Pflegerin, die heute abend erschien, um Wilf zur Nacht zu versorgen, war Odettes Schwester Celane, die Mutter von Odettes Neffen Ismon und Astin. Celane hat eine Schmalspur-Ausbildung in der Pflege gemacht und ist seit Langem bei der Gemeinde angestellt. Sie wohnt jetzt in der Eigentumswohnung, wo Odette mit ihrem Mann lebte, bevor Darren sich ankündigte. Celane ist zur Zeit ohne Lebensgefährten, und die erwachsenen Söhne haben das Nest verlassen.
Am Abend darauf war ich bei Odette und ihrer Familie. Wir aßen die feinen Sachen zu Abend, die von Silvester im Kühlschrank übriggeblieben waren, darunter Räucherforelle und Räucherlachs mit Meerrettichsahne. Darren wächst zu einem kräftigen Kleinkind heran und beginnt allmählich zu robben. Er mag besonders die Spielzeuge, die Klänge von sich geben, wenn man sie berührt.
Odette erzählte, zum Muttertag habe sie von ihren Neffen rote Rosen geschenkt bekommen. Ismon und Astin hatten ihre Tante Odette am Muttertag mehr gewürdigt als ihre Mutter. Odette hat sich von Anfang an sehr um die Jungen gekümmert. Als Astin überlegte, sich bei der Bundeswehr zu verpflichten, hatte Celane das begrüßt, Odette jedoch machte sich Sorgen, denn heutzutage werden Soldaten mehr und mehr zu Auslandseinsätzen herangezogen und setzen dort ihr Leben aus Spiel. Odette freut sich, daß Astin sich anders entschieden hat; er holte auf der Fachoberschule das Fachabitur nach und studiert nun sein Wunschfach Maschinenbau. Er wohnt während des Studiums in Ostwestfalen bei Odettes Lieblingstante.
Ismon ist in der Nähe geblieben. Er wohnt mit seiner Freundin in einer Wohnung, die deshalb so günstig ist, weil niemand neben der Müllkippe wohnen will.
In Rafas "Nachtkuss"-Gästebuch, das nun wieder fast leer ist - nur Dariennes Eintrag ist erhalten geblieben - schrieb ich als "oh noch so leer":

oh noch so leer das guestbook, keiner steht drin, da will ich auch mal reinschreiben

"andere kl. Freundin" (wer auch immer das war) schrieb:

na endlich wurde hier mal wieder aufgeraeumt ... das geseier konnte man sich ja nicht mehr mit ansehen ... :)

Ich schrieb unter Dariennes Künstlernamen "Plastik":

Stimmt, die dummen Sprüche von Rafa waren einfach schrecklich! Sowas will doch keiner lesen.

Im W.E-Forum wurde über Zigarettenautomaten diskutiert, die neuerdings persönliche Daten einlesen. Mehrere Forum-Mitglieder würden die Zigarettenautomaten gerne ganz abschaffen. Als "xor" schrieb ich:

Also, ich würde auch vorschlagen, die Kippenautomaten ganz abzuschaffen. Und ich würde vorschlagen, die Kosten für Tabakwaren noch weiter zu erhöhen, denn durch die bisherigen Erhöhungen ist der Zigarettenkonsum zurückgegangen, mehr Leute haben mit dem Rauchen aufgehört und dadurch ihr Leben verlängert.
Die Kosten, die durch die rauchbedingten Krankheiten entstehen, sind überdies deutlich höher als die Einsparungen durch den frühen Tod an diesen Krankheiten.

Am Freitag waren Constri und ich im "Mute". Loulou berichtete, daß sie sich von Timon getrennt hat. Man habe sich auseinandergelebt. Der ehemalige Lebensgefährte von Dina-Laura war mit seiner jetzigen Freundin da.
Mavie war mit ihrem Ehemann im "Mute" und erzählte, daß sie sich ein zweites Kind wünschen.
"Ich hätte auch so gern Kinder", seufzte ich, "aber es gehören zwei dazu. Leider empfinde ich nur für einen einzigen Mann etwas, und der ist ein Taugenichts."
Mavie feierte heute im "Mute" ihren neunundzwanzigsten Geburtstag. In der frohen Runde wurde Tequila ausgegeben, auch ich bekam einen, Tequila Gold mit Orangenscheibe und Zimt.
"Das ist jetzt genau das Richtige", freute ich mich.
Im "Mute" waren viele gutaussehende Herren unterwegs, und nicht alle waren vergeben.
"Warum verliebe ich mich nicht?" dachte ich. "Warum schaue ich mir die hübschen Herren nur wie eine Schaufenster-Dekoration an, ohne daß sie mich im Inneren berühren?"
Ich bin nicht imstande, zu lügen, wenn es um Gefühle geht. Ich bin verdammt zur Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Ich kann mich nicht verkaufen, um keinen Preis der Welt.
Am Samstag war ich bei "Stahlwerk" und wieder mehrere Stunden auf der Tanzfläche.
Irvin erzählte, er mache ein Praktikum bei einer Filmproduktionsfirma und hoffe, daß sich daraus eine Anstellung ergeben werde.
"Du hast viele Leidensgenossen", merkte ich an. "Das ist die 'Generation Praktikum', das habe ich erst vor Kurzem gelesen. Hochqualifizierte Arbeitskräfte kriegen nur Praktikumsplätze, und wenn das Praktikum zu Ende ist, müssen sie gehen, und ein neuer Praktikant wird eingestellt. Das sind billige Arbeitskräfte."
Sofie hat drei Jobs, zwei davon beim Fernsehen. Wie früher schon bereitet sie Quizshows vor. Ihr Freund hat mir ihr Schluß gemacht, indem er sich einfach immer seltener bei ihr gemeldet hat.
"Männer sind feige", meinte Sofie.
Sasso reichte mir die Hände und tanzte mit mir, nachdem er mich ausgiebig umarmt und gebusselt hatte. Er trug einen Tarnanzug und eine Gasmaske.
Rega war heute nicht da; ihm war die Anfahrt aus Hessen zu weit geworden.
Meine Schulfreundin Asra erzählte am Telefon, daß sie in der evangelischen Fachhochschule einen Vortrag von dem Chefarzt des Irrenhauses in Snd. gehört hat. Das sei ein furchtbarer Mensch, der für Geld alles mache.
"Völlig ohne Rückgrat", bestätigte ich. "Verlogen und arrogant."
Solche Menschen machen Karriere.
Clarice sagte am Telefon, sie könne sich gut vorstellen, daß Rafa eifersüchtig geworden ist, als er im "Nachtbarhaus" dabei zuschauen mußte, wie Leander und ich die Köpfe zusammensteckten und miteinander tanzten. Es könne sogar der Auslöser dafür gewesen sein, daß Rafa kurz danach die Haß-Datei auf die Website von H.F. stellte.
An Berenice schrieb ich:

Daß Rafa ausgerechnet Mitte Dezember das Haß-gif gegen mich auf die H.F.-Titelseite gestellt hat, kann damit zusammenhängen, daß am 09.12. sowohl er als auch Darienne als auch ich im "Nachtbarhaus" waren. Darienne saß die meiste Zeit am Rand. Rafa stand ununterbrochen am DJ-Pult, allein für sich. Und ich amüsierte mich, zuletzt im angeregten Gespräch mit Leander, dem gutaussehenden Exmann meiner Freundin Clarice. Rafa konnte die angeregte Unterhaltung von dem Adonis Leander und mir sehr gut beobachten, weil wir am Rande der Tanzfläche saßen und er direkt auf uns gucken mußte. Leander und ich steckten die Köpfe zusammen, kicherten und tanzten auch miteinander, bis zum Kehraus.
Nun, ich hätte nicht gedacht, daß mein Amusement im "Nachtbarhaus" bei Rafa irgendwelche Aggressionen bzw. gar Eifersucht hervorrufen konnte, trägt er doch sein Desinteresse an mir so demonstativ zur Schau. Aber vielleicht habe ich mich entgegen der Wahrscheinlichkeit doch geirrt, und Rafa raste vor Eifersucht ... und vielleicht raste auch Darienne, vor Neid. Jedenfalls stand kurz darauf das Haß-gif auf der H.F.-Titelseite.
Wenigstens hat Rafa sich nicht erdreistet, auf die wesentlich mehr frequentierte W.E-Seite ein Haß-gif zu stellen.
Rafa müßte sich eigentlich daran gewöhnt haben, daß es mich gibt, aber seine Aggressionen gegen mich kochen immer wieder hoch, er muß sich immer wieder mit mir beschäftigen.

Tyra erzählte am Telefon, daß Rafa sie kurz nach ihrer Rückkehr aus Süddeutschland zu sich gebeten hat. Annäherungsversuche habe er dieses Mal nicht gemacht. Auf seinem Couchtisch habe eine aufgeschlagene Ausgabe der Lokalpresse gelegen, wo ein Interview mit Darienne zu lesen war. Darienne soll "mit bescheiden über die Schulter fallender Haarlocke" über "ihre" Band W.E berichtet haben, "ohne jede Überheblichkeit". Sie soll berichtet haben, es sei anstrengend, daß man auf den Tourneen alles mit dem Auto machen müsse, da einer der Bandmitglieder Flugangst habe, doch das schweiße die Band nur umso mehr zusammen.
Rafa macht aus seiner Flugangst keinen Hehl.
Darienne soll auch über ihre Ausbildung zur Friseurin berichtet haben. Tyra wunderte es, daß ausgerechnet Darienne, die in beiden Bands von Rafa eine Nebenrolle spielt, hier präsentiert und wie ein Star herausgestellt wurde:
"Wieso kriegt die ein Interview?"
"Ihre Mutter arbeitet doch bei der Zeitung", löste Rafa das Rätsel.
Beiläufig erkundigte sich Rafa:
"Und, wie geht's deiner Freundin Hetty?"
"Das weiß ich nicht, wir sehen uns nicht so oft, wir mailen nur manchmal", antwortete Tyra. "Du müßtest das doch besser wissen, du hast im Moment ja mehr Kontakt zu ihr."
"Hab' ich nicht!"
"Hast du doch."
"Nein! Die ist irre!"
"Wieso ist die irre?"
"Die ist irre! Die will mich anzeigen!"
"Warum will die dich anzeigen?"
"Weil die irre ist!"
Um keinen Preis wollte Rafa damit herausrücken, was er angestellt hatte. Und Tyra tat so, als wenn sie es nicht längst wüßte.
Tyra und ich wollen am übernächsten Wochenende nach L., wo Berenice zum ersten Mal mit ihrer eigenen Band auftritt und Tyra mit ihr auf der Bühne steht. Die Band tritt im Rahmen eines Benefiz-Festivals auf. Headliner ist - Ironie des Schicksals - Rafa mit seinem wieder aufbereiteten Projekt Feindsender 64.3 - freilich will er dann auch ältere W.E-Titel spielen.
Tyra hat es geschafft, mit Hilfe eines Anwalts einen betrügerischen Handyvertrag zu kündigen. Sie wird den Vertrag allerdings erst im September los. Ich hatte ihr gesagt, daß ihr ein Anwalt nach dem Armenrecht zusteht. Tatsächlich hat sie für den Anwalt nicht mehr bezahlen müssen als 11,80 Euro. Sie ist wegen dieses Vertrags immer schon kurz nach dem Ersten blank. Doch achtet sie inzwischen darauf, stets einen Vorrat Haferflocken und Milch zu halten, damit keine neuen Hungerphasen eintreten können. Auch Nudeln verwendet sie als preiswerte Vorrats-Lebensmittel.
Weil Tyras Handy aufgrund ihrer mangelnden Solvenz nicht immer funktioniert, ist es manchmal schwer, sie zu erreichen.
"Du löst dich immer mal wieder auf", meinte ich.
"Wie eine Aspirin-Tablette", ergänzte Tyra.
"Mich erinnert das an deine schrecklichen Erlebnisse, wenn du das Gefühl hattest, dich in Nichts aufzulösen."
Tyra berichtete, schon seit Monaten habe sie kein so schreckliches Gefühl mehr gehabt, und sie habe auch keine Träume von der ekligen Masse mehr gehabt, die ihr den Mund verstopfte.
In N. hat Tyra Lebkuchen gekauft. Ich empfahl ihr den Lebkuchen-Bruch, was bedeutet, daß man für wenig Geld viele Lebkuchen bekommen kann, die äußerlich ein wenig schadhaft sind, aber genauso frisch und lecker wie die heilen. Tyra aß viele Lebkuchen in kurzer Zeit.
Rafa soll Tyra übrigens nicht zu seinem Geburtstag eingeladen haben. Er konnte sich denken, daß Tyra kein Verlangen hat, ihn zu besuchen, wenn Darienne anwesend ist.
Tyra hat Rafa bisher nur ein einziges Mal an seinem Geburtstag besucht, das war vor zwei Jahren, als auch ich da war. Da war Rafa mit Berenice nicht mehr und mit Darienne noch nicht zusammen, dennoch versteckte er sein Verhältnis mit Tyra vor der Außenwelt; er wollte sie nicht als seine Freundin präsentieren.
An Rafas Geburtstag schrieb ich frühmorgens als "unendlichkeit" in das "Nachtkuss"-Gästebuch:

Leider kann auch dieses Jahr nicht gratuliert werden. Es gibt zur Zeit auch nicht wirklich etwas, zu dem man dir gratulieren könnte. Erwachsenes, verantwortungsbewußtes Verhalten sucht man bei dir vergeblich.

Rafa hatte die vorherigen Einträge noch nicht gelöscht. Erst einige Tage später löschte er alles nach dem Eintrag von "andere kl. Freundin". Ich schrieb als "noch 1 kl. freundin":

stimmt, das dumme geschwätz von den anderen kl. freundinnen ist einfach schrecklich, aber dummheit tut nicht weh, im gegenteil, kann viele vorteile bringen

Am Tag danach erschien ein Eintrag von "s.":

dann pass mal auf, dass du in deinen vorteilen nicht erstickst

Ich schrieb als "so lange du nicht dran erstickst":

mit dem vorteil der dummheit bin ich nicht gesegnet - wenn ich so dumm wäre wie manche leute oder mich so dumm stellen würde wie manche leute, wäre ich längst in den olymp der berühmtheit aufgestiegen und dürfte für rafa singen, bzw. so tun, als ob

Am Tag danach schrieb jemand namens "Fisch":

Haltet bitte alle mal die Fresse. Danke

Ich schrieb als "ok":

ok, wir sind ruhig, ok

Im W.E-Forum gibt es neuerdings "Umbauarbeiten". Seit Rafas Geburtstag ist das Forum außer Betrieb.
Rafa veröffentlicht unterdessen Comics über einen jugendlichen C64-Freak namens "Honk", der entfernte Ähnlichkeit mit ihm selbst hat. Die Comics handeln von Sex-Fantasien, strengen Lehrern und Kinderzimmer-Computer-Basteleien. Der Humor dieser Comics bewegt sich auf pubertärem Niveau.
Ähnlich pubertär wirkt auf mich die "Commander L."-Hörspiel-Reihe. Rafa scheint durch diese Projekte seine Kinderwelt zurückholen zu wollen. Er scheint Zuflucht darin zu suchen, wie in einem Parallel-Universum.
In einem populärwissenschaftlichen Magazin hat Rafa vor einiger Zeit etwas zu der Frage gepostet, ob man zu einem Schwarzen Loch reisen könne. Er schrieb:

Man könnte es ja einmal ausprobieren. Nur den Probanden würde man nie wieder sehen / finden, weil er:
a) gestorben wäre, ehe er ein Schwarzes Loch erreicht hat
b) die Erde wohl nicht mehr existieren würde, wenn er wiederkommen sollte und
c) er vom Loch verschluckt würde, falls er wirklich ankäme ;)

Dariennes Bild aus der Zeitung habe ich im Internet gefunden. Sie zeigt das hellgrün geblümte Kleid, das sie neuerdings bei Konzerten trägt. Sie versucht, zu lächeln. Unter dem Bild steht:

Vor 10.000 begeisterten Zuhörern hat Darienne mit ihrer Band "W.E" bereits gespielt, unter anderem in dem Bühnenkleid im Stil der fünfziger Jahre, das sie stolz präsentiert.

Der Text suggeriert, daß es sich bei W.E um eine Band handelt, in der Darienne mindestens ein gleichberechtigtes, wenn nicht führendes Miglied ist.
Am Freitag war ich im "Roundhouse". Joujou erzählte von einer Prüfung, die sie bestanden hat, und von einem Neurologen, bei dem sie sich verstanden fühlt. Sie läßt sich dort wegen Narkolepsie und Migräne behandeln.
Im "Roundhouse" traf ich auch Heloise, Barnet, Yara und Max. Max freute sich, weil ich mir gemerkt hatte, daß er Politikwissenschaften studieren will. Viele andere könnten sich das nicht merken und fragten beispielsweise, wann denn sein Psychologie-Studium beginnen werde.
Artemis erkundigte sich per SMS, ob ich auch zu dem Benefiz-Festival nach L. fahre.
"Ja, da bin ich auch!" antwortete ich. "Fein, dann sehn wir uns! LG Hetty"
"Ha! Korrekt, da sieht man sich mal wieder! Das wird hoffentlich ein W.E-Konzert, das ein wenig Geschichte schreibt, da wirds alt *fg* LG Artemis"
"Ja, ich hätts eh besser gefunden, Rafa wär von Anfang an bei dem Bandnamen Feindsender geblieben. Lassen wir uns überraschen ... LG Hetty"
"Hm. Meine aber zu glauben, dass die Feindsender nich behalten durften wegen irgendwelchen Plattenblubbergründen?! oO Na mer wird sehn, wies wird! : )"
"Gegen Feindsender hatte nur ein Label etwas, das es längst nicht mehr gibt + wo die damals auf einen Sampler sollten. Das jetzige Label hat nix gegen Feindsender. CU + LG H"
In der Samstagnacht war ich im "Radiostern". Unter anderem lief mein Wunsch "Epoch" von This morn' omina. Tana war mit ihrem neuen Freund im "Radiostern", in den sie mehr verliebt ist als in Syre. Syre war nicht da.
Tana erkundigte sich, ob ich inzwischen noch mehr Comics von "Sulos Tonnenwelt" online gestellt habe. Ich erzählte ihr von den neueren Comics und der Foto-Lovestory, die ebenso trashig weitergehen soll, wie sie angefangen hat.
Ginger - eine Reiter-Freundin von Cyra - war auch im "Radiostern". Sie erzählte, sie habe angefangen, "Im Netz" zu lesen, und sie habe immer wieder gedacht:
"Ist die mutig."
"Rafa hat getobt", erzählte ich, "aber irgendwann hat er mit mir in Ruhe darüber reden können, und ich habe ein Argument gefunden, das er akzeptiert hat. Ich habe zu ihm gesagt, daß ich kein Selbstmörder bin und daß die Geschichte ich selbst bin, daß ich sie also nicht offline stellen kann, ohne damit mich selbst zu vernichten. Und das hat er verstanden! Er wollte aber, daß ich den Satz hineinstelle:
'Wenn ich das lösche, sterbe ich.'
'Gut!' habe ich gesagt."
"Ganz schön mutig."
"Ohne Mut kommt man nirgendwo hin."
"Das stimmt."
Stellan erzählte, er sei letztes Mal, als wir uns trafen, völlig betrunken gewesen, nur deshalb habe er mir seine schrecklichen Erlebnisse beim Auslandseinsatz anvertraut. Er wolle allein damit fertigwerden, es wegschieben, wenn es irgend gehe.
"Manchmal muß erst der rechte Zeitpunkt kommen, um etwas aufzuarbeiten", meinte ich.
Reesli weiß noch nicht, ob er dieses Jahr seinen Geburtstag feiern will. Er trauert um seine Großmutter, die kürzlich gestorben ist.
Morgens, als die letzten Gäste den "Radiostern" verließen, überredete mich Timon, mit ihm bei "McGlutamat" zu frühstücken. Er gab mir einen aus, und ich fuhr ihn, so kamen wir überein. Wir setzten uns in eine der gepolsterten Sitzecken, mit denen "McGlutamat" gemütlicher wirken will.
Timon erzählte von seiner Nichte, die Anfang Januar zur Welt gekommen ist. Er betonte, keine Kinder zu mögen, "Katzen sind schöner", aber dennoch scheint er sich über das Kind zu freuen.
Timon zeigte Handy-Fotos von einer seiner beiden Katzen. Nur eine lasse er in sein Schlafzimmer. Ich erzählte, daß meine Katzen sich gern zu zweit in meinem Bett räkeln und laut schnurren.
Timon ist tief gekränkt, weil Loulou ihn verlassen hat. Er hat vor, eine Beziehung mit einer hübschen Neunzehnjährigen zu beginnen, die er bisher nur von Fotos und E-Mails kennt.
Während Timon und ich frühstückten, gesellten sich noch andere späte Gäste des "Radiostern" zu uns. Auch Noreen war darunter, die seit Langem mit Timon befreundet ist. Noreen erzählte, sie kenne mich vom Sehen schon sehr lange. Ich würde immer über die Tanzfläche fliegen. Noreen ist mit Zoës ehemaligem Lebensgefährten Merlon gut befreundet. Ich bat Noreen, Merlon von mir zu grüßen.
Nach dem Frühstück fuhr ich Timon nach Hause. Er wohnt wieder im Haus seiner Eltern. Er hat genügend Geld für eine eigene Wohnung, genießt jedoch die Geborgenheit im Elternhaus, solange er nicht neu gebunden ist.
Henk rief an und wollte die Telefonnummer meiner Mutter, weil sie ihn um einen Hausbesuch bei Wilf gebeten hat, für einen Haarschnitt.
"Ich weiß, er liegt im Bett", sagte Henk, "deshalb tut es mir leid, daß ich mich nicht schon eher bei deiner Mutter gemeldet habe."
Die bedrückende Situation erinnert Henk an die letzten Tage seines Bruders Marek. Der starb vor dreizehn Jahren elendig an AIDS.
Henk arbeitet in einem Friseursalon in Awb., wo sich inzwischen fast meine ganze Familie die Haare schneiden läßt. Inzwischen kenne ich Henk seit mehr als zwanzig Jahren. Unsere Freundschaft ist eng, eigentlich familiär. Man könnte von Seelenverwandtschaft sprechen.
Als ich Henk erzählte, daß außer mir auch Heloise und Joujou sich ausdrücklich wünschen, ihn auf meiner Geburtstagsfeier zu sehen, sagte er:
"Oh Mensch, da war ich doch nur besoffen."
"Ja, aber sie fanden dich wirklich nett und richtig süß. Heloise hat erzählt, wie du versucht hast, sie abzufüllen ... das wäre so lustig gewesen ..."
Am Freitag war ich "Nachtbarhaus", wo es wieder eine Travestie-Show gab. Carla führte dieses Mal durch die Show. Ein Spruch, der mir besonders gefiel:
"Ich stamme von einem anderen Planeten, von einer anderen Galaxie. Mein Therapeut sagt, es ist in Ordnung."
Carla zeigte wieder die Laser-Show in Grün und das hinreißende "La Habanera" im rot leuchtenden Kostüm. Ein Travestie-Künstler führte einen Pseudo-Striptease vor: Alles, was es zu sehen gab, waren Attrappen aus Stoff und Zauberwatte.
Nach der Show gab es wieder eine gemütliche Runde. Sylvie und ich saßen mit den Travestie-Künstlern auf dem großen Podest und plauderten.



Am Samstagmorgen fuhr ich mit Tyra nach L. Tyra erinnerte sich, daß Rafa ihr vor drei Jahren verboten hat, sich im "Read Only Memory" ein Konzert von Das P. anzuschauen. Rafa hatte dadurch eine Begegnung von Tyra und Berenice verhindern wollen. Tyra erschien trotzdem. Sie beobachtete, wie Rafa und Berenice heftig miteinander stritten.
"Rafa ging streitenderweise mit Berenice an mir vorbei ... der hat vielleicht geguckt", erzählte Tyra, "das war ihm bestimmt peinlich."
Berenice soll viele Cocktails getrunken haben und sich in sehr angespannter Stimmung befunden haben. Auch auf der Treppe zum Backstage soll sie mit Rafa gestritten haben. Dort entdeckte Charlize die beiden, und Berenice verlangte von Charlize:
"Sieh zu, daß du Land gewinnst! Das Gespräch geht nur uns beide was an!"
Beim zweiten Konzert von Das P., im Sommer desselben Jahres - während des Festivals im "Read Only Memory" - war Berenice nicht anwesend. Tyra fuhr den Kleintransporter mit der Bühnenausrüstung, weil Charlize einen Arm in Gips trug und nicht Auto fahren konnte.
Rafa zeigte sich nie gemeinsam mit Tyra, das kann ich aus meiner Erfahrung berichten. Tyra folgte seinem Befehl und machte sich unsichtbar, spielte sein Spiel mit. Daß Rafa sich während jenes Festivals lautstark über meinen Roman "Im Netz" aufregte, hatte Tyra damals nicht mitbekommen.
Tyra erinnerte sich, wie Charlize Rafa ansprach, der nach dem Konzert draußen vorm "Read Only Memory" mit mir und mehreren anderen Leuten an einem Tisch saß. Charlize fragte ihn, ob er mitkommen wollte, und er lehnte ab. Charlize und Tyra fuhren daraufhin mit dem Kleintransporter weg. Danach gab es die zweite Unterhaltung von Rafa und mir, vor der Theke, wo Rafa sich zu meinen Füßen auf seinem Koffer niederließ.
Tyra erzählte, daß sie vor vier Jahren versucht hat, Kontakt zu Berenice aufzunehmen. Sie rief Berenice an, die war jedoch nicht zu Hause. Ihrerseits versuchte Berenice damals, Kontakt zu Tyra aufzunehmen. Sie rief Tyra an, doch die war gleichfalls nicht erreichbar. Hätte eine die andere erreicht, wäre Rafas Untreue eher aufgeflogen, und Berenice hätte sich vielleicht damals schon von ihm getrennt.
Tyra erzählte, daß Rafa zu ihr gesagt hat, er habe im Alter von dreizehn Jahren mit seinen Gefühlen einen Pakt geschlossen. Welchen Inhalts der war, wollte er aber nicht verraten. Ich konnte ergänzen, daß Rafa einige Jahre früher eben dasselbe zu mir gesagt hat und daß er auch mir nicht verraten wollte, welchen Inhalts der Pakt mit seinen Gefühlen war.
Ebenso wie ich hatte auch Tyra sich zusammengereimt, daß der Pakt beinhaltete, daß Rafa niemals Gefühle an sich heranlassen wollte.
"Das ist erstaunlich, daß Rafa den Pakt mit seinen Gefühlen so geradlinig durchhält", meinte Tyra.
"Der Kampf gegen seine Gefühle ist für ihn immer aktuell", vermutete ich.
Ebenso wie ich vermutet Tyra, daß Rafa Gefühle zurückdrängen oder vernichten will, um von niemandem enttäuscht werden zu können.
Rafa hat zu Tyra gesagt:
"Wenn du den Rafa richtig kennst, verläßt du ihn sowieso."
"Warum glaubst du das?" fragte Tyra.
"Weiß ich auch nicht", kam es von Rafa.
Zu mir hat Rafa etwa zehn Jahre früher gesagt:
"Ich habe Angst, daß dann, wenn du mich richtig kennst, daß dann Schluß ist."
"Da ist nicht Schluß", antwortete ich.
"Und da bist du dir sicher?"
"Ja. Ganz sicher."
Daraufhin schwieg Rafa, freilich ohne mir zu glauben. Er sagte im Jahr danach zu mir:
"Wenn du mit mir zusammen bist, dann bist du mit mir fertig."
Das verneinte ich, doch Rafa glaubte mir das nicht.
"Rafa will andere Leute enttäuschen, bevor sie ihn enttäuschen können", deutete Tyra Rafas Verhalten, genauso, wie ich schon vor über zehn Jahren sein Verhalten deutete.
Enttäuschen kann ihn am ärgsten jemand, den er liebt; er wählt demnach nur solche Freundinnen, bei denen er sicher sein kann, sich nie in sie zu verlieben.
Die Beziehungen, die Rafa führt, nutzt er nicht als Möglichkeit zur Weiterentwicklung, sondern zur Zementierung des Ist-Zustands. Sie bestehen vor allem aus Konsum: "F..., Fressen, Fernsehen". Tyra bestätigte dies und berichtete, Rafa habe ein Schild in seinem Keller hängen, wo eben diese Worte stehen:
"F..., Fressen, Fernsehen".
Tyra erinnerte sich, wie Rafa von seinem Versuch erzählte, eine Psychotherapie zu machen. Er sei schon nach wenigen Sitzungen nicht mehr zu dem Therapeuten gegangen, mit der Begründung:
"Der ist zu gut. Der hat mich sofort durchschaut."
Neulich, als Wave Gerüchte verbreitete und es Verwirrung gab, sagte Rafa über Wave:
"Der braucht eine Therapie!"
Rafa lag im Bett, Tyra saß neben ihm und schaute ihn mit schiefgelegtem Kopf an. Rafa verstand, was sie ihm damit sagen wollte: daß er selbst ebenfalls eine Therapie brauchte. Er zog sich die Decke über den Kopf und sagte:
"Ach, du kennst mich viel zu gut."
Wir kamen auf den Zeitungsartikel zu sprechen, in dem Darienne erzählte, es sei stressig, alle W.E-Tourneen mit dem Auto machen zu müssen, da ein Bandmitglied Flugangst habe, doch das schweiße die Band nur umso mehr zusammen.
"Das stimmt nicht", berichtigte Tyra. "Bei den langen Autofahrten ist Rafa immer völlig gestreßt und brüllt nur 'rum. Er behauptet aber, das würde die Band nur umso mehr zusammenschweißen, und Darienne plappert ihm das nach."
Darienne soll in dem Artikel behauptet haben, W.E engagiere sich für den Tierschutz. Daß dieses Engagement von Berenice herrührt, erwähnte sie ebenso wenig wie die Tatsache, daß es kein Stück von W.E gibt, das sich mit Tierschutz befaßt. Nur bei dem Sideprojekt Screech gab es das.
Rafa soll immer wieder über Dolf lästern ("Dolf ist echt das Letzte!"), ihn jedoch nie aus der Band werfen ("Der war von Anfang an dabei, den kann ich nicht so einfach 'rauswerfen.").
Über den heutigen Abend sagte Rafa nachdenklich zu Tyra:
"Dann stehe ich mal wieder nur mit Dolf auf der Bühne."
"Sind die Frauen nicht dabei?"
"Normal nicht."
"Ich bin auch da", kündigte Tyra an.
"Ist ja witzig", sagte Rafa.
Daß sie mit Berenice auftritt, sagte sie ihm nicht.
Bei Hendrik gab es Mittagessen am Kaminfeuer. Dann ließ ich mich von Hendrik in Ausgehtracht auf der Innentreppe fotografieren. Ich hatte die schwarze Corsage an, die vorne geschnürt ist. Dazu trug ich die Lack-Puffärmel, die langen schwarzen Spitzenröcke, die langen schwarzen Abendhandschuhe, einen breiten perlmuttfarbenen Choker mit angesetzten Kettchen, die Zöpfchenfrisur mit perlmuttfarbenen und schwarzen Organzastreifen darin und als Haarband ein perlmuttfarbenes Spitzentüchlein. Tyra konnte sich erst im "Blendwerk" umziehen, weil ihr silbrig-weißes Bühnenkostüm dort auf sie wartete.
"Hetty tanzt immer wie eine Elfe", sagte Tyra. "Und sie sieht auch aus wie eine Elfe."
Nachmittags um halb vier kamen Hendrik, Tyra und ich zum "Blendwerk". Hendrik wartete im Eingangsbereich auf uns, während Tyra und ich durch den Saal marschierten, Tyra einen Rollkoffer hinter sich herziehend. Rafa stand auf der Bühne und machte Soundcheck. Er trug sein langärmeliges Batik-Shirt und eine enge schwarzweiß gestreifte Hose. Tyra fiel auf, daß er lauter sang ("Mensch, der brüllt ja voll!"), als er uns bemerkte. Hinter der Bühne stiegen Tyra und ich die Treppe zum Backstage-Bereich hinauf. Dort wurden wir von Berenice erwartet. Berenice und ich umarmten uns kurz, dann übergab ich ihr Tyra und stieg wieder nach unten. Im Saal kam Hendrik mir entgegen, und mit ihm ging ich nach draußen. Im Eingangsbereich traf ich Baryn und begrüßte ihn ebenfalls. Im Hof kam Wave uns mit einigen Leuten entgegen. Wave trug ein Bügelbrett und erklärte, daß er beim Auftritt von Feindsender im Anzug am Bügelbrett stehen sollte.
"Bügel' Rafa schön heiß", empfahl ich. "Er kann das gebrauchen."
Hendrik und ich hatten bis zum Beginn des Festivals noch Zeit, und Hendrik ging mit mir in eine Ausstellung über moderne Geschichte. Das Thema war Flucht und Vertreibung. Beim Betrachten der Fotos erinnerte ich mich, daß ich solche Flüchtlingsbaracken, wie sie dort gezeigt wurden, vor über dreißig Jahren noch selbst in H. gesehen habe. Auch Reste von Trümmerfeldern habe ich in H. damals noch gesehen. Heute findet man die Spuren des Krieges fast nur noch in der ehemaligen DDR, im Westen ist so gut wie alles beseitigt, von Denkmälern abgesehen. In der Ausstellung wurden auch Filmplakate gezeigt von den damals beliebten Kinofilmen, allen voran "Grün ist die Heide", ein Klassiker des Eskapismus.
"Die eskapistische Fassade der fünfziger Jahre ist alles, was Rafa an diesem Jahrzehnt interessiert", sagte ich zu Hendrik. "Rafa will nicht wissen, wie die fünfziger Jahre wirklich waren."
Rafa bevorzugt außer den Stilelementen der fünfziger Jahre auch Stilelemente der DDR. Hendrik betonte immer wieder, er verstehe nicht, weshab Rafa DDR-Symbole verwendet. Hendrik ist in der DDR aufgewachsen und findet deren Stil und deren Symbole "einfach nur dumm". Wenn man Nazi-Symbole zum Schocken verwende, verstehe er das insofern, als man damit wirklich schocken könne, doch das System der DDR sei nichts weiter als dumm gewesen.
"Rafa findet DDR-Symbole schrill", vermutete ich. "Außerdem hat er eine Schwäche für Totalitarismus. Er befaßt sich aber nicht mit Militärdiktaturen und Folter. Er mag lieber die Heile-Welt-Fassade des DDR-Totalitarismus."
Der Beginn des Festivals verschob sich wegen eines erschwerten Soundchecks. Im Vorraum traf ich Artemis und Cyris, und ich stellte sie Hendrik vor. Wave schloß von hinten die Arme um mich und sagte:
"Meine."
Etwas später stellte er mir seine jetzige Freundin vor.
Wave gehörte zu den Veranstaltern des Festivals. Es war ein Benefiz-Festival für Straßenkinder.
Viele Gäste trugen W.E-Fangarderobe und hatten sich W.E-Badges in großer Zahl an Kleider und Taschen gesteckt. In der ersten Hälfte der achtziger Jahre sind Badges schon modern gewesen, jetzt sind sie seit etwa drei Jahren wieder modern und zieren die nachfolgende Generation.
Artemis hat Rafa auf ihrem Revers unterschreiben lassen. Er hat das aufrecht stehende Sachsenring-Emblem gemalt und "Für die Artemis!" geschrieben.
Cyris berichtete, das Verschwinden des W.E-Forums habe wahrscheinlich mit einem Streit zu tun, doch wer mit wem gestritten habe, wolle sie nicht erzählen, "damit keine Gerüchte entstehen". Seit einigen Tagen gibt es ein Fan-Forum, in dem Rafa selbst nicht in Erscheinung tritt.
Vor den Merchandize-Ständen lief Rafa durch die Menge - mit blauer Brille -, und ich konnte sein Handgelenk umschließen und ihm über den Arm streichen. Wie zumeist tat er so, als sei ich nicht da. Er war auffallend häufig und lange im Publikum unterwegs, was ich aus der Vergangenheit nur von ihm kenne, wenn er keine Freundin hat. Daß er eine hat, wußte ich, doch war sie heute nicht dabei. Dolf sah ich seltener im Publikum.
Als das Festival begann, strich ich Rafa noch einmal über den Arm und ging nach vorne. Opener war Berenice mit ihrer Band. Es gab technische Probleme, die einen reibungslosen Ablauf des Konzerts unmöglich machten. Berenice sagte durchs Mikrophon, sie hoffe, es werde dem Publikum trotzdem ein wenig gefallen. Sie erhielt Zustimmung und Aufmunterung.
Die Bandmitglieder trugen silberweiße Kostüme. Berenice trug ein ausgestelltes Corsagenkleidchen aus weißem Lack. Im Hintergrund lief eine Slideshow mit professionell wirkenden, sehr hell gehaltenen Schwarzweiß-Fotos. Sie zeigten vor allem Tyra und Berenice. Die beiden spielten erotische Szenen, unbekleidet, jedoch ohne daß man "etwas sah". In einer anderen Serie zogen sie ein rotes Herz hin und her, das einzige Farbelement. Dieses Herz war auch Teil der Bühnenshow und gehörte zu dem Titel "Du bist es nicht". Tyra und Berenice haben aus dem Stück ein - wie ich finde - beeindruckendes Duett gemacht, was jedoch aufgrund der technischen Mängel kaum zur Geltung kommen konnte. Rafa stand während dieses Stücks an der Seite und schien es aufmerksam zu verfolgen. Zwischendurch ging er hinter die Bühne, dann wieder ins Publikum, wo er sich mit mehreren Leuten unterhielt, auch mit Cyris.
Passend zu "Du bist es nicht" wurden herzförmige Lollies im Publikum verteilt. Außerdem ließ Berenice zur Entschuldigung für die technischen Probleme den Sekt, der zur Feier des ersten Konzerts gedacht war, gleich zu Beginn ausschenken. Wave zog seinen Bügelbrett-Einsatz vor und bügelte nicht für Feindsender, sondern für Berenice, was für viel Hallo sorgte.
Berenice hatte außer dem Plüsch-Herz einen Stoffhasen als Requisit, den sie wie ein Maskottchen in der Hand hielt. Der Hase gehört zu einem Lied über Kindesmißbrauch.
Hendrik fand, Tyra habe eine gute Singstimme, die ihn an die Sängerinnen aus der NDW-Zeit erinnere.
Hendrik beobachtete Rafa und meinte, im Laufe der vergangenen zehn Jahre sei Rafa sehr gealtert.
"Er lebt ja auch sehr ungesund", meinte ich. "Er raucht wie ein Fabrikschornstein. Du siehst jedenfalls wesentlich gesünder und frischer aus, obwohl du älter bist, denn du rauchst nicht und trinkst nicht."
Artemis erzählte von ihren Erfahrungen mit Darienne. Wenn man Darienne begrüße, sei sie nett und höflich, doch wenn man versuche, mit Darienne eine Unterhaltung zu führen, erkenne man schnell, wie arrogant und oberflächlich sie sei.
Artemis betrachtete Rafa und meinte:
"Er ist ein gutaussehender Mann. Aber wie ein Boygroup-Typ sieht er nun auch nicht aus. Ich verstehe nicht, wie der es immer wieder schafft, diese jungen Mädchen 'rumzukriegen."
"Das ist eine Masche", meinte ich. "Er weiß genau, was er den Mädchen erzählen muß. Er sucht sich vor allem unsichere, naive Mädchen aus, die fallen auf ihn herein."
Nach dem Konzert von Berenices Band war Rafa für längere Zeit nicht zu sehen. Tyra berichtete, daß Rafa im Auto schlafe, weil er sehr müde sei.
Tyra erzählte, was sich heute nachmittag hinter den Kulissen abgespielt hatte. Janus soll zu Rafa gesagt haben, das sei heute ja wie ein Familientreffen. Rafa soll entgegnet haben, er fände das nicht so witzig, "und dann ist Tyra auch noch da".
Immer wieder fand Rafa einen Grund, sich zu Tyra zu gesellen, beispielsweise indem er sie mit Bier und Lebensmitteln versorgte. Zunächst gab es keinen Kontakt zwischen Rafa und Berenice. Als Berenice mit der Technik kämpfte, stellte Rafa sich hinter der Bühne neben Tyra und gab Tips. Dann setzte er mit tränenerstickter Stimme hinzu:
"Und die Sau guckt mich mit dem A... nicht an."
Nach dem Konzert gab es dann doch noch Kontakt zwischen Rafa und Berenice. Rafa tröstete Berenice, indem er zu ihr sagte:
"Wenn ich an das erste W.E-Konzert denke, dagegen ward ihr super."
Rafa lobte Berenices Kostüm; das sehe "spacig" aus.
Berenice wollte Rafa fragen, warum er sie jahrelang betrogen hat, doch sie befürchtete, sich nicht beherrschen zu können und ihm "eins in die Fresse zu hauen". Sie sprach das Thema vorerst nicht an.
Zwischen Opener und Headliner gab es drei Bands zu sehen; keine von ihnen hatte mit technischen Problemen zu kämpfen.
"Es ist gemein, Berenices Band als Erste spielen zu lassen", fand Artemis. "Die haben am wenigsten Erfahrung, als erste Band haben sie es aber am schwersten, und dann haben sie auch noch als Letzte ihren Soundcheck."
Artemis begrüßte Tyra stürmisch, als sie im Publikum erschien. Dann reichte Artemis Tyra herum. Viele W.E-Fans, die sich noch an Tyras Zeit bei W.E erinnerten, hatten sie ins Herz geschlossen und bedachten sie mit Lob, Bewunderung und Zuneigung. Sie äußerten immer wieder, daß sie Tyra vermißten und daß es ihnen lieber gewesen wäre, sie wäre noch bei W.E.
"Tyra ist so lieb, die möchte ich heiraten", sagte Artemis begeistert.
Tyra konnte kaum glauben, daß sie vielen W.E-Fans in so lebendiger und guter Erinnerung ist. Sie hatte oft zu mir gesagt, sicher erinnere sich niemand mehr an sie. Nun wurde sie auf erfreuliche Art eines Besseren belehrt.
Berenice und ihre Bandkollegen brachten das Equipment nach draußen. Ich umarmte Berenice und sagte zu ihr, es sei nur eine Frage der Zeit, daß sie die Technik im Griff haben werde, und damit sei schon das hauptsächliche Problem gelöst. Die Ideen für die Show seien phantasievoll, die Fotos professionell. Berenice sagte, sie habe schon wieder Mut gefaßt und sei zuversichtlich, daß es weitergehen werde.
Hendrik unterhielt sich längere Zeit mit Cyris. Ich legte Geld in Waves Spendenbüchse für die Straßenkinder, was auch schon viele andere getan hatten. Artemis' Freundin Minya machte Fotos, die auf ihrem Profil bei der Online-Szene-Kontaktbörse erscheinen sollen. Darlin, die auch mit Artemis und Minya bekannt ist, erzählte, daß sie sich bei der Online-Szene-Kontaktbörse noch nicht registrieren lassen konnte, weil sie kein Foto von sich selbst besitzt. Sie fotografiert auf Parties viele Leute, nur von ihr selbst gibt es kaum Bilder. Also ging ich mit Darlin zu einem Lamellentor und nahm dieses als Kulisse, um mit Darlins Apparat Bilder von ihr zu machen. Dasjenige, welches ihr am besten gefällt, kann sie bei der Online-Szene-Kontaktbörse hochladen.
Als die dritte Band spielte, tauchte Rafa wieder im Publikum auf. Ich saß gerade mit Darlin auf einer Bank. Darlin erzählte, daß sie die Band W.E erst seit einem Jahr kennt. Darlin wollte unbedingt ein "Look whom I met"-Foto mit Rafa. Ich schlug vor, jetzt könnten wir ein Foto machen, wie sie es wollte, wir müßten nur zu Rafa hingehen. Beim Merchandize-Stand posierte gerade Artemis mit Rafa; er hatte die kleinere Artemis vor sich gestellt und sein gekünsteltes, betont launiges "Fotografier-Gesicht" aufgesetzt. Minya fotografierte die beiden. Minya, eine blondierte Achtzehnjährige im weißen Schwesternlook-Minikleid, war mit ihrem Freund auf dem Festival; sie hätte sonst Rafa ins Netz gehen können, der allerdings heute nicht in Verführer-Stimmung zu sein schien.
Während Minya Bilder von Rafa und Artemis machte, stellte ich mich hinter Rafa, so daß ich mitfotografiert wurde. Ich winkte freundlich in die Kamera. Danach sagte ich zu Darlin:
"Jetzt du."
Rafa erfüllte Darlin sogleich die Bitte, mit ihm zu posieren. Wieder stellte ich mich hinter Rafa und winkte in die Kamera. Als die Bilder gemacht waren, ging Rafa zu Artemis, die jetzt einige Schritte entfernt stand, und redete mit ihr.
Darlin erzählte mir beeindruckt, was sie gerade erlebt hatte: Rafa hatte für die Fotos seine linke Hand um Darlins Taille gelegt. Darlin spürte, daß Rafas Hand heftig zitterte. Das konnte sie nicht verstehen, nicht einordnen.
"Das war, weil ich da war", vermutete ich.
Mit Darlin ging ich zu Artemis. Rafa stand mit dem Rücken zu mir, und ich fuhr zweimal mit einem Finger über den Stoff seines Batik-Oberteils und sagte:
"Das ist wirklich süß."
Rafa suchte das Weite. Artemis berichtete mir staunend und amüsiert:
"Weißt du, was Rafa eben zu mir gesagt hat? Er hat gesagt:
'Ich muß weg, die Alte macht mich irre.'"
Darlin erzählte:
"Wie ich Rafa eben persönlich kennengelernt habe, ich habe gleich gesehen: Der Mann hat ein Problem."
"Das kannst du wohl sagen", pflichtete ich ihr bei.
Zweimal kam Rafa noch zum Vorschein, ehe er auftrat. Einmal sah ich ihn in einem Fischgrät-Wintermantel im Stil der fünfziger Jahre durch den Saal gehen und im Backstage verschwinden. Er machte eine abweisende Miene und warf mir einen kurzen Blick zu. Etwas später sah ich Rafa im ärmellosen schwarzen Muskelshirt beim Merchandize-Stand.
"Ist dem abwechselnd heiß und kalt?" fragte ich mich.
Während des Feindsender-Konzerts stand ich rechts vorne. In der Mitte darf man bei Rafas Konzerten nicht stehen, weil dort betrunkene Jungs in Unterhemd, Armeehosen und schweren Stiefeln herumhüpfen, herumtrampeln und andere Leute anrempeln. Ich werde wohl nie verstehen, wie man von Rafas braven Rhythmen und Melodien zum Pogo angestachelt werden kann, den Jungs geht es aber offensichtlich so.
Rafa hatte alles wie bei früheren Konzerten dekoriert. Im Hintergrund hing die weiße Plastikfolie, die schon 1993 in der "Halle" zu sehen war, mit einer stilisierten schwarzen Faust darauf, aus der Blitze zucken. Rechts und links davon hingen durchsichtige Folien, auf die aus durchsichtigem Plastik Muster geklebt waren, die an Schaltkreise erinnerten. Rafa erzählte durchs Mikrophon, diese Folien habe Dolf vor vielen Jahren gebastelt. Man habe für das heutige Konzert sogar die Geräte entstaubt, mit denen man damals musiziert habe. Dolf stand an einem Keyboard, Rafa übernahm alle Gesangsparts, weitere Bandmitglieder gab es nicht. Rafa hatte sein schwarzweiß gemustertes Lieblingstuch aus der Jugendzeit um den Kopf geknotet. Und er trug ein weißes Zopfschleifchen im Nacken. Wie Tyra später berichtete, gehört das Schleifchen Darienne. Rafas eigene Schleifchen dürften inzwischen kaputt sein.
Rafa trug Spiegelbrille, Sakko und weißes Hemd, und stilecht war auch der offene Hosenstall, aus dem das Hemd hervorlugte. Rafa schien im Laufe des Konzerts Tyras strafende Blicke aus dem Publikum wahrzunehmen; er drehte sich kurz weg und machte sich verschämt den Hosenstall zu. Im Gespräch von Tyra und Berenice kam heraus, daß Berenice in all den Jahren mit Rafa nie bemerkt hat, daß Rafa häufig mit offenem Hosenstall auftritt.
Abgesehen von seinem Hosenstall wirkte Rafa auf mich bei diesem Konzert zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht peinlich, sondern wie ein gewöhnlicher Musiker, den ich ernstnehmen kann. Er spielte seine von den Fans im Forum viele Male gewünschten und bei W.E-Konzerten so gut wie nie gespielten Klassiker "Kaffeeautomat", "Die Maschinen marschieren", "Total normal", "Sinnlos", "Auf nach Golgatha" und sogar ein Stück von dem Feindsender-Vorläufer Honigmond: das punkige und ausnahmsweise zu Pogo wirklich passende "Komm in meinen Mund". Highlight war für mich "Der strahlende Held" aus dem Jahr 1994, von Rafa vorgetragen mit emotionaler Intensität und Authentizität. Das hymnische Stück ist von Orgelklängen begleitet, und als Rafa die Zeile sang "Nun fallt auf die Knie und betet mit mir ...", fiel er auf die Knie und schaute in sich versunken auf das Mikrophon. In diesem Stück schien Rafa auf der Bühne ausnahmsweise er selbst zu sein, drei Minuten lang ohne Fassade.
"Es hätte sich so viel entwickeln können", ging mir durch den Sinn. "Rafa hätte hinfinden können zu sich selbst, zu seinen Gefühlen und zu seinen Mitmenschen. Aber er hat jede Entwicklung im Ansatz zerstört. Auch jetzt, wenn ich ihn so erlebe, scheint es nur, als wenn in ihm ein Damm gebrochen ist, es scheint nur, als wenn er über die Schwelle zu seinen Gefühlen getreten ist. Es sind drei Minuten, weiter nichts, das Erlebnis hinterläßt in ihm keine Spuren, es verändert nichts in ihm."
Rafa nahm während des Konzerts für wenige Sekunden seine Spiegelbrille ab, als das gerade zu einem Liedtext paßte. Mit etwas Mühe setzte er sie wieder auf; er hielt in einer Hand das Mikrophon und hatte nur die andere noch frei.
Rafa trug auch Titel vor, die ich oberflächlicher finde, darunter "Nyntändo-Schock", "Telefonsex", "ABC-Alarm", "W.O.L.F.", "Die deutsche Jugend" und "Cyberspace". Wenigstens gab es in "Cyberspace" nicht Tessas Stimme zu hören; Rafa sang alles selbst, und am Schluß hielt er das Mikrophon für die "Cyberspace!"-Rufe ins Publikum. Er konnte mit wenigen Gesten das Publikum lenken, so daß fast alle - ich freilich nicht - auf sein Kommando "Cyberspace!" riefen.
Zwischen zwei Titeln sagte Rafa durchs Mikrophon:
"Oh, jetzt kriege ich voll den melancholischen Schub, ich glaube, ich fange gleich an zu weinen."
Immer wieder habe ich bei Rafa Ansätze erlebt, echte Gefühle zu zeigen, aber es hielt nie vor.
Drei Stücke spielte Rafa nicht, auch wenn sie von den Fans gewünscht wurden: "Ganz in Weiß", "Schneemann" und "Ich träum von dir". Diese Stücke haben einen unmittelbaren Bezug - persönlich und zeitlich - zu meinen innigsten Begegnungen mit Rafa.
Während des Stücks "Es ist eingeschaltet" zerschlug Rafa mit einer Spitzhacke einen Fernsehapparat. Die Performance wirkte durch ihre Aggressivität verstörend. Rafa sagte nach dem Stück durchs Mikrophon:
"So, jetzt wissen Sie auch, was wir von solchen schwarzen Kästen halten."
Gegen Ende des Konzerts wurden die weiße Hintergrundfolie, ein "Es ist an der Zeit ..."-Original-Tape und ein W.E-Plakat versteigert. Rafa holte für die letzte Versteigerungsrunde die beiden Meistbietenden auf die Bühne, zwei freundlich und brav wirkende Jungen. Einer von ihnen zahlte 350,- Euro für das Paket, welche von Rafa auf 400,- Euro aufgerundet und für die Straßenkinder-Hilfsinitiative gespendet wurden. Rafa betonte mehrfach, er komme gar nicht darüber hinweg, daß jemand 350,- Euro für diese Sachen bezahle.
Mehrere Zugaben wurden herbeigeklatscht. Rafa bekam dieses Mal auch von mir Applaus, einerseits weil mir das Konzert gefiel, andererseits weil keine seiner Freundinnen auf der Bühne stand.
Rafa sagte nach einer Zugabe, für alle Zeiten sei dies das letzte Konzert von Feindsender gewesen. Nach der letzten Zugabe sagte er:
"So, das war's für heute."
Rafa bedankte sich beim Publikum und auch bei der Crew im "Blendwerk", darunter "Mutti an der Theke":
"Die wird mich bestimmt gleich heira... äh ... adoptieren."
Nach dem Konzert kam Rafa noch einmal kurz vors Backstage, in Batik-Oberteil und gestreifter Hose. Die Brille hatte er wieder abgesetzt. Er unterhielt sich mit einigen Fans. Ich konnte ihm flüchtig über die Schulter streichen. Rafa schaute bewußt durch mich hindurch.
Während die Safety-Crew die Gäste aus dem Saal scheuchte, holte Tyra ihre Sachen aus dem Backstage und fragte Rafa, ob er auch zur Aftershow-Party ins "Memento Mori" kommen wollte. Er entgegnete, er wisse es noch nicht; er sei sehr müde, vielleicht aber werde er dort erscheinen.
Rafa ging zum Abbauen der Geräte auf die Bühne, und ich fuhr mit Hendrik, Tyra, Berenice, Baryn und einem der Musiker, die mit Berenice und Baryn zusammenarbeiten, zum "Memento Mori".
Auch Tyra hat die Szene, in der Rafa den Fernseher zerschlug, sehr beeindruckt. Sie meinte, Rafa müsse unglaubliche Aggressionen in sich tragen.
Tyra erzählte, Rafa leide darunter, nicht vom Fernseher wegzukommen. Er schaue unentwegt Videos und könne sich von dem Kasten nicht lösen.
"Darüber singt er in dem Stück 'Betäubung'", merkte ich an. "Rafa ist wütend auf sich selbst, weil er sich nicht unter Kontrolle hat."
Im "Memento Mori" saßen wir in einer Nische an einem der Tische in Sarg-Form. Auf der Tanzfläche war es auch jetzt, um drei Uhr nachts, noch so voll, daß man sich dort kaum bewegen konnte. Berenice sagte zu Tyra, sie werde sie als festes Mitglied in ihre Band aufnehmen, und das entscheide sie ausnahmsweise, ohne Baryn zu fragen.
"Aber ich bin doch keine Veganerin", wandte Tyra ein.
Baryn meinte, das sei hier ausnahmsweise nicht wichtig; wichtig sei, daß man zuverlässige Leute habe. Er sei jedenfalls einverstanden mit Berenices Entscheidung.
Artemis, Minya und Darlin traf ich im "Memento Mori", Rafa aber nicht mehr, was ich auch nicht anders erwartet hatte, war doch der Abend bereits recht anstrengend für ihn gewesen.
Als "Perpetual" von VNV Nation und "Phenomena of Visitation" von Die Form gespielt wurden, hatte sich die Tanzfläche soweit geleert, daß ich genügend Platz hatte zum Tanzen.
Gegen fünf Uhr morgens brachte ich Berenice, Baryn und den Musiker ins Hotel. Danach gab es bei Hendrik eine Kleinigkeit zu essen, und dann legten Tyra und ich uns am Kaminfeuer schlafen.
Hendrik war vor mehr als zehn Jahren in Lucardis verliebt, die jedoch die Beziehung mit ihm beendete, um zu ihrem vorherigen Freund nach Südafrika zu ziehen. Neulich hat Hendrik Lucardis wiedergetroffen. Er empfand keine Verliebtheit mehr. Lucardis ist von dem Mann längst getrennt, dessentwegen sie nach Südafrika zog, und nach ihm hatte sie mehrere andere Freunde. Inzwischen lebt sie wieder in Deutschland.
Hendrik fühlt sich von seiner Freundin Eline enttäuscht, weil sie eine Verabredung nicht eingehalten hat. Als er Eline darauf ansprach, betonte sie, es sei ihr ernst mit ihm.
Beim dritten Frühstück nachmittags um drei erzählte Hendrik von seiner Flucht aus der DDR im Jahr 1987. Er wollte über die jugoslawisch-rumänische Grenze fliehen. Er wurde aber festgenommen und saß ein halbes Jahr in Haft, ehe er durch die Bundesrepublik freigekauft wurde.
Gegen Abend fuhren Tyra und ich zu mir. Tyra erzählte, daß Octavian sich trotz mehrerer Versprechen nicht mehr bei ihr gemeldet hat und daß sie ihn inzwischen abgeschrieben hat.
Tyra meinte, sie habe Gefallen gefunden am Leben. Das Leben könne spannend sein und Spaß machen. Daß sie noch vor wenigen Monaten keine Lust mehr zum Leben hatte, liegt für sie schon in weiter Ferne. Tyra scheint es schwerzufallen, Erlebtes zu bearbeiten und einzuordnen. Die Möglichkeit, durch das Niederschreiben von Ereignissen Ordnung hineinzubringen, birgt für Tyra die Gefahr, durch belastende Erinnerungen in ein Stimmungstief zu stürzen. Sie verbrennt ihre Erinnerungsstücke lieber, als sie wegzusortieren. Durch das Beiseiteschieben belastender Erlebnisse können sich die Erinnerungen jedoch verselbständigen und als Panikattacken, Schlaflosigkeit und andere Mißbefindlichkeiten wieder zum Vorschein kommen. Die Erinnerungen schreien gewissermaßen danach, geordnet und archiviert zu werden, gewürdigt zu werden, eingebaut zu werden in die Biografie. Für diese Arbeit ist allerdings eine ausreichende seelische Stabilität erforderlich.

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